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GedankenLos

LUISE

Chronik einer flüchtigen Leidenschaft

I. Vergessen
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Luise Marquardt, in einer dunklen Jeans, gutsitzender leichter Blouson-Jacke und schwarzweißen Sneakers leger und geschmackvoll gekleidet, überquerte mit sicheren Schritten eine breite Straße, die um diese Uhrzeit wenig befahren wurde. Es war ein milder Frühsommermorgen, der ein warmer und friedvoller Tag zu werden schien. Weiches Sonnenlicht schimmerte angenehm rosa auf Luises Teint und das kräftig dunkelbraune und naturbelassene Haar fiel der Mittdreißigerin locker über ihre Schultern. Sie schlenderte zielstrebig auf einen schicken Geländewagen zu, der am Straßenrand parkte und stieg ein.
Luise zog die Tür des Wagens mit einer leichten Handbewegung zu und das Blech fiel mit einem unverhofft satten und beruhigenden Klang ins Schloss. Ein dezent vertrautes Geräusch, wie ein Garant, dass man hoffentlich heil ankommen wird, was immer das Ziel ist, dachte Luise. Sie stutzte augenblicklich und wunderte sich, wie ein Klang einer Autotür Sicherheit garantieren könne. Sie verwarf weitere Gedanken in diese Richtung und kuschelte sich in den eingesessenen Fahrersitz aus Leder. Sie schloss die Augen, atmete tief und ausgiebig durch die Nase ein, hielt diesen Moment für einen gewissen Zeitraum in sich fest und pustete langsam Luft durch den Mund wieder aus, als wäre sie am Ende einer Entspannungsübung angelangt. Ein Ritual, das ihr vertraut war, denn die guttuende Wirkung ließ sie für einige Augenblicke tief und entspannt auf dem Leder ausruhen.
Momente später schlug sie die Augen auf und richtete ihren Blick zum Beifahrersitz, dessen schwarzer Lederbezug fast unangetastet anmutete. Sie betrachtete wohlwollend ein großes Paket, das in buntes Geschenkpapier eingewickelt und wie von unsichtbaren Händen auf dieser Sitzfläche abgelegt worden war. Drapiert mit einer festlich roten Schleife aus Satin, dass freudig und unübersehbar damit kokettierte, aufgebunden zu werden, sodass der überraschungsvolle Inhalt zum Vorschein kommt. Dieses farbenfrohe Paket erweckte den Eindruck, dass es feierlich an einen jungen Empfänger übergeben werden würde. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich über Luises Gesicht aus. Sie nahm erneut einen tiefen und langen Luftzug durch die Nase, als saugte sie diesen absehbar herrlichen Tag in sich ein und hielt ihn für immer darin fest. Sie atmete langsam wieder aus und setze den Wagen in Gang.
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Junge männliche Hände, zittrig nervös, mit kurzen verschmutzten Fingernägeln und dreckig verklebten Fingerkuppen, mühten sich ungeduldig an kleinen fragilen Plastikteilen ab, diese mit Klebstoff sorglos zusammenzusetzen. Die Finger trugen den Kleber derart ungleichmäßig dick auf, dass er sich beim Zusammenfügen der einzelnen Verbundstücke des Materials über die jeweiligen Kanten zähflüssig herauspresste und allzu große und geleeartige Wülste erzeugte, welche drohten wegzufließen. Die jungen Hände wischten den überschüssigen Klebstoff grob mit den Fingern weg und strichen die Stellen mehrmals glatt, sodass an den Klebestellen unansehnliche Schmiereffekte entstanden. Es handelte sich bei diesem Werkstoff, der unsauber aber zügig verarbeitet wurde, um ein Modellbau-Kriegsflugzeug aus typisch hellgrauem Kunststoff, blank und roh bekanntermaßen, wenn man schon einmal solche Modelle zusammengebaut hatte.
Ein kleiner runder Pinsel wurde in ein Farbtöpfchen getunkt. Die Finger pinselten das unfertige Flugzeug dermaßen schwungvoll und ungelenk mit signalroter Farbe an, dass der Auftrag misslang und auf dem ersten Blick etwas unschön aussah. Wenn man diesen Vorgang eher wohlmeinend betrachtete, würde man annehmen, dass diese expressive Handlung beinah wie beabsichtigt erschien. Fast schon so, als hätte jemand künstlerisch gewieft seine Pinselstriche gesetzt, dass er genau wüsste, was er da anstellte.
Die Kunst, gewollt oder vertrieben, verrückt und entrückt, verletzlich dennoch grob, leicht aber tonnenschwer, virtuos beziehungsweise naiv – sei’s drum, was immer sie ist andernfalls sein will –, unterliegt permanent der Deutungshoheit betrachtender Personen. Die in einem Prozess personifizierter Eindringlichkeit – im schlimmsten Fall, in einem Anflug von Überheblichkeit und Anmaßung – das gesamtes Bild zuerst ersehen und dann erfühlen: Um die Kunst an sich und ihr Wesen zu erkennen und diese für sich selbst zu beurteilen und zu bewerten, nicht wahr? Was aber, wenn der ‚Hinsehende‘ das Werk nicht ‚sieht‘ und versteht? Oder keine Orientierung hat? Sogar in seiner eigenen Auslegung sich stattdessen gänzlich verliert? Wohin das mitunter führt, weiß niemand so genau, aber ansatzweise und hoffentlich zu einem ernsthaften und lebendigen Diskurs der Ideen von Kunst und ihren geheimnisvollen und unergründlichen Möglichkeiten des Schöpferischen, des manchmal Absurden und Surrealen und dennoch:
Ab und an und leider des Öfteren führt dieses ganze ‚Hickhack‘ über die Kunst fälschlicherweise zu der Plattitüde ‚Schönheit liegt im Auge des Betrachters‘. Und das vermag durchaus schmerzvoll sein, nicht nur für den Rezipienten! Denn wir erinnern uns auf diesem Weg – und als Beispiel – an Luis Buñuels berühmten Kurzfilm »Ein andalusischer Hund«, Un chien andalou, von 1929.
Die Luft im Raum war durchtränkt von Gerüchen zahlreicher Farben, diverser Klebstoffe, abgelegter und getragener Kleidungsstücke und jungem männlichen Schweiß. Dieses Duftgemisch breitete sich zu einer muffigen Parfümwolke aus, die sehnlichst darauf wartete, aus irgendeiner kleinen Ritze des Raums in die Freiheit der frische Luft nach draußen zu entweichen. Und von irgendwoher erklang das vergnügliche, unrhythmische und leise Summen einer jungen männlichen Stimme, die sang- und klangvoll große Freude und Gelassenheit an ihrer kreativen Bastelarbeit verlautbarte.
Schlagartig und ohne Grund rutschte die ‚malende‘ Hand aus und die knallrote pastose Plakafarbe landete auf dem hellen Papier-Untergrund des Basteltischs, anstatt auf dem grauen Kunststoff des Modells.
Welch ein Segen hätte der sensibilisierte Betrachter augenblicklich diesen ›Wurf‹ innerlich zu bejubeln nicht bereut und darin sich sogar bestätigt gesehen, dieser wild und scheinbar unkontrolliert schwingenden Hand womöglich spontane und gelungene Kunst zu attestieren, anstatt nur reine Makulatur.
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Luise fuhr mit ihrem Auto auf einer einsamen Landstraße, die partiell von weitläufigen und jüngst frisch gemähten Feldern umgeben war. Diese an ihr vorbeiziehende Landschaft wechselte mit Fluren ab, die unregelmäßig mit altem Baumbestand bewohnt und von Abschnitten großer Wiesenflächen umschlossen waren, die wild bewuchert brach lagen und darauf warteten, ebenfalls für die Heuernte vorbereitet zu werden. Luise war bestens gelaunt und sang leise einen Song mit, der im Autoradio lief und den Innenraum des Fahrzeugs wie eine willkommene Geräuschkulisse unaufdringlich ausfüllte.
Das Auto bog von der Landstraße in einen schmalen Feldweg ab, der unverhofft und im Gegensatz zu der Umgebung davor, von kargen und kleineren sich unnatürlich aneinanderreihenden Ackerflächen umsäumt wurde. Luise war innerlich beruhigt, dass sie in diesem komfortablen Geländewagen saß, denn »das macht echt Laune mit dem Auto hier durchzufahren«, sagte sie leise zu sich selbst, derweil sie vergnügt und mit Elan die unebenen und hubbeligen Teilstücke dieser Strecke als kleine Herausforderung zu meistern versuchte.
Am Ende des Weges entschwand der Wagen in einen angrenzenden Wald, der sich beinah wie ein Tor zu einer anderen Welt geheimnisvoll und dunkelgrün öffnete.
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Auf dem großen Basteltisch herrschte ein heilloses Durcheinander, sodass man der Erkenntnis verfiele, dass es sich bei dieser Unordnung um einen Abenteuerspielplatz für Augen handelte, die sich an dieser zufälligen Komposition nicht satt genug sahen. Oder man riefe stattdessen beherzt aus:
»Das ist wahrlich gelungen, bitte so lassen!« Oder »Hier sind aber einige GedankenLos
Diverse Bastelmaterialien zum Beispiel gutriechender – wenn man es denn liebte – echter Plakafarbe anspruchsvoller Qualität, hauptsächlich grelles Rot, Signalgrün, Gelb und ein Rest von erschreckend ungewöhnlichem Hellblau. Allesamt und definitiv das Gegenteil von Le Corbusiers Farbsystem ‘Polychromie Architecturale’. Weiterhin erkannte man auf diesem Tisch kleine und größere bunte Aufkleber für die Flugzeugdekoration. Ebenso feine Drahtkordeln, teilweise zerknüllte wie erneut glatt gestrichene Kritzelzeichnungen und vieles mehr, dass jeder entdeckte, wenn man genug Zeit und Geduld auf diesen ‚Spielplatz für erfreute Augen und fleißige Hände‘ mitbrachte. Zu den Flugzeugen, die fast fertig zwischen all diesem Tohuwabohu herumlagen und auf ihre Bestimmung warteten – was immer diese waren –, gesellten sich außerdem ein paar teils unfertige flugzeugähnliche Flugobjekte und sogar zwei kleine Kriegsschiffe hinzu, die ebenfalls dilettantisch — »Verzeihung, ich meinte sicher virtuos« — mit greller Farbe ‚bemalt‘ worden waren.
Wenn man diesen überdimensionalen Basteltisch bis zu seinen Rändern hin untersuchte, entdeckte man unvermuteterweise die Lunten von zwei imposant großen Böllern, deren wuchtige Körper unter farbverschmierten Zeitungsfetzen verräterisch hervorlugten. Aber nur so weit, dass sie womöglich unentdeckt blieben, damit man sich nicht unnötig um sie sorgte. Es waren solche Knallkörper, die von ihrer Erscheinung mit Bestimmtheit nicht in kindliche oder jugendliche ‚Flossen‘ gehörten. Genauso Hände von Erwachsenen müssten mit ihnen vorsichtig und sehr sorgsam umgehen.
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Luise manövrierte ihr Fahrzeug mit Bravour über eine enge und kurvenreiche Waldstraße hinweg. Sie hatte bis zu diesem Zeitpunkt kein Gegenverkehr bemerkt, der ihr ein vertrautes Gefühl von ‚Gott sei Dank ich bin hier nicht allein unterwegs‘ vermittelte. Die Umgebung – der angrenzende dunkelgrüne Wald entlang der beengten zweispurigen Straße – erschien ihr seltsam verlassen und unbewohnt. Würde zu aller Ungewissheit zusätzlich ein umgefallener und schwerer Baum diese schmale Fahrbahn versperren, wäre dies wie eine unheimliche Szene aus einem Film, den jeder irgendwoher kannte, schauderte Luise innerlich. Und sie fragte sich, ob dieser Wald Tiere beherbergte, denn diese merkwürdige Atmosphäre, die für sie über dieser Baumlandschaft fast wie eine Bürde aus längst vergangenen Tagen lag, empfand sie nicht sonderlich einladend. Vielmehr entwickelte sich in ihr ein bedrückendes Gefühl, das sie nicht ohne jedwede Skepsis rational einzuordnen, gewohnt war.
Dieser Tag war von Anbeginn so erfreulich warm und sonnenstrahlend erheiternd für sie. Sonst hätte sie die Fahrt an diesem Abschnitt nicht als so leicht und relativ angenehm empfunden – obgleich ihrer Vorfreude und teilweise unterschwelligen Aufgeregtheit und Nervosität –, beim Anblick dieser Umgebung. Und erst recht bei Nacht, Nebel oder nachteiligem Wetter, hätte sie mehr Angst und Unsicherheit überkommen, als sie in diesem Moment bereit war, sich selbst einzugestehen.
Mit einem sanften Kopfschütteln ließ Luise von weiteren aufkommenden Gefühlsschwankungen ab, wischte ihr Bedenkenpaket gedanklich beiseite und setzte ihre Fahrt fort. Begleitet von Licht und Schatten, die große und dicht beieinanderstehende Bäume erzeugten, derweil der Wagen an ihnen mit Leichtigkeit vorbeizog.
Luises sorgenvolle Stimmung löste sich allmählich auf, und sie konzentrierte sich auf das natürliche Licht- und Schattenspiel der hochgewachsenen Nadelbäume, die der Wald eindrucksvoll anzubieten hatte. Ihre Laune erhellte sich, da sie diese Hell- und Dunkel-Lichtreflexionen auf ihrem Gesicht wie ‚beweglich streichelnd‘ und angenehm lebendig empfand, während sie weiterfuhr. Einige Zeit später bremste sie den Wagen betusam ab und bog in einen schmalen Waldweg ein, an dessen Anfang ein stilvoll gestaltetes Schild mit der Aufschrift ‚Privatweg‘ den Besucher auf ein zeitiges und freudiges Ziel hinwies oder vorbereitete. Je nachdem, was er sich sehnlicher wünschte.
Nach einer Weile der Autofahrt, vorbei an saftig grünen Wiesen, auf denen friedlich grasende Neuseeland-Schafe ein herrlich idyllisches Naturbild abgegeben hätten, endete der Waldweg abrupt und ohne Vorwarnung. Eine mit feinem grauen Basaltsplitt ausgelegte Hofeinfahrt zu einem großen und in hellen Farben gehaltenen Landhaus öffnete sich vor Luises Augen. Sie hielt den Wagen an und besah sich die Architektur, wie jemand, der ein Haus betrachtet, das er schon kennt, aber erneut entdeckt. Gewisse Teile der klassischen Außenfassade schienen konsequent und harmonisch in Kontrast mit einem eleganten Bauhausstil der 20er Jahre in friedlicher Koexistenz zu stehen und unaufdringlich aber entschlossen bereit, ebenso miteinander zu konkurrieren.
Sie fuhr auf den großzügig angelegten Innenhof auf und hielt den Wagen an, ohne Lärm zu verursachen.
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Die massive und glatte Haustür des Landhauses wurde von innen in der Mitte in zwei gleiche Teile dynamisch aufgeschoben. Tim Marquardt, ein schlanker und hochgewachsener junger Mann androgyner Gestalt, mit seltsam blasser Haut und dunklen Haaren, die wild nach hinten gekämmt waren, stürmte mit Freudengebrüll auf Luises Wagen zu. Er hatte dieser Ankunft scheinbar sehnsüchtig entgegengefiebert, dass nichts anderes in diesem Augenblick für ihn zählte wie das Wiedersehen mit ihr.
Luise stieg entspannt und lächelnd aus ihrem Fahrzeug aus, und bevor sie irgendetwas sagte oder gestikulierte, schleuderte sich Tim ihr fest und unkontrolliert entgegen. Körper an Körper prallte Fleisch auf Fleisch, was Luise kurz irritierte. Ihre Standfestigkeit aus vergangenen ‚Tänzerin-Tagen‘ erwies ihr in diesem Moment praktische Dienste, denn sie fing Tim und sich mit einem Ausfallschritt nach hinten elegant ab. Beide lachten vergnügt und Tim umarmte sie kräftig und unbeholfen eng mit seinen beiden langen Armen, schmiegte sich innig an sie an und lehnte seinen Kopf sanft herunter an ihre Stirn. Wie wenn er ein geheimes Ritual zwischen ihm und Luise wiederholte und festigte, so wie manche Menschen sich herzlich austauschten, die einander vollauf vertraut waren.
»Luise, endlich bist du da«, flüsterte Tim laut, nachdem er nach seiner ersten Aufgeregtheit wieder Luft holte.
Überwältigt von Tims überschwänglicher Begrüßung erwiderte sie die Umarmung des jungen Mannes liebevoll und streichelt sanft seinen Kopf.
»Tim, mein Großer, ich hab’ dich so vermisst«, sagte sie lieb.
Sie schaute in seine strahlend blauen und klaren Augen hoch, worauf er erwiderte:
»Ich auch.«
Tim löste sich spontan von seiner eigenen Umklammerung und präsentierte ihr mit großen und leuchtenden Augen sein neues und ‚unschön‘ — »Verzeihung, ich meinte sicher virtuos« — bemaltes Kriegsflugzeug oder Flugobjekt, je nachdem, als was man es lieber erkannte.
»Guck mal, Luise ... das kann fliegen … und schau mal wie!«, rief er und offerierte daraufhin begeistert seine ‚Parade‘, die er eigens für sie einstudiert zu haben schien.
Luise verfolgte belustigt und gespannt das Schauspiel von Tim, der sich von jetzt auf gleich in seinem selbstverliebten Spiel verlor: Er schleuderte beide Arme unkoordiniert in die Luft, um das Flugzeug in den Himmel aufsteigen zu lassen. Dann lief er slalomartig in Richtung Gebäude und wieder zurück, während er mit abwechselnd nach links und rechts kreisenden Bewegungen seines gestreckten Führungsarms den dramatischen Flug des Fliegers nachahmte. Wie es emporstieg, höher und höher, sich im Sturzflug dem Erdboden gefährlich und riskant näherte, aber im letzten Moment sich wieder fing und abdrehte, um dann am Boden entlang in einem weiten Bogen sich erneut in die Lüfte zu erheben. Um gewiss nicht jeden Augenblick auf den grauen Basaltsplitt gewaltig aufzukrachen, um dort in tausend kleine Teile zu zerschmettern. Er jubelte und jauchzte vor Freude. Tim war so intensiv in seine eigene ‚Ich-fliege-Flugzeug-Welt‘ eingetaucht, dass er alles um sich vergaß.
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Weder Luise, und erst recht nicht Tim, bemerkten, dass auf der Schwelle der aufgeschobenen Haustür Helga Marquardt schon eine ganze Weile stand und das vergnügliche Treiben beobachtete:
Eine perfekt gestylte Endfünfzigerin, deren dunkelbraun geglätteter Pagenschnitt und ihr vornehm in dunkelblau und beige gehaltener Kleidungsstil mit leichter lässiger Bluse, feiner Stoffhose und kostspieligen bequemen Loafers die Frau des Hauses zu einer ungewöhnlich gutaussehenden Erscheinung formte. Sie lächelte zufrieden in Luises Richtung und winkte ihr dezent zu.
»Luise, pünktlich wie immer«, rief sie.
Ihre distinguiert leise Stimme drang kaum bis Luise durch, aber sie wurde dennoch wahrgenommen – Luise winkte ihr zurück.
»Jetzt kommt doch endlich rein … ihr beiden. Tim, du auch bitte! Es gibt bald Essen!«
Luise schlenderte mit leichten Schritt auf die anmutige Frau zu und begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange.
»Hallo Mama, schön dich zu sehen.«
»Freut mich, dass du da bist, Luise. Hattest du eine gute Fahrt?«
»Ja, es war ganz angenehm. Es ist immer wieder aufregend, durch diesen Wald zu fahren.«
»Dieser Wald ist in der Tat etwas Besonderes«, erwiderte die Mutter.
Die beiden Frauen schauten einander liebevoll an und die Mutter gestikulierte eine einladende Bewegung mit ihrer Hand.
»Komm, lasst uns reingehen«, sagte sie.
Luise rief Tim mit einer vertraulichen Gebärde herbei, ähnlich dem ‚Vulkanischen Gruß‘, jedoch etwas abgewandelt: Drei zu einem anstatt zwei zu zwei Finger, Daumen nicht mitgezählt!
Daraufhin betraten die drei gemeinsam das Haus, allen voran Tim, der den beiden Frauen förmlich davonlief. Weiterhin angetrieben von seinem eigenen Spiel, gleichwohl er das Flugzeug nach wie vor vergnügt in der turbulenten Flugbahn hielt und quietschvergnügte Laute von sich gab, die in den weiten Räumen des Landhauses allmählich verhallten.

II. Erinnern
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Luise hielt im elegant anmutenden Entrée des Hauses abrupt inne, da sie sich an irgendetwas flüchtig erinnerte, stockte kurz, weil ihr der Gedanke aber beim besten Willen nicht wieder einfiel, derweil die Mutter zügig weiterging.
»Luise, ich muss mich um das Essen kümmern, du kannst ja gleich Paul begrüßen!«
»Ist gut Mama«, erwiderte Luise, »ich gehe schnell zu Tim runter und bringe ihn dann mit hoch.«
»Mach das!«, sagte die Mutter, bevor sie in einen anderen Raum entschwand.
Der Eingangsbereich des Hauses war großzügig geschnitten und relativ dunkel gehalten – ohne nennenswerten Lichteinfall von außen –, was auf dem ersten Blick zur hellen und freundlichen Außenfassade nicht zu passen schien. Luise verweilte einige Augenblicke dort und vernahm, dass sich ihre Augen allmählich an diese dunkle Umgebung gewöhnten. Kurze Zeit später bemerkte sie, dass ansprechende und scheinbar sorgfältig arrangierte Kunstwerke an den Wänden sich unaufdringlich aber deutlich zu erkennen gaben, ohne dass diese Arbeiten unnötig mit künstlichen Lichtquellen oder Spots aufgehellt wurden. Im Gegensatz dazu, da Luise dies oftmals an verschiedener Stelle gesehen hatte beziehungsweise in anderweitigen Raumsituationen selbst schon konzipierte: Wenn das Lichtkonzept klassisch nützlich und eher pragmatisch ausgelegt worden war oder eben so gewünscht wurde. Aber hier im Hause Marquardt schien nichts dem Zufall überlassen zu sein und der ‚Empfang‘ gestaltete sich unauffällig in seiner Wirkung und wurde dennoch fein und genau für diese ‚subtile‘ und ungewöhnliche Eingangssituation komponiert. Das muss man den Eltern schon lassen, sie sind zweifellos geschmackssicher, dachte Luise unvermittelt.
Im Weiteren empfand sie ebenfalls ansprechend, dass von dem langen und hellen Korridor, der die Besucher geradewegs im Eingangsbereich abholte, einige unregelmäßig lichtdurchflutete Räume ohne ersichtliche Türen abgingen. Das erinnerte sie an ihre Fahrt durch den Wald, wo ein ähnliches Hell- und Dunkel-Spiel wie von Außen hier ins Innere des Hauses eingebracht worden war. Was die durchdachte Einbindung dieser Innenarchitektur in seine natürliche Umgebung schlüssig und überzeugend erscheinen lässt, sinnierte sie.
Luise bewegte sich den hellen Flur entlang und bog in ein kurzes Seitenstück des Korridors ein, der in diesem Fall mit indirektem und unsichtbar versenktem Konturlicht ringsum zur Decke hin dezent ausgeleuchtet war. Am Ende der Diele zeigte sich die einzige geschlossene Tür im Haus, deren ursprünglich makellose glatte und weiße Farboberfläche scheinbar schon mehrmals mit ebenso dergleichen Farbe sichtbar übertüncht worden war, weil der farbig bekleckerte Untergrund stets plastisch durchzudringen vermochte. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Tür von Neuem mit greller Farbe verziert wird, grübelte sie. Sie grinste in sich hinein, öffnete die Tür und stieg langsam eine Treppe hinunter.
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Luise betrat einen großen Raum, der nicht allzu hell wirkte, denn abgesehen von einem kleinen schmalen Fenster fand kaum Tageslicht den Weg nach innen. Das Zimmer wurde an verschiedenen Stellen mit künstlichen Lichtquellen ausgeleuchtet, die eine unnatürlich und ungemütliche Wohnatmosphäre erzeugten. Der Raum erinnerte mehr an einen Hobbyraum, der zu einem Jugendzimmer umgestaltet worden war – oder es verhielt sich sogar umgekehrt. Es würde sich zumindest nicht eindeutig belegen lassen, welches Ausstattungsmerkmale diesen Raum einmal auszeichneten beziehungsweise wer ihn zuletzt bewohnte oder gar anderweitig benutzte.
Sie sah zu Tim hinüber, der mit dem Rücken zu ihr an seinem großen Basteltisch saß. Er war mit sich selbst beschäftigt, sodass er sie nicht bemerkte. Von Neugier erfüllt schaute sie sich in diesem Zimmer um, wie sie an einen Ort zurückkehrte, der ihr einst womöglich vertraut erschien. Mit wachen Augen den Raum abtastend, ließ ihre angespannte Körperhaltung erahnen, dass sie unter Umständen eigene Erinnerungen an diese Räumlichkeit hatte, wobei sich ihre stumme Mimik weiteren Gedanken unweigerlich verschloss. Ihr Blick blieb an einer mittelgroßen und geschmackvoll in Nussbaumholz eingerahmten Fotoarbeit an der Wand hängen, die eine Waldlandschaft in Schwarz-Weiß darstellte. Welches einerseits durch einen natürlichen Sonnenlichteinfall seltsam vertraut erschien, andererseits aber bei längerer Betrachtung düster und verunsichernd auf sie wirkte. Außer einem einzelnen Baumstumpf in einem ansonsten dichten Wald mit einer angrenzenden tiefen Kuhle in unmittelbarer Nähe, war nichts Besonderes auf dem Bild zu sehen. Ihre Augen starrten auf diese Fotoarbeit, als suchten sie etwas Unbestimmtes zu deuten. Ähnlich erging es dem Protagonisten im Film »Blow Up«, der, durch die Neugier des Fotografen angespornt, in einem Foto einer Frau im Park mit Bäumen einen gewissen Ausschnitt so lange als Detail vergrößerte und vervielfältigte, bis er etwas ‚Verdächtiges‘ auf dem zuletzt entstandenen Abzug zu erkennen schien.
Sie wandte sich augenblicklich von diesem Bild ab, trat von hinten an Tim heran und schaute über seine Schulter:
Tim befestigte grob einen gewaltigen Böller an sein unschön — »Verzeihung, ich meinte sicher virtuos« — bemaltes Flugzeug, indem er diesen Knallkörper mit feinem Draht an den Rumpf des Fliegers instinktiv fest und zügig umwickelte. Der imposante Kracher besaß eine mittellange Lunte und wirkte am Rücken des Fluggeräts wie ein Raketenantrieb, der diesem Flugobjekt massiven Auftrieb verschaffte, damit dieser sich in die Lüfte erhob, um fortzufliegen. Oder auch nicht! Tim war mit seiner Arbeit zufrieden und legte den großen Flieger hastig zur Seite weg, derweil der sanfte Luftzug seiner schnellen Handbewegung einen anderen Böller, der unter einer alten farbverschmierten Zeitungsseite halb im Verborgenen lag, gänzlich zum Vorschein brachte. Dann wandte er sich einem Kriegsschiff zu, das er ebenfalls mit Farbe ‚bemalte‘. Der junge Mann summte irgendetwas leise und vergnügt vor sich hin.
Luise betrachtete diese beiden Böller genau – und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem sanften Lächeln. Sie war beim Anblick dieser wuchtigen Knallkörper überhaupt nicht beunruhigt, denn sie war sich sicher, dass sie Attrappen von einer Filmrequisite waren. Sie hatte diese von einem Freund, der bei einer Filmproduktion arbeitete, einst geschenkt bekommen, weil sie unbenutzt übriggeblieben waren. Und dass Tim diese Art von ‚Raketenantrieb‘ über alles liebte, wusste sie nur allzu gut, und deshalb hatte sie ihm diese Böller mitgebracht. Tim musste ihr dennoch hochheilig versprechen, dass er die Lunten niemals anzünden würde. Abgesehen davon hätte er dies unter keinen Umständen bewerkstelligt, denn im Hause Marquardt wären nirgendwo Streichhölzer, oder gar ein Feuerzeug zu finden. Und sie war sich ebenfalls sicher, dass ohnehin nichts Schlimmes passierte, da im Körper unterhalb der Ummantelung der ‚Dynamit-Stangen‘ definitiv kein Sprengstoff beziehungsweise ähnlich explosives Material vorhanden war. Trotzdem stellte sie Tim in ihrer Sorgfaltspflicht eindringlich darauf ein, dass er ihren Anweisungen Folge leistete. Denn erstens sahen verbrannte Lunten unschön aus und zweitens war Sicherheit – so oder so – immer vorrangig. Und genau das begründete sie vor ihren Eltern ebenfalls lange und breit, dass von diesen großen Böllern definitiv keine Gefahr ausginge, bis die beiden sich damit einverstanden erklärten, dass Tim diese Kracher für sein Spiel bekommen würde.
Sie legte ihre Hand sanft auf Tims Schulter, um ihn nicht zu erschrecken und ihn vorsichtig daran zu erinnern, dass sie anwesend war. Dennoch schreckte er kurz auf und lächelte sie gutgelaunt an, weil er sie schon ungeduldig erwartet hatte. Er strahlte im Gesicht und steigert sich körperlich derart in seine eigene Freude hinein, dass er anfing zu ‚schokeln‘ – ähnlich wie es bei religiösen Juden beim Beten der Brauch ist.
»Habe dir was Schönes mitgebracht«, sagte sie, »aber es ist noch im Auto. Ich gebe dir das nach dem Essen, okay?«
Tim stoppte augenblicklich seine stereotype Bewegungsfreude und schaute Luise mit leuchtend großen Augen an.
»Wo hast du das denn? … Ich will das aber jetzt!«
Der junge Mann gaffte Luise ungeduldig an und suchte mit nervös hastigem Blick – links und rechts an ihr vorbeischauend – vergeblich und dringlich nach der Überraschung, da er vermutete, dass sie das Geschenk absichtlich hinter ihrem Rücken oder woanders versteckte. Sie hob ihre beiden leeren Hände in die Luft und erwiderte seine aufgeregt erfolglose Suche mit einem ermahnenden aber liebevollen Blick.
»Nach dem Essen habe ich doch gesagt!«
Tim verstand sofort, dass sie es damit ernst meinte. Seine anfänglich vergnügliche Stimmung kippte und seine Mundwinkel verzogen sich nach unten. Er senkte den Kopf und sein Gesichtsausdruck wirkte gedrückt, sogar enttäuscht. Luise hatte mit ihm etwas Mitleid und so versuchte sie, ihn behutsam aufzumuntern.
»Versprochen! Du musst nicht traurig sein … du wirst schon sehen mein Großer, es ist was Tolles. Gleich nach dem Essen bekommst du das … und ich zeige dir dann, wie es funktioniert, okay? Komm jetzt!«
Sie streckte Tim ihren Arm auffordernd entgegen und er schaute sie wiederum so maßlos fragend an, wie wenn er ihr eine schwierige und knifflige Quizfrage gestellt hätte, die sie sogleich beantworten müsse. Sie kannte Tims ‚Spielchen‘ schon, doch bevor sie reagierte, wich er dieser Situation unweigerlich aus, schnappte sich ein ‚Fertig bemaltes Flugzeug‘ und rannte vergnügt in Richtung Tür.
»Ich bin schneller!«, rief er übermütig, und sein Sportsgeist entfesselte sich endgültig. Er lief hastig die Stufen hoch.
Sie blieb eine Weile vor dem Basteltisch stehen und musterte intensiv den großen ‚Flieger mit Raketenantrieb‘, neben dem in unmittelbarer Nähe ein weiterer massiver Knallkörper lag.
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Luise schloss die weiß übertünchte Tür hinter sich leise zu und bewegte sich den Flur entlang. Sie schlenderte einmal rechts um eine Ecke des langen Korridors und bog sofort links wieder ein. Sieben Schritte später stand sie vor der seitlich aufgeschobenen Abtrennung einer Räumlichkeit, in dem Paul Marquardt über ein Architekturmodell leicht gebeugt und hochkonzentriert verweilte, um diesen Bau von allen Seiten genau zu inspizieren. Sie blieb an der Türschwelle ohne Türrahmen stehen und besah sich den Mann:
Paul Marquardt war eine große und stattliche Erscheinung in seinen Mittsechzigern mit angegrauten Haaren. Stilvoll gekleidet in einem dunklen Pullover mit Polo-Kragen, einer feinen dunkelgrauen Stoffhose und schwarzen handgemachten Budapestern. Seine seriöse Ausstrahlung erfüllte den Raum gänzlich, doch etwas Strenges und Autoritäres umgab seine Person, das er nicht zu verheimlichen vermochte. Der Mann war derart in seine Arbeit vertieft, dass er Luise nicht bemerkte. Sie beobachtete ihn aufmerksam bei seiner Tätigkeit.
Sie schaute auf seine Hände, die präzise bewegliche Teile des Modells abnahmen und wieder zusammenfügten. Und sie registrierte weiterhin, wie er pedantisch kleine hellgraue fast weiße Miniatur-Menschenfiguren millimetergenau hin und her rückte, bis diese vorgeblich an der richtigen Stelle standen. Im Anschluss wanderten ihre Augen das Arbeitszimmer ab.
Dieser große Raum war so ‚erwachsen‘ und stilsicher eingerichtet, dass man sich bewusst anstrengen würde, um ihn gegebenenfalls an manchen Stellen einen Hauch geschmackvoller zu gestalten. Was kaum möglich war, da mitunter zwei sich gegenseitig anlächelnde Steh- und Schreibtischleuchten von Édouard-Wilfred Buquet die wahre Vollendung dieser Einrichtung als Lichtgestalten markierten. Sie schaute sich weiter um und betrachtete fasziniert ein wandfüllendes Bücherregal in formvollendet massiver Eiche mit äußerst akkurat angeordneten Bücherreihen, die teilweise sogar nach Farben sortiert waren. Und sie begutachtete im Weiteren einen weitläufig großen Arbeitstisch aus hochwertigem Holzverbundstoff, der fast zu schweben schien, da die Füße als tragende Elemente perfekt ausgelotet unsichtbar nach innen versetzt waren. Sie erkannte auf der glatten Fläche einige typisch kleine und mittelgroße Architekturmodelle, die unterschiedlich ausgearbeitet waren. Sie räusperte sich dezent.
»Ach Luise, du bist schon da?«
Der Mann schreckte kurz auf, aber nicht sonderlich überrascht, mit einem flüchtigen Blick zu ihr.
»Ich muss hier noch schnell etwas nachschauen«, sagte er, »geh doch schon mal vor, ich komme gleich.«
Sie wusste, dass man Paul besser in Ruhe ließe, damit er weiterarbeitete. So kannte sie das von ihm, was sie ebenfalls an ihre eigene Arbeitsweise erinnerte.
»Mach nicht zu lang. Du weißt ja, Mama mag es nicht, wenn sie mit dem Essen warten muss.«
»Ja, ich weiß, ich bin gleich da«, antwortete Paul. Er schaute rasch auf und lächelte sie flüchtig an.
Sie mimte ein kurzes Mundwinkelzucken zurück, drehte sich ernüchtert auf dem Absatz um und entfernte sich von der Türschwelle. Ohne das Arbeitszimmer betreten und Paul angemessen begrüßt zu haben, so wie es bei Familienmitgliedern oft üblich wäre, dass sie sich zum Beispiel sich herzlich umarmten, wenn sie sich länger nicht gesehen hatten.
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Luise schlenderte den Flur entlang zurück und bog rechts ab. Sieben Schritte später gelangte sie in einen großflächigen Wohnbereich, der Ess- und Wohnzimmer wie untrennbar ineinanderfließende Flächen darbot. Sie bewegte sich weiter, ließ den Essbereich hinter sich und betrat das größere der beiden Räume: Eine angenehm helle Räumlichkeit – vielmehr war es ein ‚Lebensbereich‘ –, der von einer überdimensionalen Glasfensterfront mit Panoramablick nach draußen als markantes Element der Architektur prägnant und unaufdringlich dominiert wurde. Sie blieb kurz stehen und schaute sich um.
Wenn man das Arbeitszimmer von Paul schon als stilsicher empfinden kann, so muss man doch bei dem Anblick dieser Räume ohne Zweifel anerkennen, dass die Eltern sich in Bezug auf die Gestaltung dieser Innenräume hier selbst übertroffen haben, dachte sie.
Dieser Lebensbereich zeugt von konsequenter Vorliebe für das Bauhaus wie auch von der Notwendigkeit unübertroffener, kostspieliger Schlichtheit und Zweckmäßigkeit der klassischen wie durchdachten Möblierung. Ebenso galt es besondere Einzelstücke und Gestaltungselemente darzubieten, dass man nicht umhinkommt, anzunehmen, dass die Eltern hier mitunter nach ‚Le Corbusiers fünf Elemente der Architektur‘ vorgegangen sind. Allgemein gesprochen, bezogen auf die gesamte Gestaltung. Und das ist ganz klar das Hauptanliegen von Paul, der nicht umsonst mit seinen ungewöhnlichen und teilweise mondänen Entwürfen als hochdotierter Architekt zu Ruhm und Ehre gelangt ist … aber das ist sicher nur ein Teilaspekt dieser überzeugenden Formgebung, dachte sie.
Sie merkte schlagartig, dass sie wieder angefangen hatte, über Räume und diese Dinge zu referieren – zumindest gedanklich –, als wäre dies eine gewohnheitsmäßige Zwangsanforderung, die ihre Arbeit als Architektin ihr abverlangte.
Sie schaute weiter auf die mit breitem Pinsel geschmackvoll gestrichenen Wände, die reizvolle wie ungewöhnliche Kunst selektiv und unaufgeregt in perfekter Höhe hängend präsentierten. Es waren nicht viele Exponate, aber solche, die man bekannteren Künstlern zuordnete. Und die zudem die Gemeinsamkeit aufwiesen, dass sie scheinbar das Thema ‚Natur‘ abbildeten, wie zum Beispiel eine Waldlandschaft, die sich in ihrer rätselhaften Darstellung jeglicher Interpretation bewusst und meisterlich zu entziehen vermochte. Flankiert wurde dieses stimmige Design der Inneneinrichtung durch ein paar kleine wie mittelgroße Objekte beziehungsweise Skulpturen, die teilweise auf Sockeln ruhten, und ebenfalls die Natur als Dialog anboten, wie beispielsweise ein Baumstumpf mit unnatürlich scharfen Kanten.
Aus der Ferne – der Küche des Hauses – ertönte unvermittelt Helgas Stimme:
»Essen ist gleich fertig … Luise, deck doch bitte schon mal den Tisch, ja?«
»Ich mach das sofort Mama … Moment noch … ich muss hier etwas …«, rief sie zurück und bewegte ihren Körper, unerklärlich und wie magnetisch angezogen, zum großen Panoramafenster.
Sie schaute fast verträumt und sehnsüchtig auf eine üppige und dunkelgrüne Waldlandschaft, die sich hinter dem Haus in unendlicher und undurchdringlicher Weite wie ‚auffallend nah und doch so fern‘ vor ihren Augen prächtig ausbreitete. Sie stand bloß da und betrachtete die Bäume, Blätter und Äste, die sich leicht im Wind hin und her bogen. Und sie hörte ebenso das leise und reizvolle Zwitschern der Vögel, weil das große Fenster vorher zu einer Seite hin einen Spalt aufgeschoben worden war.
Urplötzlich, wie von Geisterhand, bewegte sich nichts mehr – Nichts –, kein bisschen. Die Szenerie wirkte wie eingefroren. Und sogar das Trillern der Vögel verstummte, als hätte jemand diese Bewegungen wie in einem Film abrupt angehalten und somit den Ton ausgeblendet. Es herrschte Stille, darauf folgte Totenstille. Es wölbte sich eine große dicke Glasglocke dumpf und wabernd über Luises Haupt und ein stummer Schrei, abgeschnitten und matt, der sich aufbauschte wie tonnenschwere Watte aus elektrisierter Glasfaser, erstickte sie mit voller Wucht – in diesem Augenblick!

Nichts ist so frei wie der Wind,
denn er sucht sich sein Kingenau,
wissend was wem gehört,
mit Haus, Hof und Reiterpaar,
und eine Seeldazu.
Und so fliegt der Wind über alles hinweg,
wäre sie in ihrem Herzen nicht so leer,
würde manches so sein, wie es einmal war,
lebendig, glücklich und strahlend warm,
so aber, ist es nicht!

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Luise saß mit ihrer Familie am großen Esstisch und speiste. Das gedämpft wirkende Tageslicht am späten Mittag war um diese Jahreszeit einladend und freundlich. Der angrenzende Wald bot sich wie ein Vermittler von Licht und Schatten zwischen Architektur und Sonnenlicht auf natürliche Weise an. Die angenehm gebrochene Lichtfülle schien in das Esszimmer gefällig hinein und schuf eine wohlig luftige Atmosphäre. Nicht nur weil das große Panoramafenster im Wohnbereich ebenfalls genug Helligkeit in diesen Raumabschnitt warf und ihn dadurch vorteilhaft ausleuchtete. Sondern da ein weiteres schmäleres und längliches Fenster in die Wand des Essbereichs eingelassen war, das in der diagonalen Flucht zum großen Glasfenster eine formal gelungene und symbiotische Anordnung bildete. Das Zusammenspiel dieser beiden Glaselemente mit den Bäumen des Waldes und dem Licht von draußen entfaltete folglich seine feine und reizvolle Wirkung in diesen Räumen.
Das schmale und kleinere Panoramafenster im Essbereich war ebenfalls ein Stück weit aufgeschoben worden und eine angenehm leichte Brise wehte in den Innenraum hinein. Dieser Luftzug verschaffte allen Anwesenden etwas Kühlung, die nicht nur guttat, sondern sie für eine gewisse Zeit miteinander vereinte.
Luises vorangegangene heimliche Panikattacke, die sie ‚Gott sei Dank‘ überwunden hatte, war scheinbar keinem der Familienmitglieder aufgefallen. Schon gar nicht Paul, der bis zuletzt nicht anwesend war und erst an den Tisch kam, als seine Frau mit Tims unfreiwilliger Hilfe das Essen servierte.
Helga hatte Luise nicht um den Service gebeten, weil sie vermutlich gemerkt hatte, dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimmte. Luise wiederum empfand diese Geste der Aufmerksamkeit beruhigend und erleichternd, da ihre Mutter sie die Zeit der Vorbereitung in Ruhe ließ. Luise vermied um jeden Preis, mit ihrem Verhalten Aufsehen zu erregen, geschweige denn mit lästigen Fragen konfrontiert zu werden, auf die sie in jenem Moment selbst keine Erklärung hatte. Außer einem großen Drang nach innerer Ruhe und Abwesenheit von allem infolge eines seltsamen Unbehagens, das sie seit ihrer Ankunft im Hause Marquardt heimlich verfolgte.
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Luise betrachtete aus den Augenwinkeln ihre Eltern, die vornehm aber erkennbar auf ihre Speisen konzentriert waren. Die Mutter saß aufrecht am Tisch und genoss mit der Leichtigkeit ihrer perfekten Tischmanieren das eigenhändig angerichtete Essen mit Freude. Sie schaute nur hin und wieder flüchtig und musternd zu Tim hinüber. Ernsthaft und leicht von oben herab, aber dennoch liebevoll, wie Erwachsene das manchmal mit Heranwachsenden anstellen. Vermutlich nur deshalb, um für sich sicherzustellen, dass der junge Mann sich anständig bei Tisch verhielt – soweit man das von Tim jemals erwartete. Paul saß am Tischende leicht über seinem Teller gebeugt und schien – seiner stoischen Ausstrahlung nach zu urteilen – gänzlich mit sich selbst zufrieden in sein Gericht vertieft. Luise vermochte ihm nicht anzusehen, ob er das Essen genoss, denn sein Gesichtsausdruck wirkte eher neutral und sachlich als auskostend. Wie das Gegenteil von aufmerksam und nach friedlicher Familienzusammenkunft bemüht. Sie verstand, dass man von ihm ohnehin nicht erwartete, in einem passenden Augenblick gewisse Konversation anzuregen. Dass er zum Beispiel seiner Frau gegenüber – der exzellenten Köchin des Hauses – eine erfreuliche Beurteilung über das gelungene Gericht abgab, damit alle befriedet weiteraßen. Er hatte kein ermutigendes und höfliches Kompliment für Helga in dieser ganzen Zeit am Tisch übrig.
Diese Atmosphäre bedrückte Luise und sie empfand die Situation wie die vollkommene Abwesenheit von familiärer Beschwingtheit und liebevoller Dynamik. Stillschweigen und Essen wie eine eingefressene Gewohnheit von tradierten Verhaltensmustern dominierten diese Momente am Esstisch. Sie stellte sich vor, dass man einerseits zusammensaß und gemeinsam das Mittagessen zu sich nahm, aber gleichzeitig sich so weit voneinander entfernte, dass jeder durchaus für sich allein in einer eigenen Räumlichkeit säße. Außer vermutlich Tim, der hockte ohnehin in seinem speziellen Kokon und sie vernahm das quälende Kratzen und Schneiden des Bestecks auf dem feinen Porzellan als die einzige Geräuschkulisse im Raum.
Sie drehte sich zu Tim seitlich um, staunend, dass er an seiner Suppenvorspeise hängengeblieben war. Oder man hat ihn in Ruhe gewähren lassen, da er nicht in der Geschwindigkeit mit den Erwachsenen mithielt. Sie beobachtete ihn, wie er seinen Löffel gelangweilt in die Suppe eintauchte, den Inhalt wieder ausleerte und diesen Vorgang mehrmals wiederholte, wie bei einer unfreiwilligen Übung. Er wirkte gleichgültig verloren und entrückt in seiner eigenen Bewegungsmeditation, die er sich nicht ausgesucht hatte. Vermutlich war er in Gedanken schon bei seinem Geschenk, welches er sehnsüchtig und voller Neugier mit größter Freude zügig zu öffnen bestrebt wäre. Würde man ihn nur lassen, dachte sie und schnitt ein Stück von ihrem Filetsteak behutsam ab, sodass eine dezent kleine hellrote Blutlache auf dem Teller zurückblieb, die sich langsam aber deutlich in ihrem Umfang ausbreitete. Sie war wie paralysiert von dieser Wirkung: einerseits faszinierend und formschön und andererseits unnatürlich und abstoßend.
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Paul lehnte sich gemächlich in seinem Stuhl zurück, nachdem er einen Bissen zu Ende kaute, räusperte sich gestelzt und hätte sich beinah verschluckt, setzte dann erneut an, um dieser Situation seine lakonisch eindringliche Stimme aufzuerlegen. Er gedachte vermutlich mit seinem Tonfall dieser unheimlichen Stille und dem endlosen Schweigen im Raum einen erlösenden Rest von Leben einzuhauchen. Aber eben in seiner kurz gefassten und sachlich freundlichen Art, dass er als Architekt meisterlich beherrschte – präsentierend und überzeugend oder manchmal nur eine notwendige Information schnell einholend.
»Luise, was macht das Architekturbüro, kommst du gut voran?«, fragte er.
Sie war von Pauls unerwarteter Ansprache irritiert, da sie weiterhin auf ihren makellos weißen Teller starrte, der diesen natürlichen aber für sie unausstehlichen Effekt der Blutlache darbot. Sie schaute kurz auf, ohne ihn anzusehen, und beguckte stattdessen seine großen Hände, wie sie das Messer tief und kraftvoll in das Fleisch hineinschnitten, um dem angeregten Magen ein weiteres Stück des saftigen Rinderfilets einzuverleiben. Derweil Paul auf ihre Antwort wartete, indem er sie nicht einmal anschaute.
»Ja ... Ich …«, stammelte sie.
Von inneren Plagegeistern gequält, unfähig auf Pauls Frage zu reagieren und verloren in der Unbeweglichkeit ihrer Zunge, versperrte sie sich zusehends und strengte sich nicht sonderlich weiter an, da sie sich kraftlos und ermattet fühlte. Und weil sie nicht einmal ahnte, was genau sie ihm antworten würde. Denn sie fand weder einen glaubhaft triftigen Ansatz noch einen passend nachvollziehbaren Gedanken, der diesem Augenblick die nötige und freundliche Erleichterung einer Unterhaltung verschaffte.
Paul war von Luises langer Pause befremdet und setzte erneut an.
»Ist eure Partnerschaft schon besiegelt?«
»Ich … habe …«, murmelte sie.
»Tim, setz dich bitte gerade hin und iss endlich deine Suppe auf!«, ermahnte die Mutter unterbrechend. Helga setzte ihren strengen, gewiss wohlmeinenden Blick auf, der auffordernd ernst genug war, Tim klarzumachen, dass ihre nicht bis in alle Ewigkeit zu beanspruchender Geduld langsam aber sicher an einem kritischen Punkt angelangt war.
Luise schaute mitleidend zu Tim, der die Aufforderung von Helga weder wahrnahm, geschweige denn dieser in seiner naiven Sturheit Folge leisten würde, hätte er diese Maßregelung überhaupt als solche vernommen. Er war nach wie vor wie geistesabwesend und in seiner eigenen Gedankenwelt verloren und gewiss woanders, nur nicht am Esstisch.
Luises Gedanken drehten heftige Runden Achterbahn – ihr wurde kotzübel. Sie schluckte, ihr Magen rebellierte, rumorte und sie stieß mehrfach auf, sodass sie sich am liebsten gleich übergeben hätte. Ihr Gesicht wurde kreidebleich und sie zitterte innerlich, da sie Angst, Panik, Ekel und eine falsche Scham gleichzeitig überkamen. In Ohnmacht zu fallen würde die einzige mögliche Option in dieser Situation sein, dachte sie. Das Ausblenden vom Allem, damit man endlich seine Ruhe hatte und einem nichts mehr belastete. Sie hielt dem Druck nicht weiter stand, aber jetzt und in diesem Moment aufzugeben schien ihr keine sinnvolle Lösung zu sein. Denn dieser Schmach würde sie sich selbst und erst recht nicht die Eltern aussetzen, rechtfertigte sie für sich.
Sie stand ruckartig auf und ihr Stuhl schallte unterdes ein krächzend lautes und kreischendes Geräusch auf dem glatten Terrazzoboden in den Raum hinein. Paul und Helga zuckten zusammen. Nur Tim schien davon unberührt und schaute weiterhin in seine Suppe, von der er kaum etwas gegessen hatte.
»Entschuldigt … aber mir ist nicht gut, ich muss an die frische Luft!«, sagte sie, ohne die Eltern anzusehen.
Sie wandte sich eilig ab und verließ den Raum leise mit schnellen Schritten.

III. Erlösen
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Luise betrat einen schmalen Pfad, der sie in das angrenzende Waldgebiet hinter dem Haus hineinführte. Sie schritt zielstrebig in leichter Gangart weiter und tiefer in diese Landschaft hinein. Es war ein überwältigend dichter Mischwald, der mehr an einen ‚Wilden Wald‘ erinnerte und dazu verwunschen wirkte. Weil er so naturbelassen wurde, damit er sich ohne den Eingriff von Waldhütern frei entfaltet?, dachtet sie. Gleichwohl ihr augenblicklich in den Sinn kam, dass Menschen diese Bäume einst gepflanzt hatten, und so folgerte sie daraus, dass dieser Lebensraum teilweise und bewusst ‚komponiert‘ worden war; also würde dieser Wald nicht wirklich wild sein, oder doch?, schoss ihr durch den Kopf. Sie verfolgte diese Gedanken nicht weiter, da sie diese nicht eindeutig und endgültig zuordnen würde.
Viele hochgewachsene alte Tannenarten, ebenso verschiedene Laubbäume und Gehölz, das echten Mammutbäumen ähnelte, beherbergte diese wundervolle Naturlandschaft. Und sie sah saftig grünes Moss, das sich wie ein flauschig weicher Teppich an vielen Stellen sanft und breit ausbreitete, unterbrochnen von unterschiedlichen Arten von Farn, der in uneinheitlichen Höhen wuchs. Alles zusammengenommen verstärkten diesen Eindruck einer märchenhaften Umgebung.
Die frühe Nachmittagssonne variierte abwechselnd in stimmungsvollen Licht- und Schattenspielen, die relativ eng zueinanderstehende Bäume Luise bei ihrem Spaziergang wohltuend begleiteten – eine vertraute Erscheinung, die sie in ähnlicher Spielart von ihrer Autofahrt her kannte. Ihr Weg wurde ebenso von längeren und dunkleren Teilstücken entlang des schmalen Pfads teilweise überschattet, da das Sonnenlicht nicht immer bis zum Waldboden durchzudringen vermochte.
»Wem dieser bezaubernde Wald wohl gehört?«, flüsterte sie leise vor sich hin. Es wäre durchaus möglich, dass er ebenfalls zum Besitz der Familie zählt, dachte sie. Das aber erschien ihr eher unwahrscheinlich, denn das ganze Gebiet erschrecket sich vermutlich über mehr als dreihundert Hektar. Sie und ihre Eltern hatten zumindest nie darüber gesprochen, fiel ihr beiläufig ein, während sie ihre Wanderung fortsetzte.
Sie empfand sich wach und sicher auf den Beinen, als sie weiterging. Sie war erleichtert, denn es erging ihr wieder besser und sie genoss die erfrischend kühlende Wirkung im Gesicht und insbesondere die Klärung für den Geist. Die Bewegung des Gehens, um ‚Ballast‘ abzuwerfen, in dieser wunderbaren Umgebung vereint mit dem Loslassen von schweren und unnötigen Gedanken, war für sie genau die richtige Entscheidung.
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Das verspätete Mittagessen am großen Esstisch neigte sich dem Ende zu. Es lag etwas sonderbar Unverrichtetes in der Luft, das diesen sonntäglichen ‚Familientag‘ in eine andere Richtung lenkte, als ursprünglich von den Eltern geplant war. Wobei Paul und Helga es sich nicht hatten nehmen lassen, das feine Essen bis zuletzt – nach dem plötzlichen Abgang von Luise – weiter zu genießen, als wäre nichts geschehen. Nur Tim war weiterhin über seine Suppe gebeugt und abermals in die stereotype Bewegung des ‚Schokln‘ verfallen, aber dieses Mal intensiver. Er summte leise und unverständlich Monotones in sich hinein, das nicht freudig klang, vielmehr klagend.
Paul erhob sich gemächlich von seinem Platz, legte seine Serviette genervt beiseite und schaute unter Luises Stuhl nach. Er sah, dass die beiden Hinteren der vier Filzgleitern erheblich abgenutzt waren – das erklärte einiges. Er verließ den Raum mit enttäuschter Mine, um sich womöglich in sein Arbeitszimmer zurückzuziehen. Mutter Helga stand ebenfalls auf, schaut ihm kurz nach und beabsichtigte, ihrem Mann etwas hinterherzurufen, wandte sich aber im letzten Moment wieder ab und guckte stattdessen mitleidig zu Tim herunter, als gedachte sie ihn von seiner eigenen Verschlossenheit zu ‚erlösen‘.
»Tim, kannst du mir bitte beim Abräumen helfen, das wäre sehr nett«, sagte sie.
Doch Tim reagierte nicht.
»Tim!« rief sie und klatschte dabei laut genug in die Hände, sodass der junge Mann erschrocken ‚aufwachte‘ und sie mit zugekniffenen und fast bedrohlichen Augen anblickte. Tim erhob sich ruckartig von seinem Stuhl und beschwerte sich:
»Diese Suppe schmeckt mir nicht!«
Er schnappte sich das ‚Fertig bemalte Flugzeug‘, das neben ihm am Boden geduldig wartete, und lief fluchtartig davon. Mutter Helga stand wie fassungslos am Esstisch und schüttelt den Kopf. Sie fing an, den Tisch abzuräumen.
»Alles muss man hier selber machen!«, sprach sie mit sich und stöhnte.
»So hatte ich mir diesen Tag nicht vorgestellt«, ergänzte sie und brachte im Anschluss die zusammengelegten Teller weg.
Tim stand in seinem Zimmer leicht angespannt vor dem weitläufigen Basteltisch. Er musterte ausgiebigen den einzelnen Böller, der auffällig auf der großen Bastelunterlage lag. Er versank kurz in Gedanken, und auf einmal, wie aus heiterem Himmel, zuckte er zusammen und lauschte auf, als hätte er ein Geräusch gehört. Er setzte ein paar Schritte rückwärts zurück und schaute mit weit aufgerissenen Augen auf das Waldbild an der Wand.
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Luise schlenderte weiterhin auf dem schmalen Pfad, der sie kurvenreich durch den hinreißenden Wald führte. Je länger sie diesen engen Weg verfolgte, desto mehr legte sich die Landschaft um sie herum in Schatten, denn das Sonnenlicht zog sich merklich zurück. Lose hellgraue Wolken formierten sich am Himmel zu einem leichten Wolkenteppich. Viele Schritte später verlangsamte sie ihren Gang. Eine innere Stimme befahl ihr, dass sie einer Entdeckung nachgehen möge. Sie blieb kurz stehen und schaute sie suchend um – entdeckte aber nicht Besonderes. Sie sah nur zahlreiche Bäume, Sträucher, das Moss, den hohen Farn und den Waldboden, der teilweise und an manchen Stellen mit alten Blättern der Laubbäume bedeckt war, sonst nichts! Sie wurde ungeduldig und schritt mit leicht angespannter Körperhaltung voran, und ihr Atmen wirkte angestrengt, deutlich belasteter als die Augenblicke zuvor.
Je tiefer sie in diese ‚fantastische‘ Baumlandschaft hineinging, desto mehr überkam sie das eigenartige Gefühl, dass sich der Wald unnatürlich verdichtete, sodass sich die Umgebung stetig veränderte. Diese Verwandlung verunsicherte sie, denn so hatte sie dieses Areal die unzähligen Male zuvor nie wahrgenommen. Sie hielt inne, schaute zu den Baumwipfeln hoch, und soweit sie erkannte, wurden die Wolken deutlich grauer und der Himmel verdunkelte sich zusehends. Sie hörte aus der Ferne ein leises Donnern – der Hinweis eines nahenden Gewitters. Sie wusste, dass sie schon zu weit vom Haus der Eltern entfernt war, um schnell zurückzukehren. Und so schlug sie einen anderen Pfad ein, in der Hoffnung, an irgendeiner Stelle Schutz zu finden, bevor ein schweres Unwetter über sie hereinbrechen würde.
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Sie erreichte eine große und lang gestreckte Mulde und blieb stehen. Sie schaute in das Innere des Grabens, der sich tief ausgrub und der an einem Hang mit saftigem Moos, auf der gegenüberliegenden Seite mit Gestrüpp und auf seinem Grund mit Blättern und teilweise getrocknetem Schlamm bedeckt war. Eine große und schwere Eiche lag umgekippt wie eine Art Brücke über dieser Vertiefung. Der arme Baum ist bei einem heftigen Sturm umgefallen, dachte Luise und sie sinnierte weiter, ob sie sich gegebenenfalls darunter verkriechen würde, um sich vor dem aufkommenden Unwetter in Sicherheit zu bringen.
Unverhofft hörte sie ein leises und verdächtiges Geräusch, das sie weder zuordnete noch lokalisierte. Sie horchte kurz auf und spähte hektisch die Umgebung aus, indem sie sich mehrmals hin- und herdrehte, um zu sehen, woher diese Laute kamen – sie entdeckte nichts. Sie hörte in unmittelbarer Nähe das Rascheln von Schritten auf vertrocknetem Laub, die bedrohlich näherkamen. Das Geräusch wurde rhythmischer und intensiver. Sie versteifte sich wie angewurzelt im Wald und ihre Augen scannten die Umgebung ängstlich ab. Sie schaute sich immer wieder hastig um und suchte nach etwas, das sie erkannte. Urplötzlich krachte ein Geäst und sie drehte sich erschrocken um. Paul stand unvermittelt vor ihr, schwer atmend, aber mit freundlicher Miene.
»Was machst du hier?«, fragte sie erstaunt.
»Ich bin dir nachgegangen … habe mir Sorgen gemacht«, antwortet Paul, etwas außer Puste. »Aber wie ich sehe, hast du unseren gemeinsamen Spaziergang allein vorgezogen.«
»Wollten wir zusammen spazieren gehen?«, fragte sie überrascht.
»Warum denn nicht?«, antwortet Paul. Er verzog sein Gesicht leicht gekränkt.
»Ich weiß nicht!«, entgegnet sie.
»Was sprach denn dagegen? Wir haben das früher schon öfters gemacht, oder etwa nicht?«, sagte Paul.
»Kann sein, ich kann mich nicht mehr so gut daran erinnern.«
»Das ist aber schade.«
»Warum?«, entgegnete sie.
»Na ja, wir hatten doch immer Spaß miteinander, wenn wir zusammen gewandert sind, nicht wahr?« Paul hielt kurz inne, versuchte, gedanklich eine Erinnerung hervorzukramen:
»Nun gut, die Zeiten ändern sich eben. Wie dem auch sei … jetzt bin ich jedenfalls hier und es wäre eine gute Gelegenheit …«
»Aber wie hast du mich so schnell gefunden?«, fragte sie hastig.
»Es gibt eine Abkürzung, die man kennen muss. Ich hatte sie vor langer Zeit zufällig entdeckt«, antwortete Paul.
»Ich kenne diesen Weg. Aber das erklärt trotzdem nicht, warum du so schnell hier warst.«
»Nein, diesen Weg meine ich nicht«, erklärte Paul. »Ich kann mir schon denken, dass du den auch kennst. Es gibt tatsächlich noch einen anderen Pfad, der … ach, was soll’s …«, unterbrach sich Paul, mit der rechten Hand etwas abwinkend und ergänzte: »Ich frage mich ernsthaft, ob es eine gute Idee war, dir nachzugehen! Ich hatte es wirklich gut gemeint.«
Der Mann wirkte enttäuscht und drehte sich zur Seite weg.
Luise war indes mehr irritiert denn erfreut, Paul in diesem Augenblick an genau dieser Stelle anzutreffen. Dabei wollte sie doch nichts anderes als unbedingt allein sein, Frieden finden, und schon gar nicht wollte sie mit ihm spazieren gehen. Wieso auch? Hatte man denn in dieser Familie gar keine Ruhe, wenn man das wirklich brauchte, dachte sie genervt, während sie sich ebenfalls aus Verlegenheit etwas wegdrehte, um Paul nicht in die Augen zu schauen. Der Mann kam Luise einen Schritt näher und streckte ihr seine linke Hand mit dem gesamten Arm entgegen. Er bot ihr Hilfe an, obwohl sie erkennbar mehr zerstreut erschien und ihren Gedanken nachhing, anstatt dass sie körperliche Stütze oder Stärkung benötigte.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Paul.
Luise wich dieser anbiedernden Geste instinktiv aus, setzte einen Schritt zurück und starrte wie gelähmt auf die große Hand des Mannes: Mit seinen wulstigen Fingern und dieser blassen und unregelmäßigen Haut auf der Handinnenfläche, die sie in diesem Augenblick nicht als einladend und schon gar nicht angenehm anzuschauen empfand.
Ein heftiger Schlag mit der großen flachen Hand traf Luise ins Gesicht – Patsch! –, auf ihre Wange mit einem lauten Knall, dass es nur so klatschte, dass man es sogar von weit her hören würde. Ihre Haut brannte, ihr ganzer Kopf glühte wie heißes Fieber mit Schüttelfrost, gemischt mit Schweiß, der ebenfalls ätzte, wie unter der sengenden Sonne der Wüste, wenn man sich das so vorstellte.
Wie aus dem Nichts fing sie an zu weinen, erst laut und krampfhaft wie ein Initialschrei, dann leise und klagend, wie eine Mutter, die ihr geliebtes Kind vor nicht allzu langer Zeit verloren hatte. Sie bedeckte mit beiden Händen ihr Gesicht, das sie um keinen Preis offenbarte und sackte innerlich mehr und mehr zusammen. Ihre Beine zitterten und sie mutmaßte nicht, ob sie sich hinsetzen würde oder überhaupt nur hilflos war, was immer sie mit sich anzustellen gedachte. Aber sie spürte nur Leere, die sich mit nichts füllen ließ.
Pauls anfängliche Verunsicherung verflüchtigte sich, er fasste sich ein Herz und nahm Luise erst vorsichtig, dann besorgt und tröstend in seine Arme.
»Was ist denn los, Luise?«
Aber sie antwortete nicht, denn sie war zu tief in ihrer Trauer, in ihrer Angst und in dieser Starre der entgleisten Befangenheit und Mutlosigkeit gefangen. Paul streichelte behutsam ihren Kopf und küsst sie zaghaft auf die Wange, so, wie wenn er sie nur tröstete.
Doch dieser Moment der eigentümlichen Hingabe zur Trauer und Niedergeschlagenheit verströmt gleichzeitig einen liebreizenden wie betörenden Duft von ‚Trost-Zauber‘, dem man nicht zwangsläufig standhalten wird und dem man manchmal hilflos ausgeliefert ist. Wie dem Wunsch nach Umarmung und dem Gefühl des Zuspruchs für eine körpervolle Seelenmassage, die das Herz erfüllt, den Geist erfrischt und die Physis stimuliert und sich unerklärlich verselbstständigt – eindringlich und unaufhaltsam! Darauf setzt sich ein zerbrechliches und sich womöglich steigerndes Verlangen nach Mitgefühl, das urplötzlich eine körperliche Sehnsucht entfaltet und einem Zwang zur Wollust zu weichen hat – so ist er, dieser Druck, maßlos und unstillbar! Der nach mehr bittet und verlangt oder sogar schreit, als nur dem liebevollen Streicheln und Berühren von Haut, um fremde Wunden zu lecken, damit diese geheilt werden.
Genau da ist er in diesem Atemzug, dieser ungeheuer scheue Drang, elfensanft geduldig und spröde zugleich, dieser zärtliche Moment, dem man nicht zu widerstehen vermag. Und dem man sich in gewissen Augenblicken – von aller Schuld und Sühne in dieser Welt befreit – rücksichtslos ohne Scham und Reue lustbetont und erregt hingibt. Weil wir das so kennen oder jemand uns das so vorlebte, und weil man sich der eigenen Verlockung und der fremden Verführung erst recht nicht erwehren wird.
Paul schien diese unverhofft aufregende und körperliche Nähe zu Luise hoffnungslos zu genießen. Er roch an ihrem Haar und schloss seine Augen, während sie weiterhin bitterlich weinte. Pauls auskostendes Gesicht und seine lüsternen Gesten waren alles andere als die Aufmerksamkeit eines Mannes, der nur Trost spendete. Wie wenn man, ungeachtet der Liebe und der Rechtschaffenheit dem Leben gegenüber, manchmal das Beste hoffte, dennoch das Schlimmste erwartete, in der Hoffnung, dass es niemals eintreten möge, passierte genau das immerdar! Wie eine schreckliche Prophezeiung, die unumkehrbar war und nach Vollzug und Erfüllung verlangte.
Unvermeidlich wanderte Pauls Mund in Richtung Luises Lippen. Augenblicklich küsste er sie zärtlich auf den Mund, immer wieder und abermals. Sein Atem wurde erregt und er weitete seine Küsse unzüchtig und leidenschaftlich zu ihrem Hals aus. Er liebkoste und knutschte ihre Haut und ihr Gesicht so heißblütig und ungestüm, wie er bedingungs- und grenzenlos bereit war, sich diesem ungeahnten Glück vollkommen hinzugeben. Sogar wenn es das Letzte wäre, was er seinem monotonen, aber erfolgreichen Leben in Verzückung an liebgewonnener Schönheit – wie tollwütig getrieben – abzugewinnen vermochte.
Überrumpelt und angewidert zugleich, ließ sie diese Küsse von Paul über sich ergehen. Ihre Augen richten sich kalt und unbeteiligt in die weite Umgebung, als wäre sie mit sich allein. Sie starrte abwesend in die Mulde und hörte in Gedanken Stimmen und Geräusche. Es waren Vorgänge, die sie sich deutlich vorstellte und denen sie sich sogar eindringlich zu erinnern vermochte:
Sie hörte Blätterrascheln, Körper, die in die Mulde spielerisch und vergnüglich hinunterpurzelten. Vergnügte Stimmen, die sich scheinbar körperhaft annäherten, wieder leiser wurden und dann schlagartig verstummten. Sie vernahm, wie jemand einer jungen weiblichen Person brutal und fest den Mund zuhielt und so kräftig an der Kleidung zog und zerrte, bis diese unüberhörbar laut und folgenschwer zerriss. Sie hörte den erstickt gequälten Schrei dieser Stimme, die durch die zuhaltende Hand hindurch vergeblich nach Hilfe oder Gnade bettelte. Wahrlich unerhört dieser Aufschrei, der wie ein kaum wahrnehmbarer dumpfer Laut zwischen den dichten Bäumen in der weitläufigen Waldlandschaft allmählich verhallte.
Luise nahm ein keuchendes und erregtes Atmen wahr und schaute an ihrem Körper herab. Paul kniete mittlerweile vor ihr auf dem Waldboden. Aus seinen anfänglichen ‚Trost-Küssen‘ an ihrem Hals wurden erotische Liebkosungen seiner Hände, die sich an ihren Beinen, an ihrer Jeans, begierig und sexuell anmaßend ihren Weg emporarbeiteten und die Nähe zu ihrem Genitalbereich suchten – in aller Hastigkeit. Seine großen Hände und sein schmallippiger Mund, streichelten, strichen, rieben, küssten, leckten und bekleckerten Luises freigelegten nackten Bauch, als wäre sie seine freizügige Geliebte. Der Mann geriet erkennbar in seiner Besessenheit derart in Wallung, dass aus seinem merkwürdig hechelnden Atem ein lautes Stöhnen erwuchs, das definitiv nach mehr verlangte als nur diese Küsse und unersättlichen Berührungen mit ihr in diesem Augenblick.
Sie wurde kreidebleich und ihr Körper war starr ohne Regung. Sie schluckte mehrmals, stieß auf und würde sich am liebsten übergeben – sie schaffte es aber nicht. Es waren gefühlt die längsten und furchtbarsten Momente, die sie in ihrem Leben erlebte, und das jetzt schon zum wiederholten Mal.
»Wann hört das endlich auf?«, rief sie in ihrer Verzweiflung leise in den Wald und horchte bewusst und konzentriert in sich hinein, instinktiv, wie wenn ihr eine heimliche innere Stimme eine wichtige Botschaft schickte. Und sie hörte genau hin … und ja, sie hatte die Nachricht verstanden!
Sie verweilte ein paar Augenblicke gedankenlos. Sie schloss ihre Augen und atmete tief und lange Luft durch die Nase ein, hielt den Atem inne und pustete langsam und bedächtig diesen Luftstrom wieder aus. Diese Prozedur wiederholte sie einige Male.
Abrupt und ohne Vorwarnung stieß sie Paul ihr Knie mit voller Wucht gegen sein Brustbein und trat ihn heftig und kraftvoll, so fest wie sie es schaffte, mit dem Fuß von sich weg.
»Das reicht! Nie wieder! Hörst du?«
Ihre Stimme war prägnant und bestimmend! Sie wunderte sich über sich selbst, dass sie nicht vor Wut brannte und dass sie ihn nicht laut genug anschrie. Sondern dass sie sich deutlich mit einem unendlich erlösenden Gefühl der Befreiung an dieser Stelle spürbar fest mit dem Waldboden verbunden fühlte.
Paul verlor das Gleichgewicht, fiel unkontrolliert nach hinten und knallte unglücklich hart mit dem Hinterkopf auf die scharfe Kante eines Baumstumpfs auf, der dort zufällig stand. Paul blieb regungslos auf dem Untergrund liegen. Blut strömte ihm nach und nach, langsam aber sicher aus dem Kopf heraus, welches allmählich im Waldboden versickerte, wie wenn es unter gar keinen Umständen verräterische Spuren hinterlassen würde. Sie beugte sich zu Paul hinunter und kniete sich neben ihm. Ihr Blick war weder von Schuld noch von Was habe ich nur getan? Selbstvorwürfen geplagt, wie es in diesem Augenblick angebracht wäre. Nein! Luise fühlte sich an einen Satz erinnert, den sie schon lange mit sich herumtrug, aber nicht mehr nachhielt, wann und wie er in ihr zustande kam:
WO DIE LIEBE HINFÄLLT, DA VERSICHERT SIE IM BODEN.
Sie war voller Verachtung und ohne Mitgefühl für diesen Mann, der dort am Waldboden lag – sie fühlte sich endlich frei.
Wie aus dem Nichts – mit weißem Rauch, Licht und Getöse, von magischen Händen dort hingezaubert – hockte Tim neben ihr. Er schaute sie mitfühlend an und überreichte ihr beiläufig wie anstandslos den großen Böller und ein Feuerzeug, das er beides mit sich führte. Sie war überrascht und dennoch freudig über seine unverhoffte Anwesenheit, gönnte sich eine kurze Pause, nahmt den imposanten Knallkörper an sich und platzierte diesen in das Innere von Pauls Hose – in seinen Schritt. Im Anschluss bedankte sie sich bei Tim mit ihrem speziellen ‚Vulkanischen Gruß‘. Er erwiderte ihre gleiche Geste und lächelte sie freudestrahlend an. Sie zündete die Lunte an und wandte sich angewidert ab.
Sie setzte ein erleichtertes und triumphierendes Gesicht auf, als sie sich vom Tatort entfernte. Weit weg hinter ihr erklang der laute und dumpfe Knall des großen Böllers, dessen wuchtig Explosion Stoffreste von Pauls Kleidung wüst und wahllos, mit allerlei Rauch, wild durch die Luft wirbelte und irgendwohin in den Wald hinein schleuderte.
Und im gleichen Moment donnerte und krachte es gewaltig laut, wie wenn ein heftiger Blitz in die Mulde eingeschlagen wäre. So bedrohlich und glühend heiß, dass es alles um sich verbrennen würde. Gleißend hell und sagenhaft leuchtend dazu, wie eine Verheißung in taumelnder Herrlichkeit. Geschickt von den Göttern, die nur darauf warteten, endlich einzugreifen. Dann ein Moment der Stille.
Paul legte seine Hand sanft aber auffordernd auf Luises Schulter.
»Komm Luise, lass uns schnell zurückgehen, es zieht ein Gewitter auf!«, sagte er.
»Waas?«, erwiderte sie fassungslos.
Sie war derart erschrocken, zuckte mit Gänsehaut zusammen und sah mit größter Befremdung Paul so an, als würde sie einen Geist sehen. Sie verstand die Welt nicht mehr! Sie wandte sich hastig um und suchte nach Orientierung und Halt. Sie schaute auf den Waldboden – kein Baumstumpf und niemand, der dort lag! Sie fühlte sich wie in einem Albtraum, der sich so real anfühlte, dass sie in einen Brunnen fiel, der so unendlich tief war, dass sie niemals auf dem Grund aufprallte. Oder dass sie mit überreifen und saftigen großen Tomaten gesteinigt wurde, so lange, bis das Fruchtfleisch sich in heißem Apfelmus verwandelte und ihre Haut klebrig verbrannte. Luise fasste sich an ihr Gesicht und merkte, dass es trocken war und dass keine Spuren von Tränen über ihre Wangen geflossen waren. Und dann wurde ihr schlagartig klar:
Nichts war passiert, nicht das Geringste von dem, was sie sich so unsagbar abmühte vorzustellen, alles nur Lug und Spuk – so ein Schweinehund, Elender!, fluchte sie gedanklich laut.
»Du bist ja ganz blass, Luise, geht es dir gut?«, fragte Paul.
»Klar geht’s mir gut!«, antwortet Luise, wie bestellt. Sie sah sich genötigt, irgendeine unauffällige Miene zum üblen Spiel aufzusetzen. Es war ihr alles peinlich genug.
»Was ist passiert?«, fragte Paul besorgt. »Du warst auf einmal … ganz weit weg, hast mit dir selbst gesprochen und hast …«
»Ach was!?«, rief sie dazwischen, sammelte sich kurz und sagte:
»Wir Stadtmenschen sind diese herrliche Landluft einfach nicht mehr gewohnt, weißt du? … Da zünden einem manchmal die tollsten Gedanken … ich meine, fantastisch abgefahrene Bilder, die …«
»Bitte was … genau … zündete bei dir?«, fragte Paul ungläubig, Luise ins Wort fallend.
»Du weißt schon, die Gedanken, die auf Nimmerwiedersehen in einen Brunnen fallen«, erwiderte sie. »Klatsch! Klatsch! Oder die Erinnerungen, die wie reife Tomaten an der Wand zerplatzen, Platsch! Platsch! Verstehst du?«
»Nein, ich verstehen beim besten Willen nicht, was du mir sagen willst!«
»Nein? Bist du dir ganz sicher?«, fragte sie.
»Ja, ich bin mir ganz sicher! Ich weiß wirklich nicht, worauf du anspielst. Geht es dir auch bestimmt gut, Luise?«
»Danke … ja, mir geht es wieder besser! Mir geht es wirklich gut, mach dir um mich keine Sorgen.«
»Was war denn los?«, fragte Paul.
»Ich glaube, ich hatte einen kurzen Schwächeanfall … ist aber nichts Schlimmes. Irgendwelche Gespenster im Kopf. Du kamst auch darin vor!«
Paul schaute Luise verdutzt an, als hätte sie einen Überraschungsjoker aus dem Ärmel gezückt, auf den er nicht vorbereitet war.
»Was habe ich denn genau gemacht?«, fragte Paul erpicht.
»Nichts Besonderes, vergiss es … ist nicht weiter von Belang. Alles gut!«, sagte sie eindringlich. Andeutung genug für Paul, nicht weiterzubohren.
»Das ist schon alles sehr sonderbar … nicht wahr? Aber ich freue mich, dass es dir wieder besser geht, oder?«, sagte Paul beschwichtigend.
»Finde ich auch, die Zeit ändert alles … sonst nichts!«, sagte sie.
»Ja, das sagt man manchmal so«, erwidert Paul, »aber apropos Zeit, wir sollten langsam daran denken, zurückzugehen, bevor vielleicht ein Sturm aufzieht.«
»Okay, lass uns zurückgehen. Alles ändert sich, aber der Weg bleibt der gleiche!«
»Oder derselbe!«, erwiderte Paul.
»Das könnte jetzt aber kompliziert werden«, betonte Luise.
Beide lächelten kurz und knapp.
»Das stimmt, der Weg ändert sich oder manchmal eben nicht. Ich meine, in diesem Fall eher nicht, oder?«, sagte Paul.
»Noch nicht!«, erwiderte Luise.
Die beiden liefen mit zügigen Schritten und etwas Abstand zueinander zurück. Aber diesmal nahmen sie den abkürzenden Pfad, von dem Paul gesprochen hatte. Und der Himmel zog sich wider Erwarten nicht weiter zu, hellte sich sogar teilweise wieder auf. Es droht scheinbar kein schweres Gewitter, gegebenenfalls war mit leichtem Regen zu rechnen.
»Paul, was ich mich gefragt habe … gehört dieser Wald ebenfalls zu eurem … ich meine unserem Besitz … die ganzen dreihundert Hektar?«
Paul schmunzelte. »Nein, nicht alles, wir sind doch keine Großgrundbesitzer, wo denkst du hin! Nur zirka hundert Hektar, etwa bis zur tiefen Kuhle, da, wo wir uns getroffen haben. Da ist die Grenze.«
»Das ist auch nicht wenig«, sagte Luise.
»Das ist richtig«, entgegnete Paul. »Man muss wirklich dankbar sein, dass man so viel schöne Natur sein Eigen nennen darf. Das ist schon etwas Besonderes. Damals, als wir das Landhaus kauften, kernsanierten und umbauten – da warst du noch sehr jung –, ergab sich eine günstige Gelegenheit, dieses Stück Naturwald zu erwerben. Und da haben wir zugeschlagen. Schon merkwürdig, aber wir haben nie mit dir darüber gesprochen, nicht wahr?«
»Verstehe, aber wer kümmert sich um diesen Wald?«
»So gesehen, niemand!«, antwortete Paul. »Dieser Naturwald ist so angelegt, dass er sich selbst regulieren soll. Es ist ein wilder Wald, der Wildnis werden will, hoffentlich. Das ist die Idee. Mal schauen, wie lange wir das so aufrechterhalten können, dass der Wald so unberührt bleibt. Man weiß ja nie. Und es gibt tatsächlich einen Förster, der manchmal, sozusagen, nach dem Rechten sieht. Aber eigentlich ist das nicht nötig. Das ist ein alter Bekannter von mir, er macht das mir zuliebe. Ich hatte ihn seinerzeit darum gebeten. Du weißt ja, sicher ist sicher! Aber du kennst ihn ja, nicht wahr?«
»Wen?«
»Den Förster Martin, meinen alten Schulfreund. Der kam früher immer zu unseren Feiern. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen.«
Luise überlegte kurz.
»Hm … ich weiß nicht, kann mich nicht mehr so genau daran erinnern!«
»Wie dem auch sei, manchmal schaut er eben nach dem Rechten. Aber wie gesagt, nötig ist es nicht. Apropos … ich sollte ihn vielleicht mal anrufen!«
Luise verstand, wen Paul meinte. Sie wollte dieses Thema nicht weiter vertiefen, denn ihre gemeinsame schnelle Gangart war schon anstrengend genug. Sie hatte das Gefühl, dass sie mit ihren Ressourcen schonend umzugehen hätte, nach allem, was sie heute erlebt hatte. Sie würde später darüber ausgiebiger nachdenken, dessen war sie sich sicher. Und so liefen sie eine Weile, ohne zu reden, nebeneinander her.
»Der Weg zieht sich länger, als man denkt«, sagte Luise unvermittelt.
»Genau! … Ach übrigens, bevor ich das vergesse. Was ist denn jetzt mit der Partnerschaft, klappt das?«
»Ich weiß noch nicht, eigentlich schon, aber es gibt noch ein paar kleine Hindernisse zu stemmen.«
»Was denn?«, fragte Paul.
»Ich muss unbedingt dieses Projekt am Spreeufer eintüten, besser noch realisieren, dann wahrscheinlich schon. Bestimmt sogar. Das ist der Deal so weit. Ich hatte dir doch mal davon kurz erzählt!?«
»Stimmt! Ich erinnere mich. Und wovon genau hängt die Umsetzung ab?«
»Ich muss die privaten Investoren endlich überzeugen, ganz einfach!«, sagte sie und lächelte.
»Klar. Was sonst!«, entgegnete Paul. »Sag Bescheid, wenn ich dir bei deiner Sache sonst wie helfen kann.«
»Danke, das mach ich«, antwortete Luise. »Aber ich denke, es wird nicht nötig sein«, ergänzte sie.
»Wie du möchtest«, erwiderte Paul. Und sie wanderten eine Weile nebeneinander her.
»Machst du die Therapie noch?«, fragte Paul wie aus heiterem Himmel.
Luise war auf diese Frage nicht vorbereitet und wollte dieses Thema ebenfalls nicht weiter vertiefen.
»Ja, mach ich.«
»Und?«, fragte Paul.
»Läuft!«, war ihre kurze und knappe Antwort. Anspielung genug für Paul, nicht weiter nachzufragen.
Paul dachte kurz nach, während beide zügig weiterliefen.
»Du kannst jederzeit, falls doch alle Stricke reißen, gerne für uns arbeiten. Wir haben wirklich viel zu tun. Wir finden sicherlich ein schönes und wichtiges Projekt für dich, dass dir Freude macht und kein Stress!«
»Ich weiß, Papa!«
Der Vater stutzte für einen Augenblick und schaute Luise erstaunt an. Ein angedeutetes Lächeln zauberte sich auf sein Gesicht.
»Gut! Ich wollte nur, dass du das weißt«, sagte er fürsorglich.
Während Luise und Paul ihren Weg gemeinsam weiterverfolgten, fühlte sich Luise zwar körperlich gefasst aber ihre Stimmung war den Umständen entsprechend etwas getrübt. Sie richtete ihren Blick oftmals nachdenklich nach unten, als suchte sie Rat, Verständnis und Auflösung der Ereignisse zugleich, obwohl sie sich vorgenommen hatte, dies zu einem späteren Zeitpunkt zu tun. Ihre Gedanken ließen trotzdem nicht locker. Vater Paul schaute aufrecht nach vorn, da er entschlossen und eilig sein Ziel zu erreichen suchte.
y
Die Schlechtwetterlage hatte sich in der Zwischenzeit gelegt, denn kräftige Windböen vom Nordatlantik aufkommend, hatten über den südwestlichen Landstrich des Waldgebiets die Regenwolken schneller vertrieben als angenommen. Nach etwas mehr als einer halben Stunde ihrer Wanderschaft erreichten Luise und Paul den gewohnten alten Pfad, der sie sicher zum Haus zurückführte. Luise wirkte sichtlich angestrengt und erschöpft, denn leichte Schweißperlen bildeten sich mittlerweile auf ihrem Gesicht ab. Beide betraten den Innenhof des Landhauses.
»Ich hole schnell das Geschenk für Tim aus dem Auto und dann muss ich auch schon los«, verkündete Luise zu Paul.
Überrascht blieb Paul stehen und schaute seine Tochter einen Moment lang an, dass sie es gewiss nicht so meinte.
»Was ist denn mit Kaffee und Kuchen? Willst du nicht doch bleiben?«, fragte der Vater.
»Nein, mir ist irgendwie der Appetit vergangen«, erwidert sie. »Ich muss nach Hause, hab’ noch einiges zu tun. Wirklich, du kennst das ja!«
Der Vater merkte, dass er Luise besser in Ruhe ziehen ließ und dass seine Tochter es ernst damit meinte. Denn ihm war nicht entgangen, dass Luise die ganze Zeit etwas mit sich herumtrug und sich seltsam verhielt, worauf keine Antwort hatte. Paul trat mit angehobenen Armen einen Schritt auf seine Tochter zu, um sie zum Abschied zu umarmen. Er hielt inne, weil sie sich von ihrer Körperhaltung etwas distanziert zeigte. Sie suchte keinen Anlass, ihm entgegenzutreten, und so ließ Paul von der körperlichen Verabschiedung kurzerhand ab.
»Wie du möchtest!«, sagte der Vater. »Ich habe ohnehin einiges an Arbeit vor mir. Dann bis bald, Luise. Mach es gut und pass auf dich auf!«
»Bis dann Paul!«, sagte sie, den Vater nur flüchtig anschauend.
Paul schlenderte zur Haustür, öffnete diese, blieb kurz an der Türschwelle stehen, drehte sich um und winkte seiner Tochter zum Abschied zu. Sie erwiderte seinen Gruß kurz mit einer flüchtigen Handbewegung und wandte sich ab in Richtung ihres Fahrzeugs. Der Vater entschwand im Inneren des Hauses. Sie schaute ihm kurz nach, eilte dann zu ihrem Wagen, öffnet den Kofferraum und zog das bunte und große Paket heraus.
U
Tim kauert auf dem Boden im Eingangsbereich und schaute auf den wüst aufgerissenen Karton – sein Geschenk, das er so sehnsüchtig erwartete: Ein mittelgroßes und hochwertiges Sportflugzeug, fertig bemalt, fein dekoriert, nichts Kriegerisches und überhaupt – herausgeputzt und wohltuend anzusehen dieser Flieger! Tim begutachtete eine schwarze kleine Kiste mit zwei Hebeln und einer verkürzten Antenne, die ebenfalls im Karton lag. Er schaute Luise fragend an. Sie lächelte zurück.
»Was ist das?«, fragte er und deutete mit dem Zeigefinger auf das rechteckige Ding. Sie kniete sich neben ihn herunter, um das Rätsel aufzulösen.
»Das ist wie der Raketenantrieb, weißt du?!«, flüsterte sie Tim zu.
Sie zog die Fernsteuerung aus dem Karton heraus und legte sie vorsichtig vor Tim auf den Boden.
»Damit kannst du dieses Flugzeug fernsteuern, und dann fliegt das ganz von allein, so hoch, wie du willst«, sagte sie und lächelte.
»Ja … aber … wie funktioniert das?«, fragt er.
Er schaute Luise mit strahlenden Augen an, als die beiden unverhofft Gesellschaft bekamen.
»Paul sagte mir, dass du wieder fährst. Ist was passiert?«, fragt die Mutter. »Bleibst du nicht zum Abendessen?«
»Nein Mama, danke für das viele Essen, aber ich muss wirklich los. Hatte das verdrängt, hab’ noch einiges zu tun. Muss mich vorbereiten für …«
Die Mutter unterbrach: »Und ich dachte schon, es ist irgendwas passiert.«
»Es ist nichts … alles gut!«, erwiderte Luise und lächelte ihre Mutter liebevoll an. »Ich fühle mich gut. Mach dir keine Sorgen, Mama!«
»Wie du meinst, Kind! Dann holen wir das nach … ein andermal«, sagte die Mutter und lächelte wohlwollend zurück.
»Ja, das machen wir ganz bestimmt!«, antwortete Luise. »Ich muss jetzt aber wirklich los.«
Helga merkte, dass Luise es eilig hatte, und streckte ihrer Tochter ihre beiden Arme herzlich entgegen. Mutter und Tochter umarmen sich kurz und innig. Helga drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Dann wandte sich Luise wieder Tim zu. Sie gab ihm ein sanftes Küsschen auf die Stirn und verabschiedet sich.
»Nächstes Mal spielen wir das, und dann zeige ich dir, wie das funktioniert, okay? Ich muss jetzt leider gehen. Aber vielleicht kann Paul dir das erklären. Also mach’s gut … bis bald, mein Großer, ja?«
Tim war aufgeregt und so sehr mit der Untersuchung des Flugzeugs und der Fernsteuerung beschäftigt, dass er nichts hörte und vergaß, sich von Luise zu verabschieden. Sie kannte das von Tim manchmal so und nahm ihm sein Verhalten deshalb nicht übel. Sie streichelte ihn sanft über seinen Kopf und schritt aus der Tür. Sie schlenderte auf dem feinen Basaltsplitt zielstrebig und ohne Eile auf ihren Geländewagen zu, stieg in Seelenruhe ein und fuhr langsam vom Hof. Mutter Helga stand auf der Türschwelle, schaute Luise nach und winkte ihr zum Abschied freundlich hinterher.
V
Nach einer kurzen Fahrt auf dem schmalen Waldweg brachte Luise ihren Wagen in einer seitlichen Ausbuchtung zum Stehen. Sie hatte von dort aus einen ausgezeichnet weiten Blick hinab in das beschauliche kleine Tal, das sich vor ihren Augen friedvoll und bezaubernd ausbreitete. Sie schaltete den Motor aus, lehnte sich entspannt zurück, schaute gedankenversunken in die Tal- und Waldlandschaft und ließ das Erlebte Revue passieren. Nach einer Weile des geistigen Ausschweifens merkt sie, dass sie diese Gedankenfragmente nicht so deutlich genoss, geschweige denn brauchte, ebenso nicht die Erinnerung an gewisse Ereignisse. Sie schloss ihre Augen, atmete tief und lange durch die Nase ein, hielt kurz den Atem an und pustete langsam durch den Mund die Luft wieder aus.
Nach weiteren Momenten der inneren Einsicht, sich gedanklich lossagend von unguten Gefühlen, schöpfte sie Mut, holte sich zurück in das Hier und Jetzt und fühlte sich wie erlöst und glücklich zugleich. Ein zufriedenes Lächeln zauberte sich leuchtend auf ihr Gesicht. Sie war entspannt, als würde ihr eine schwere Last wahrhaftig von der Seele abfallen und ihr Herz unendlich erleichtern. Sie wusste zwar nicht warum, aber sie freute sich darüber. Sie schaute wie befreit auf den Beifahrersitz: Da lag der ‚Flieger mit Raketenantrieb‘, wie von magischen Händen dort abgelegt – Tims stolze und erbauliche Bastelarbeit. Das Fluggerät hatte etwas sonderbar Archaisches und wirkte dennoch unwiderstehlich und zeitgemäß zugleich, beinah wie ein Stück Kunst, das sich ihr ‚begabt‘ und ‚plastisch‘ präsentierte.
Sie stieg aus dem Wagen aus und platziert den Flieger mittig auf einen Baumstumpf, der, wie der Zufall es einforderte, in unmittelbarer Nähe bereitstand, und auf dem zwei weitere abgesägte hohe Teilstücke eines anderen Baums aufgetürmt waren. Wie wenn für dieses Objekt eigens ein Sockel insgeheim errichtet worden war, um das wundersame Flugobjekt in seiner ganzen Pracht zur Schau zu stellen. Sie griff in ihre Jackentasche und zückte das Feuerzeug heraus, das ihr Tim scheinbar im Wald überreicht hatte, oder etwa nicht? Sie stutzte für einen Moment und verwarf weitere Gedanken mit einem sanften Kopfschütteln. Im nächsten Augenblick zündet sie die Lunte der Rakete an und lief zum Auto zurück und setzte sich hinein.
Luise betrachtete im Anschluss die gewaltige und ungeheuer laute Explosion des Flugzeugs, das es in tausend kleine Stücke zerriss, graue wie farbige Plastikteilchen, die wild und unkontrolliert in der Luft herumgewirbelt wurden. Sie sah, dass die verschieden großen Bruchstücke enorm langsam und träge durch die Luft flogen, dass man alle Zeit der Welt hätte, diese wüst zerfetzenden Plastiktückchen in Seelenruhe anzuschauen, um sich nicht satt genug an ihnen zu sehen. Um diesen Moment so lange wie möglich auszukosten. Sie dachte unweigerlich an ihren Lieblingsfilm »Zabriskie Point«, wo in der minutenlangen Schlussszene farblich atemberaubend kunstvolle und sich vielfach wiederholende Explosionen – in extremer Zeitlupe auf Zelluloid gebannt – ästhetisch vorgeführt wurden, wo viele verschiedene Materialien und Gegenstände, fulminant gewaltig und brachial zerreißend und zerplatzend, durch die Luft geschleudert wurden. Um damit eine der ungewöhnlichsten Endsequenzen der Filmgeschichte zu markieren, die man je gesehen hatte. Mit dem perfekt dazu unterlegten psychedelischen Song von Pink Floyd »Come In Number 51, Your Time Is Up.«
Ein eingeschworener und befremdlicher Film, der nicht jedem gefallen hat oder je gefallen wird, wenn einem die Muse küsst, ihn sich unbedingt anzuschauen. Aber es würde sich gewiss lohnen, dieser ‚Verzückung‘ sich auszusetzen.
Wie dem Leben selbst, das ebenfalls überwältigend schön und merkwürdig düster und geheimnisvoll zugleich ist, dass auch nicht jedem so gefällt oder je gefallen wird, wenn man sich seiner göttlichen Vielfalt und Liebe verschließt, dachte Luise.
Sie gönnte sich eine Gedankenpause. Dann zündete sie den Motor und fuhr mit ihrem Wagen davon.

Alles ist jetzt frei, ebenso die Frau,
denn sie findet ihr Kind äußerst genau,
wissend, was dazu gehört,
aber ohne Haus, Hof und Reiterpaar,
und keine weitere Seele hinzu.
So pustet die Frau über alles hinweg,
ist sie einmal im Herzen so froh,
würde manches so sein, wie es damals war,
lebendig, glücklich und strahlend warm,
das ist jetzt so, und sie atmet genau.

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