
PS Raumwandlerisch und andere Geschicke
Schmetterlinge und Monster
Es war einer dieser Nachmittage, an dem ich mich langweilte. Das kam immer wieder vor, da ich die meiste Zeit des Tages mit mir allein verbrachte. Ich hätte genug der Beschäftigung vorgehabt, dennoch trieb mich der verführerische Müßiggang mit sich fort, als stünde einem vertrauten Wiedersehen und gemeinsamer Reise nach ‚nirgendwo‘ nichts im Wege.
Das Telefon klingelte und mein langjähriger Freund ›Jehnco‹ kündigte sich an, sprach davon, dass er mir eine Karte vorbeibringen wolle. Somit freute ich mich auf seinen Besuch, womit der Spätnachmittag als überbrückt galt. Denn ich plauderte gerne mit ihm über Gott, Krankheiten und die übrige Welt, die sich außerhalb meines Büros teilweise lebhaft aber oftmals ‚same-same-but-same‘ spannungsarm beschwingt und sonderbar vermessen entfaltete. Meistens ohne mein Dazutun!
Nachdem ich Jehnco hereinbat, und wir den lagen Flur ins große Zimmer beschritten, überreichte er mir im Vorbeigehen einen weißen Umschlag, weswegen er vornehmlich gekommen war. Es war die Trauerkarte seines erst kürzlich verstorbenen Vaters, der nach langer Krankheit und Aufenthalt in einem Pflegeheim seine verdiente Ruhe gefunden hatte. Wir setzten uns an den Tisch und ich servierte ihm und mir ein Erfrischungsgetränk, da der sommerlich warme Tag dazu einlud.
Ich betrachtete die Karte aufmerksam: Eine gewöhnliche Kondolenzklappkarte mit allen Angaben, die angemessenerweise benötigt wurden, und vergewisserte mich nochmals bezüglich des Datums, denn am Telefon hatte Jehnco den Todestag des Vaters genannt. Dieser traurige Moment des Abschiednehmens und der gleichzeitigen Erleichterung zum Wohle des Verstorbenen lag nur ein paar Tage zurück. Und ich hatte bis Jehncos Eintreffen in unserer Wohnung eine gewisse Theorie entwickelt.
»Das ist wirklich eigenartig«, sagte ich. »Weißt du, dass ich zum Zeitpunkt von ›Heots‹ Tod, oder vielleicht sogar etwas früher, eine Geschichte beendet habe, in der es genau darum geht, dass jemand auf die andere Seite überführt wird?«
»Ach?«, sagte Jehnco spontan und lächelte. Seine dabei mitschwingende Neugierde war mehr sachlicher Natur, als es den Kern meiner eigentlichen Vermutungen in vollem Umfang je tangiert hätte. Folglich ‚pitchte‘ ich den Text in ein paar Sätzen, ohne aber allzu viel vorwegzunehmen.
»Es kommt mir fast so vor, als hätte ich etwas geahnt oder vorweggenommen!«, sagte ich. »Ganz komisch ist das, kannst du es nachvollziehen?«
»Schon, aber es war ja abzusehen, dass er gehen würde … wir haben jeden Moment damit gerechnet«, sagte er.
»Trotzdem, dass dieser Umstand zeitlich genau mit meinem Text übereinkommt?!«, erklärte ich.
»Ich weiß nicht«, sagte er nachdenklich, »aber wenn du meinst.«
»Das musst du wirklich mal lesen«, sagte ich, »du ahnst nicht, welche Details da teilweise zusammenkommen.«
Ich verriet nur so wenig, dass in dieser Erzählung ebenso Pferde eine Rolle spielten, wenn auch nur beiläufig. Und aus Jehncos Ausführungen aus früheren Tagen über seinen Vater war ich im Bilde, dass Heot mit Pferden aufgewachsen war und das er als Hobby historische Kutschen zu sammeln pflegte. Dennoch betonte ich die vermeintlich spirituellen Verflechtungen oder gar Zusammenhänge und verlor mich in vagen Andeutungen, worauf Jehnco sagte:
»So, wie du das schilderst, klingt es plausibel, aber …«
»Weißt du denn die genaue Uhrzeit«, unterbrach ich ihn, »wann dein Vater gestorben ist?«
Jehnco schaute in sein Mobiltelefon und sagte: »Ich selbst war ja nicht dabei, aber mein Bruder war anwesend … warte mal … der schreibt hier ‚vier Uhr achtundvierzig‘.«
»Ich denke, dass ich meine Geschichte früher, wahrscheinlich kurz nach Mitternacht, fertiggestellt habe«, sagte ich. »Oder sogar in den Morgenstunden. Ich weiß nicht mehr genau, jedenfalls war es relativ zeitgleich!«, schob ich hinterher.
Ein schlichtes und freundliches »Hm« kam aus Jehncos Mund.
»Verstehst du, worauf ich hinauswill?!«, sagte ich.
Wir schauten einander an, als würde man etwas ‚verhandeln‘, dessen Wahrheitsgehalt jenseits der Nachvollziehbarkeit anzusiedeln wäre und dass weitere Forschungen diesbezüglich lieber als Nachsendeantrag für ‚Unbekannt‘ nachgereicht würden, wenn überhaupt. Wir lächelten uns gegenseitig zu und wechselten das Thema.
Wir sprachen über dies und das, über Familie und andere Hin- und Zulänglichkeiten und verloren uns teils in populären Andeutungen über das derzeitige politische Klima. Welches ich, um es einmal salopp auszudrücken, manchmal allzu gern mied, weil man ohnehin gemeinsam nicht genug wusste, um einen sachgerechten und fairen Diskurs zu führen, der alle Beteiligten vollauf befriedete. Und dass dieser Gedankenaustausch, man würde es zeitweise kaum dafürhalten, durchaus hin und wieder einer Wahrheit nahekäme, die mitunter nicht von der Hand zu weisen wäre, die aber von vielen als solche nicht gewollt oder geduldet wurde. Ungeachtet der Gründe, die jeder für sich selbst felsenfest beanspruchte! So lenkte ich uns beide von geopolitischen Verwerfungen dieser Welt ab und gedachte erneut zu spirituellen Themen zurückzukommen.
Plötzlich und ohne Vorwarnung flatterte ein relativ großer schwarzbrauner Schmetterling, vermutlich etwa acht Zentimer in der Spannweite seiner Flügel, durch die offene Terrassentür in die Wohnung hinein. Ich begeisterte mich auf Anhieb für diesen ‚Zwischenfall‘, als hätte ich nur darauf gewartet. Der relativ große Falter flog kreuz und quer durch den Raum, als wäre diese Fläche seine gewöhnliche und natürliche Umgebung.
Plötzlich und ohne Vorwarnung flatterte ein relativ großer schwarzbrauner Schmetterling – vermutlich etwa acht Zentimer in der Spannweite seiner Flügel – durch die offene Terrassentür in die Wohnung hinein. Ich begeisterte mich auf Anhieb für diesen ‚Zwischenfall‘, als hätte ich nur darauf gewartet. Der relativ große Falter flog kreuz und quer durch den Raum, als wäre diese Fläche seine gewöhnliche und natürliche Umgebung.
»Genau das ist uns zweimal nach ›Onis‹ Tod passiert«, sagte ich aufgeregt und fuhr fort: »Guck mal, der schaut sich hier um! Das ist krass, oder? Und der von Oni war auch so ein ›Caco-Laco-Schmetterling‹, so ein Oschi, genau wie dieser!«
Ich bemaß mit Daumen und Zeigefinger den Flügelabstand zu Onis Falter, der größer schien als die Maße des Schmetterlings, der unmittelbar hereingeflogen war.
»Dieser hier ist ja auch groß, oder?«, sagte Jehnco, als suchte er einen Vergleich.
»Ja schon, aber der von Männlein Oni war wirklich größer!«, erwiderte ich, als wäre dieses Detail zu betonen in dem Augenblick eine wichtige Angelegenheit.
»Aber wieso Caco-Laco-Schmetterling?«, fragte Jehnco.
»Oh, das habe ich mir so komisch angewöhnt«, antwortete ich, derweil ich den Falter weiterhin im Auge behielt. Und ergänzte: »Das habe ich von meinem Bekannten ›Kartan‹. Der nannte den großen schwarzbraunen Schmetterling so, der an der Glasscheibe seines Hauses deutlich erschienen war und dort eine ganze Weile verweilte, nachdem sein Hund verstorben war. Als würde er ein paar Tage später in dieser Form seine alte Heimstätte aufsuchen, um sich dann endgültig zu verabschieden.«
Jehnco schaute mich mit großen Augen an und ich fuhr fort:
»Ich glaube, weil die Farben ihn an diese Caco-Laco-Gummifläschen erinnerten, du weißt schon, die von ›Hibaro‹! Oder seine ehemalige Freundin ›Diyla‹, mit der er bis vor kurzem nach wie vor zusammenlebte, die das seinerzeit ebenso bezeugt hatte.«
»Ach, was?!«, sprach Jehnco.
»Weil sie doch ein ›Wortteiler-Weibchen‹ namens ›Kiara‹ gemeinsam versorgten«, führte ich weiter aus, »so dunkelbraun fast schwarz mit hellbraunen Stellen, ähnlich diesen Fläschen, oder so. Oder war es doch ›Iramas‹, der andere Wortteiler-Rüde? Ich krieg’ das nicht mehr genau zusammen!? Jedenfalls waren zumindest ihr Weibchen Kiara und unser Männlein Oni einst befreundet, weißt du?«
»Aha!«, sagte Jehnco und schaute mich dabei an, als würde er das, wie auch immer, nachvollziehen, oder eben nicht! Und fragte nicht weiter nach.
Ich beobachte den Schmetterling unterdessen, wie er, für mein Empfinden, hektisch und wild durch die Wohnung und zum Bücherregal flog und dann nicht mehr zu erkennen war.
»Wo ist der denn jetzt?«, fragte ich in den Raum und schaute mich hastig um.
»Der ist irgendwo auf dem Stuhl dort?«, sagte Jehnco und deutete auf die eingeklappten Freizeit-Stühle, die vor dem Bücherbord in Reihe standen. Er fuhr fort: »Ich meine, dass er auf der Decke liegt, irgendwie hat er sich dort niedergelassen. Wenn du den Stuhl ein bisschen vorrückst, kommt er vielleicht wieder raus.«
Ich zog einen Stuhl vor und der Schmetterling kam zum Vorschein und flog weiter zu einem der Küchenfenster, wo er sich einerseits dicht an der Scheibe entlang schnell flatternd hin und her bewegte. Andererseits sah es so aus, als würde er eine Lücke suchen, um wieder herauszufliegen. Ich schlenderte zum Fenster hinüber und öffnete dieses sicherheitshalber auf Kipp, aber der Falter schien nicht geneigt wegzufliegen. Ich wandte mich wieder Jehnco zu.
»Das ist ja krass. Du weißt schon, dass Schmetterlinge normalerweise nicht in Wohnungen reinfliegen. Warum sollten die das tun? Das machen die nicht!«, sagte ich selbstbewusst, als hätte ich das geheime Leben der ‚Was-weiß-ich-welche-Art-von-Schmetterlingen‘ in der Schmetterlingskunde ausgiebigst studiert. Oder gar mir zwischendurch die Schmetterlingssammlung vom ›Bizbuk Ligl May‹ genauestens unter die Lupe genommen. Und ich rief eifrig:
»Guck mal, Jehnco, du bist gesegnet, mein Lieber! Ist das nicht toll?! Der wollte sich hier nur ein bisschen ausruhen.« Ich steigerte mich weiter hinein:
»Das gibt’s doch gar nicht, der möchte nicht wieder hinaus. Da siehst du mal … das passiert genau dann, wenn jemand stirbt. Das ist ein Bote!«
Mittlerweile sah ich Jehnco an oder dachte zumindest mir, vor Augen zu führen, dass er vermutlich ebenfalls davon überzeugt war, wenigstens schien sein Verhalten angeregt genug, dass sich in diesem Moment etwas sonderbar Schönes und Aussergewöhnliches in unserem Raum abspielte. Er strahlte förmlich im Gesicht. Wir beobachteten gemeinsam, wie der Falter dann vom Küchenfenster zur Dachluke hochflog und sich dort an einem vagen Punkt platzierte und langsam aber rhythmisch mit den Flügeln auf und ab schlug. Und ich sagte aufgeregt:
»Der sitzt genau an der Stelle, wo vor zwei Jahren Onis Falter saß. Weil er das nämlich schon kennt. Trotzdem ist es ein anderer Schmetterling, davon bin ich überzeugt! Aber guck mal, wie er darauf wartet, dass ich ihm die Luke öffne.«
Ich war so beseelt von diesem erinnerten Anblick, dass ich freimütig und wiederholt ausrief, als würde ich leidenschaftlich von einer geheimen Entdeckung schwärmen:
»Alles ist herrlich! Das ist das, wovon ich immer rede, Jehnco, so etwas passiert nur, wenn jemand stirbt und sich nochmals zu erkennen gibt. Ist das nicht fantastisch?«
Jehnco schaute die ganze Zeit nach oben zur Dachluke und schien innerlich freudig erregt und ebenfalls entzückt von dem prächtigen Falter, der in Seelenruhe auf der Kante der Luke saß und wartete. Jehncos Körperhaltung schien locker entspannt und er lächelte erfreut. Ich holte die lange Gewindekurbel und öffnete langsam und vorsichtig die Dachluke. Der Schmetterling flog ohne Eile hinaus und verabschiedete sich genau wie damals, als Onis Falter zu mir kam und sich wieder verflüchtigte.
»Das war Heot, Jehnco, der kam sich von uns beiden verabschieden!«, sagte ich und sprach weiter: »Oder hat einen Boten geschickt, je nachdem, als was man es lieber ansehen möchte. Verstehst du jetzt, was ich meine, wenn ich von diesen Dingen rede, die zwischen Himmel und Erde geschehen, von denen wir uns aber selten eine Vorstellung machen. Ich bin mir ganz sicher, dass es dein Vater war, der zu uns kam«, und ich kramte aus meinem Kopf das beste ›Löschk‹ hervor, das mir möglich war, obwohl ich wusste, dass der Vater zu Lebzeiten das feinste ›Bechamer-Platt‹ sprach, das ich je gehört hatte, und ergänzte:
»Do hät hä sich jedaach: ›Do, luur ens, do setze de Junge. Däne saach ech ens koot Hallo un Tschöß. Un dat ehr üch jo jot benemmt! Ech ben dann ens fott. Do, wo ech jetz ben, jeiht et mer jot, Junge. Maacht üch kei Sorje. Mer sinn uns widder!‹«
Wir saßen noch eine Weile zusammen und redeten über diesen wunderbaren ‚Zwischenfall‘, der unser beider Herzen insgeheim und mit Sicherheit hatte höher schlagen lassen. Momente der unverhofft spontanen ‚Aufregung‘, die ich zumindest für meinen Teil überaus genossen und als sehr willkommen geheißen habe. Ich nehme an, dass es Jehnco ebenso oder ähnlich erging. Der Nachmittag hinterließ bei mir ein Gefühl der liebevollen ‚Umarmung‘ durch die jenseitige Welt, so, als hätte man etwas Besonderes erlebt. Und als würde ein ungewöhnliches ‚Stück Heiligkeit‘ Zeugnis davon abgelegt haben, dass wir mit unserer geistig spirituellen Quelle wahrhaftig und für immer verbunden sind. Und ich bekräftigte diesem Ereignis gegenüber Jehnco dahingehend seiner andächtigen Bedeutung, dass es bis jetzt nur zweimal in dreiundzwanzig Jahren vorgekommen wäre, das ein Schmetterling dieser Größe hier in die Wohnung hineingeflogen sei und sich so ausgiebig darin aufgehalten habe. Das erste Mal, ein paar Tage nach dem Tod unseres geliebten Hundes Oni vor zwei Jahren, als der Falter faktisch in jedes Zimmer mehrmals hinein und wieder heraus flatterte, als würde er sich nochmals alles genau ansehen. Und jetzt, das zweite Mal, kurze Zeit nach dem Ableben von Jehncos Vater Heot.
Wir sprachen noch über dies und das, und über irgendwelche Krankheiten, auf die wir zum Glück nicht näher eingingen. Später, als ich Jehnco zur Haustür begleitete, bat ich ihn darum, dass er seiner Frau ›Biga‹ von unserem ‚schönen Vorfall‘ berichten möge, was sie ebenfalls begeistern würde; dessen war ich mir sicher. Er bejahte diesen Wunschgedanken gerne, worauf wir uns, wie immer, freundschaftlich innig voneinander verabschiedeten.
Den weiteren Spätnachmittag und die frühen Abendstunden erlebte ich wie gewohnt, indem ich mich meiner künstlerischen Arbeit widmete, zwischendurch etwas aß, dieses Mal aber in Abwesenheit der Mitbewohnerin ›Inata‹, und später einen Film oder eine x-beliebige Serie anschaute. Das war der Ablauf, der sich jeden Abend meistens so ähnlich vollzog. Mal gab es weniger Gestalterisches zu erledigen, und in gewissen Momenten wiederum mehr Essen zu vertilgen, oder in anderen Augenblicken zumindest weniger stumpfe Filmunterhaltung, aber dafür mehr kreatives Schaffen, andernfalls alles umgekehrt und so weiter! So oder so erfüllten sich diese Stunden nach dem gleichen Schema von ‚same-same-but-same-or-different‘! Gleichwohl war ich von dieser ‚Abwechslung‘ am Nachmittag mit Jehnco derart beschwingt und innerlich beglückt, dass mich dieses positive Gefühl der Zufriedenheit wie ein angenehmer Schatten den ganzen Abend begleitete, bis ich mich zur später Stunde hinlegte.
Ich hörte irgendwann Geräusche, die mir aufschreckten. Ich schritt in der Dunkelheit in den Wohnraum, um nachzuschauen. Während ich das Zimmer betrat, erhellte sich diese Räumlichkeit unmerklich wie von selbst, sodass ich erkannte, das ein großer Wolfhund vor der Terassentür saß. Er ‚bellte‘ verhalten mit seiner ansonsten vermutlich tiefen und kräftigen Stimme und bat somit um Einlass. Zu meiner größten Verwunderung hatte ich keine Angst vor diesem Vierbeiner, der mehr Wolf als Hund schien, und der auf mich zudem sonderbar vertraut wirkte. Ich eröffnete die Tür und ließ ihn herein, worauf er sich Rute wedelnd freute und sich glücklicherweise zutraulich gebärdete, indem er mein Gesicht stürmisch ableckte. Ich spürte, dass er ein Freund war, und umarmte ihn liebevoll, als hätte ich ihn erwartet. Und ich bemerkte, dass er weiches Fell besaß, das sich flauschig angenehm streicheln ließ. Er legte sich instinktiv auf das kaum von Oni benutzte große Liegekissen ab, das immer noch auf dem Boden lag, und das wir manchmal selbst als Sitzfläche gebrauchten, weil es neutral gehalten und formschön mit hellgrauem Cordstoff überzogen war. Beruhigt legte ich mich wieder schlafen.
Zu einem ungewissen Zeitpunkt wachte ich auf und beschloss, nach dem Wolfhund zu sehen. Ich gedachte just in den Flur rechts abzubiegen, als ich unverhofft zu meiner linken Seite eine hohe Gestalt an der Tür stehen sah. Ich erschrak fürchterlich und mir wäre vor Entsetzen beinah die hochgeklappte Schlafmaske vom Kopf weggeflogen! Diese ‚Figur‘ mutete wie ein halbdurchsichtig dunkler Geist an, mit breiten Schultern, der regungslos dastand und mich durchdringlich beobachtete. Ich verspürte deutlich Angst, überlegte aber schnell, dass Angriff die beste Verteidigung sei. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und schritt erhobenen Hauptes irgendetwas laut murmelnd auf ihn zu, um dieses Ding mit meinen wild wedelnden Armen unbedingt zu verjagen. Seine Augen glühten schlagartig wie gleißende helle weiße Feuerbälle und es kam daraufhin zu einem Handgemenge, mit dem ich nicht gerechnet hatte:
Er schleuderte mich derart heftig durch die Luft, dass mein Körper mehrmals überschlug und wie ein ›Schitt-Ball‹ hin und her purzelte, sodass ich keine Kontrolle mehr über mich und meine Gliedmaßen hatte. Ich schwebte in schwerfälligster Zeitlupe aber leicht wie eine Feder quer oberhalb des Sideboards am Eingang der Wohnung Richtung Schlafzimmertür und fühlte mich wie gelähmt und hilflos zugleich. Ich krächzte mehrmals nach der Frau, die im Nebenraum fest zu schlafen schien. Ich rief heiser und auf ›rücktisch‹: »Anne–Anne–Anne!« Aber niemand hörte mich. Dann schrie ich mit belegter Stimme, so gut wie ich vermochte, nach dem Wolfhund, damit er mir zur Hilfe käme. Und er eilte im Nu herbei und wurde von dem ‚Geist‘ ebenfalls in der Luft, diesmal wie in schnellerer Zeitlupe, hin und her geschleudert. Es gab für uns beide kein Entrinnen und …
Ich öffnete die Augen und lag in meinem Raum und hatte längere Zeit unheimlich gruselige Gänsehaut, die mich innerlich wie äußerlich frösteln ließ. Ich beruhige mich wieder und erinnerte mich unweigerlich an eine andere Episode, die mich zwei Monate zuvor in ähnlicher Weise traktiert hatte:
Ich lag wie regungslos, als dieses monströse graubraune Wesen bedrohlich vor mir auftauchte. Von links her über das Bett huschte, bis hin zu meinem Kopf, den ich rasch auf die rechte Seite verdrehte, während es mit seinen vielen Tentakeln-Armen mit zischend klirrenden Geräuschen – ‚ziiischhh-klick-klack-ziiischhh-klack‘ –, mich zu umkreisen suchte. Ich empfand diesen Moment als unheilvoll und erkannte nicht, in welcher Absicht dieses düstere Ding mich heimgesucht hatte. Ähnlich verängstigt rief ich damals mit heiser gequälter Stimme auf ›rücktisch‹ nach der Mutter, die, so meine Annahme, links zur Eingangstür in einem anderen Raum schlief. Oder sich sogar hinter einer Art rundlichem Vorhang oder Paravent vermutlich aufhielt, obwohl ich ahnte, dass sie an jener Stelle niemals sein würde, da sie schon lange nicht mehr lebte. Ich rief immer wieder nach ihr, aber hörte weder Antwort noch erlösende Geräusche aus der Richtung der Verkleidung. Das ‚Monster‘ umkreiste mich weiterhin und ich schnappte instinktiv wie ein Hund nach diesem Wesen und versuchte, mich körperlich zu erwehren, obwohl ich völlig versteifte, vor lauter Angst. Und dann:
Jählings lief dieser ‚Geist‘ durch die Tür meines Raums nach rechts weg, als wäre er selbst verschreckt worden, und von links schlenderte eine Frau herein, die merkwürdigerweise nicht meine Mutter zu sein schien, ebenfalls nicht wie in jungen Jahren. Diese Frau, deren Gesicht ich nicht erkannte, hatte langes und dunkel glattes Haar und trug ein glänzendes beiges Samtkleid mit weißen Punkten, eng sitzend über einer Hose, die an ihrer Hüfte mit einem schmalen Seidenband aus gleichem Stoff zusammengezurrt war. Sie setze sich an meine Bettkante, beugte ihren Kopf über mich und verhielt sich mitfühlend. Ich legte ihr dabei sanft meine flache Hand um ihre enge Taille und berührte den weichen samtigen Stoff ihres Kleids. Ihr Körper fühlte sich wunderbar rund und zart an; ich entspannte mich.
Später fuhr ich mit einem Fahrrad, das sich im Laufe der Zeit wie von selbst demontierte, durch Straßen, die ich nicht kannte, die mir dennoch vertraut erschienen. Ich stand unverhofft auf einem Dach eines hohen Gebäudes und sprang mit dem übriggebliebenen Rest des Vehikels in der Hand tief hinunter und landete unverletzt auf einer Fußgängerzone. Ich beobachtete, wie mir eine junge Frau ebenfalls hinterher sprang, die mir scheinbar gefolgt war. Erst dann registrierte ich, dass die Höhe, von der sie sich fallen ließ, doch nicht so gewaltig war, wie ich zuerst annahm und …
Ich spazierte mit einem Hund ohne Leine durch diese Straßen und sah weitere Straßenhunde, die vor einem Discounter herumlungerten. Ich hoffte innigst, dass sich mein eigener Hund nicht mit den anderen Vierbeinern anlegte. Denn wie das meistens endete, kannte ich nur allzugut! Unvermittelt und ohne Vorahnung wurde ein Krankenbett samt Patient aus der breiten Tür des Marktes hinausgeschoben und ich erfasste, dass es dabei um den guten Heot handelte, Jehncos Vater, der da im Bett lag. Er erkannte mich, richtete sich kurz auf, lächelte mich freundlich an und sagte:
»Hür ens, wie heiß dä en noch ens, dä do bei dir wunnt, do bovve bei üch en dä Künschtlerbud? Oder kütt dä dich bloß besöke? Ech kenn dä nämlech, ävver ech han janz verjesse, wä dat wor. Oder wänn ech en dat letzte Mol jesinn han … wor dat nit emmer sonndachs? Saach em, dat ech en janz doll leev han un dat hä sich kei Sorje maache soll. Et weed allens jot! Su, jetz muss ech ävver wigger … ech han noch vill ze donn!«
Ich stand völlig perplex da, während das Bett von einem Krankenpfleger weitergeschoben wurde. Abrupt wurde der fahrbare Untersatz abermals angehalten und Heot drehte sich erneut zu mir um und sagte mit frohgelaunter Stimme:
»Üvverijens: De Jeister, die de jerohpe häs, sin fott! Kanns widder noh Huus jonn. Bes dann!«
Ich winkte Heot sprachlos aber freundlich hinterher, nahm den Hund an die Leine und spazierte Richtung nach Hause, wo immer das sein würde.
— Raum 0605/16/27/0726 —
Der besonnene Fährmann
Zarte Sonnenstrahlen fielen in den frühen Morgenstunden auf die Nebelbank, die sich über dem breiten Fluss unmittelbar an der Wasseroberfläche zaghaft gebildet hatte, durchdrangen sie und lösten den feinen Schleier förmlich auf, während Überreste von Schwaden sich langsam stromabwärts verflüchtigten. Die Fähre des Fährmanns, die am Ufer nahe seiner kleinen Hütte fest verankert lag, schaukelte sanft im seichten Wellengang auf und ab. Wasser prallte leise und behutsam gegen den Rumpf der Konstruktion, die nicht allzu groß in ihrem Ausmaß war, aber einladend genug, um ein Pferd und seinen Reiter auf die andere Seite des wilden Gewässers zu befördern, wenn dies gewünscht wurde.
Der Fährmann trat aus seiner Hütte ins Freie, schlenderte gutgelaunt ein paar Schritte auf dem weichen grasigen Untergrund vorwärts und blieb stehen. Er drehte seinen Körper gegen die Sonne, die ihm und seiner Umgebung einen herrlich klaren Tag zu versprechen schien. Er streckte seine Arme hingebungsvoll dem Licht entgegen, umarmte es mit den Händen liebevoll und ließ die zaghaften Strahlen sein Haupt eine Weile umschmeicheln. Er vernahm befriedet die wärmende Energie, die sich auf seinem Gesicht wohltuend ausbreitete, schloss seine Augen und sprach mit leiser Stimme gen Himmel:
»Gesegnet ist dieser Tag. –
Klarheit wird mich stets begleiten, nützliche Botschaften werde ich empfangen und angenehme Momente erleben, die mein Sein in höchstem Maße bereichern. –
Reinen Herzens biete ich meine Hilfe anderen Menschen an und verhelfe ihnen zu einer guten Überfahrt, die sie hoffentlich an ihr gewünschtes Ziel wohlauf geleitet. –
Erstrahlen werde ich in Licht, Liebe und Mitgefühl, Angst gewiss verneinen und inneren Widerstand jederzeit fein abwägen, damit ich weiterhin wachsen kann. –
Ich umarme voller Freude meine multidimensionale Seele, bin glücklich und gesund.«
Der Fährmann strich sich mit den Innenflächen seiner Hände durchs Gesicht und ließ die Handflächen mit seinen Armen langsam nach unten gleiten. Er formte mit seinen Handspitzen einen großen Kreis und übergab am höchsten Punkt der Bewegung seine Fürbitte wie einen Vogel in die Freiheit. Nach diesem morgendlichen Ritual, das ihn seit vielen Jahren wie ein treuer Freund begleitete, widmete er sich seinen Pflanzen, Obst-, Gemüse- und Kräutersorten, die er auf einer überschaubaren Ackerfläche, seitlich zur Hütte gelegen, angebaut hatte. Und die ihn täglich mit dem Nötigsten an gesunder Nahrung und ebenso wohltuender Schönheit für die Augen versorgten. Während er sich einige Zeit seiner Arbeit hingab, vernahm aus der Ferne Geräusche, die seine Aufmerksamkeit erregten. Er sah kurz auf und bemerkte drei Reiter, die sich aus dem dichten Wald herausbewegend, seiner Hütte näherten. Er unterbrach seine Gartenarbeit und eilte in gelassener Schrittabfolge auf den Weg vor seiner Behausung, um die Fremden in Augenschein zu nehmen, damit er sie angemessen empfangen würde.
Drei maskierte Reiter, allesamt herrschaftlich gekleidet, in trefflich anliegenden und edel anmutenden dunklen Anzügen, die mit der Attraktivität von aufwendigem Stoff und Leder beinah um die Gunst eines jeden Betrachters wetteiferten, blieben in gebührendem Abstand vor dem Fährmann stehen. Alle drei Herren, nebeneinander in Linie aufgereiht, umhüllte ein langer dunkelfarbiger seidiger Umhang, der den Pferden ebenfalls über Hüfte und Kruppe locker nach unten fiel und mit ihrem jeweilig präzise getrimmten Schweif eine harmonische Einheit bildete. Die Reiter selbst sahen sich in Gestalt und Kleidung zum Verwechseln ähnlich, daher unterschieden sie sich nur durch ihre Pferde. Links vom Fährmann stand ein prachtvoll schwarzer Vollblutaraber mit einem herrlich schimmernden Fell. Der mittlere englische Vollblüter glänzte mit einer satten dunkelbraunen Farbe und den rechten Anglo-Araber schmückte ein makelloses Weiß, wie man es in dieser Pracht selten antrifft.
Das braune Pferd in der Mitte trat zwei Schritte vor und sein Reiter sprach:
»Seid gegrüßt, Fährmann, wie kommen von weit her und benötigen eine Überfahrt über diesen Fluss. Könnt Ihr uns dabei behilflich sein?«
»Gegrüßt seid ihr, edle Herren. Ich bin Euch gerne zu Diensten«, entgegnete der Fährmann freundlich, »das ist glücklicherweise meine Aufgabe.« Er hielt kurz inne und ergänzte: »Dennoch vermag ich nur ein Pferd mit einem Reiter überzusetzen, denn die Fähre ist leider von bescheidener Größe, wie Ihr seht. Da schaut!« Er zeigte mit seiner Hand zum Ufer, wo die Holzkonstruktion im Wasser leicht hin und her schaukelte. Alle drei Reiter sahen in die gedeutete Richtung.
»Fürwahr!«, sagte der Mann auf dem braunen Pferd, »ich sehe es mit meinen eigenen Augen. Aber sagt, wie viel Zeit würde eine Überfahrt beanspruchen?«
»Unter günstigen Bedingungen eine Stunde hin und eine Stunde für den Rückweg, mein Herr«, antwortete der Fährmann.
»Hmm«, das erscheint mir nicht wenig!«, murmelte der braune Reiter nachdenklich und fuhr fort: »Aber wartet!«
Das braune Pferd schritt zurück in die Reihe, die Vollblüter rückten ihre Exterieurs dichter zueinander, so nah wie es ihnen möglich war, und die drei Männer steckten die Köpfe zusammen und besprachen sich leise. Nach einer kurzen Weile lösten sie sich wieder voneinander und das braune Pferd schritt erneut nach vorn. Sein Reiter sprach:
»Guter Fährmann, das kommt unserer Unternehmung nicht ungelegen, denn nur einer von uns führt eine Fracht von unschätzbarem Wert mit sich, der um jeden Preis auf die andere Seite des Flusses überführt werden muss. Um dort dem rechtmäßigen Empfänger zweifelsfrei übergeben zu werden. Zwei von uns waren bis hierhin seine sicheren Begleiter, zum Schutz vor Dieben und sonstigem Gesindel, versteht Ihr?«
»Das freut mich zu hören, mein Herr, denn es vereinfacht die Sache erheblich, nicht wahr?«, entgegnete der Fährmann freundlich.
»Ja, gewiss tut es das! Dennoch, wir würden Euch trotzdem gerne um einen Gefallen ersuchen!?«
»Wie Ihr wollt, bitte sprecht!«, sagte der Ferge.
»Seid so gut und wählt Ihr den Einzigen von uns aus, der die besagte Fracht bei sich trägt und der hinübergesetzt werden wird, während die beiden anderen sich von diesem Ort wieder entfernen werden.«
»Aber ich verstehe nicht, edler Herr, warum überlasst Ihr mir diese überaus wichtige Aufgabe der Entscheidung?«, fragte der Fährmann verdutzt.
»Schaut«, begann der braune Reiter in einem beschwichtigenden Ton und führte weiter aus: »Wir sind Abgesandte einer weithin höheren Regentschaft, die ich Euch hier nicht näher zu erläutern vermag, und um es nicht beschwerlicher zu wiegen, als es ohnehin schon ist. Es ist uns nicht gestattet, in solch wichtigen Angelegenheiten, wir sprechen hier von unabwendbaren Vorgängen außerordentlicher Tragweite, selbst zu entscheiden. Das ist Gesetz! Wir bedürfen der Rechtsprechung und Beurteilung einer umsichtigen und vernunftsorientierten Sicht und Stimme von Außen. Welche entweder einen treuen Mitbürger von hoher Moral und sittlichem Anstand repräsentiert oder gar den gewöhnlichen Menschen vorsieht, der aber seines Gleichen für Rat und Weitblick mit Bedacht wählt, Euch zum Beispiel, mit Verlaub gesagt, versteht Ihr?«
Der Fährmann überlegte kurz und sagte: »Ich fühle mich geschmeichelt, edler Herr, aber das ist der Ehre zu viel, die zudem einer Überforderung meiner bescheidenen Person gleichkommt und die ich um keinen Preis zu rechtfertigen vermag … nicht vor mir selbst, nicht vor der ganzen Gemeinschaft! Ich bin ein einfacher Mann, der sich mit seinem Dasein bis jetzt angemessen und sinnvoll arrangiert hat. Diese Verantwortung würde zu schwer auf meinem Schultern lasten. Und hinzukommt: Ich kann im Leben nicht wissen oder je erahnen, wer der eine von Euch der einzig Richtige sei, der auszuwählen ist.«
»Hört, hört!«, riefen die Reiter im Chor.
»Gut gesprochen, Fährmann!«, sagte der braune Reiter, »nachvollziehbar Eure Bedenken, aber dennoch: Ihr erweist uns und Eurem Land, Regenten, der Gemeinschaft, wem immer Ihr mögt, einen großen Dienst, wenn Ihr diese Bürde auf Euch nehmt. Und Ihr würdet dieser Aufgabe gerecht werden, dessen bin ich, sind wir alle vereint, ganz sicher!«
»Wie um Gottes willen vermag das vonstattenzugehen!?«, fragte der Fährmann ungläubig.
»Aber wartet, bevor wir dazu kommen«, erwiderte der braune Reiter, »bedenkt Folgendes: Wenn Ihr diese Aufgabe annehmt und ihr gerecht werden möchtet, so wahr Ihr Euch von Eurem Gewissen und Eurer inneren Stimme der Vernunft leiten lasst, erwartet Euch eine große Belohnung auf der anderen Seite des Flusses. Die Ihr gewiss nicht bereuen werdet, versteht Ihr?«
»Das mag bestimmt reizvoll sein, Herr«, erwiderte der Fährmann, »aber ich habe hier auf diesem kleinen Stück Land alles, was ich brauche … was mich ernährt und meine Augen jeden Tag mit Schönheit umgibt. Und ich habe meine Arbeit als Fergen. Mehr ist nicht nötig!« Er hielt inne, überlegte kurz und fuhr fort:
»Ich bin gerne zu Diensten und helfe, wenn ich gefragt werde, trotzdem: wenn ich nur wüsste, dass und wie Eure Sache zweifelsohne mit meiner bescheidenen Hilfe zu bewältigen wäre? Und gewiss, die Belohnung: Für meine Bereitschaft der Mithilfe bedarf es keineswegs einer zusätzlichen Abfindung, der ich auch ohne zu bereuen zu widerstehen vermag, denn ich bin behilflich von Herzen gerne, wenn es mir möglich ist.«
»Das ist sehr ehrenwert, das muss man Euch wahrlich zugutehalten«, sprach der braune Reiter, »aber eine fürstliche Entschädigung kann nicht schaden, so oder so nicht, versteht Ihr? Vielleicht werdet Ihr eines Tages darauf zurückgreifen müssen. Ob Ihr wollt oder nicht. Wer ahnt schon dieser Tage im Ungewissen, was in der Zukunft verborgen liegt, welches unausweichliches Schicksal einen zu ereilen vermag. Wer weiß, was überhaupt später einmal sich zutragen wird, wie im Glück so im Verderb. Bedenkt zum Beispiel, dass, wenn Ihr im Alter weder Euer Stück Land bestellen, noch Eurer Aufgabe als Fergen nachkommen könnt, Ihr selbst auf Hilfe angewiesen seid, wisst Ihr, was ich meine?«
Der Fährmann überlegte einen kurzen Moment und sagte:
»Vielleicht habt Ihr nicht unrecht, edler Herr, einiges an wahrem und vernünftigem Gehalt liegt in Euren Worten … aber bitte sagt, was habt ihr Euch genau vorgestellt, wie ich Eurem Unterfangen gerecht zu werden vermag?«
»Nicht beschwerlich wird das sein«, sprach der Reiter, »denn: fragt jeden von uns nur eine einzige Frage, gleichgültig was, die wir entweder mit Ja oder Nein zu beatworten haben, damit Ihr am Ende zu entscheiden habt, wer der Übersetzung zum anderen Ufer würdig ist. Ihr dürft zumindest nicht fragen, wer den besagten Schatz bei sich trägt, das rechtfertigt sich von selbst, versteht Ihr?«
»Klingt zu gewöhnlich, edler Herr, als das es ernsthaft zum gewünschten Ergebnis führte«, sagte der Fährmann.
»Denkt nicht zu viel nach, handelt nach bestem Wissen und Gewissen«, erwiderte der braune Reiter und ergänzte: »Lasst uns anfangen, um nicht noch mehr Geduld zu vergeuden. Trotz alledem, nehmt Euch genug Zeit und besinnt Euch gut. Nur Mut!«
»Können die edlen Herren für sich sicherstellen«, sagte der Fährmann, »dass sie meine Entscheidung, gleich wie sie ausfällt, ohne Wenn und Aber akzeptieren und nicht in Zweifel ziehen werden?«
Der braune Reiter schaute seine beiden Mitstreiter an, nickte kurz und sprach einvernehmlich: »Ja, wir werden zustimmen, gleichgültig, wie Ihr Euch auch entscheidet!«
»Sodann, wie ihr wünscht!«, sagte der Fährmann, atmete tief durch und besann sich für einen Augenblick. Er richtete seinen Blick auf den linken Reiter mit dem schwarzen Pferd und fragte:
»Seid ihr Eurer geliebten Frau jemals untreu geworden, obwohl sie Euch viele Kinder schenkte und sich um die Familie zu Lebzeiten … möge sie in Frieden ruhen … aufrichtig und liebevoll kümmerte, ohne sich zu beklagen?«
»Nein, bin ich nicht!«, antwortete der schwarze Reiter prompt. Er zuckte mit den Augenbrauen misstrauisch und entgegnete:
»Aber Fährmann, woher weißt du, dass ich viele Kinder habe und dass mein geliebtes Weib das Zeitliche bereits gesegnet hat?«
»Ich habe es nur angenommen! Ich kann Euch leider nicht sagen, woher ich das wusste«, erwiderte der Fährmann.
»Wieso nicht?«, hackte der schwarze Reiter ungeduldig nach.
»Weil ich es nicht weiß! So harmlos ist das! Bitte fragt nicht weiter nach, denn ich habe keine erschöpfende Antwort, die Euch jemals zufriedenstellen wird.«
Den schwarzen Reiter befriedigte die Antwort des Fergen nicht, er gab gleichwohl aber unfreiwillig nach, denn er bemerkte aus dem Augenwinkel, dass der braune Reiter ihm leicht zugewandt signalisierte, dass er besser nicht weiterbohren solle.
Der Fährmann sprach den braunen Reiter an:
»Habt Ihr jemals im Kampf einen Gegner besiegt und anschliessend getötet, obwohl Ihr ihn stattdessen mit Leichtigkeit hättet verschonen können, nur weil Ihr Euch, der Einfachheit halber, Euer Gesicht zu wahren genötigt sah?«
»Ja, das habe ich, leider Gottes!«, war seine direkte Antwort, die einen gewissen Klang von Schwermut hinterließ.
Der Fährmann stellte seine letzte Frage an den Reiter rechts mit dem weißen Pferd:
»Habt Ihr jemals irgendjemand einer ungeprüften Lüge bezichtigt und ihn seiner unausweichlichen Strafe zuführen lassen, die seinen sicheren Tod bedeutete, obwohl Ihr letztlich wusstet, dass er unschuldig war, nur um Euch nicht der Blöße der eigenen Fehlentscheidung hinzugeben?«
Die drei Reiter schauten einander etwas befremdet an. Diese Frage schien dem weißen Reiter zu missfallen, denn seine Augen verrieten Gereiztheit, die trotz der Maskierung eine unfreundliche Mimik dahinter zu vermitteln vermochte.
»Nein, das habe ich nicht, Ferge, deine Frage ist anmaßend!«, antwortete der weiße Reiter in einem Ton, der vehement fahrig als glaubwürdig klang.
Unruhe erfasste die Pferde augenblicklich. Sie wieherten und stampften teilweise mit den Hufen, da sie scheinbar spürten, dass ihre Reiter ebenfalls etwas nervös in ihren Satteln hin und her rutschten. Der braune Reiter stieg von seinem Pferd ab und streichelte seinen Vollblüter liebevoll und tröstlich an der Stirn, seiner Ganasche und vom unteren Halsrand bis zu seinem Kamm, bis dieser sich wieder beruhigte. Die beiden anderen Reiter stiegen ebenfalls ab und führten das ihrige aus, um ihre Pferde zu besänftigen.
Der braune Reiter wandte sich erneut dem Fährmann zu und sagte:
»Seid Ihr zu einer Entscheidung gelangt, wer der eine von uns ist, den Ihr hinüberzusetzen gedenkt?«
»Ja, mein Herr«, sagte der Fährmann überzeugt.
»Nun sprecht, spannt uns nicht länger auf die Folter, wer ist es?«
»Ihr seid es, edler Herr, und kein anderer, den ich übersetzen werde«, sagte der Fährmann.
»Ooh«, raunten die beiden anderen Reiter leise und einhellig.
»Wollt Ihr nicht wissen, wie ich zu meiner Beurteilung gelangte?«, fragte der Fährmann aufmerksam.
»Nein, das wird jetzt nicht nötig sein, Fährmann. Ihr könnt mir vielleicht später auf der Fähre davon berichten.«
»Akzeptieren die edlen Herren meine Entscheidung?«, fragte der Fährmann in die Runde.
»Wir akzeptieren!«, erklang es von den Männern einstimmig.
»Wie ihr wünscht, so soll es sein!«, erwiderte der Fährmann.
»Ihr könnt gerne zur Fähre vorgehen, ich werde mich derweil von meinen Freunden verabschieden«, sagte der braune Reiter zum Fergen.
Der Fährmann nickte, empfahl sich mit einer freundlichen Geste den beiden anderen Reitern, wandte sich höflich ab und schlenderte leichtfüßig in Richtung seiner Fähre. Indes steckten die drei Männer ihre Köpfe zusammen. Sie fassten sich gegenseitig an den Schultern und der braune Reiter sprach:
»Meine lieben Brüder, ihr wart mir stets die treuesten Begleiter, die ich jemals hatte, und seid gewiss, ihr werdet vermisst. Ich bin euch von ganzem Herzen zum Dank verpflichtet, für all eure Unterstützung in der ganzen Zeit unserer ungewöhnlichen Freundschaft und der zahlreichen Unternehmungen, die wir gemeinsam erfolgreich bestanden haben. Und seid voller Zuversicht, wir werden uns bald wiedersehen.«
»So wird es sein – Unus pro omnibus, omnes pro Uno – jetzt und hier, einzig wie wir, und gemeinsam in alle Ewigkeit«, riefen die Herren im Chor und lösten sich daraufhin mit einem Ruck von ihrer gegenseitigen Umarmung. Der braune Reiter umgriff jeden Gefährten einzeln und verabschiedete sich persönlich. Er nahm seinen Vollblüter am Zügel und schritt mit ihm zuerst über den Weg, dann gemächlich über das weiche Gras zur Fähre, wo der Fährmann schon auf sie wartete. Die beiden anderen Reiter stiegen auf ihre Pferde und schauten ihrem Freund nochmals nach. Dann begaben sie sich auf jenen Pfad, von dem sie ursprünglich gekommen waren, Richtung Wald.
Der braune Reiter und sein Begleiter betraten die Fähre, auf der eigens für ein Pferd oder ähnliches Getier eine offene, aber stabile koppelartige Holzeinrahmung eingearbeitet worden war, worin der Vollblüter sicher befestigt wurde. Im Anschluss legte die Fähre ab. Der Herr schaute seinen Gefährten wehmütig nach, wie diese in Richtung Wald ritten und letztlich hinter den Bäumen verschwanden. Dann wandte er sich dem Fährmann zu, der sich auf einem bequemen Holzstuhl mit Polster niedergelassen hatte. Er trieb mit seinen Füßen über Pedale beidseitig angebrachte große Schaufelräder schwungvoll an, während er mit einer Hand das Steuerruder am Heck bediente.
»Da habt Ihr Euch aber eine feine und ungewöhnliche Konstruktion erdacht, das muss man schon bestaunen«, sagte der Herr zum Fährmann.
»Gedankt sei Euch, edler Herr, doch gebührt mir die Ehre allein am wenigsten«, entgegnete der Fährmann.
»Sondern?«
»Ich hatte glücklicherweise Zugang zu Aufzeichnung eines verstorbenen berühmten Erfinders. Dort wurde das Prinzip eines Antriebs dieser Art weitestgehend beschrieben, dennoch …«
»Aber was?«, unterbrach der Herr den Fährmann ungeduldig.
»Seine Überlegungen und Skizzen erwiesen sich als unvollständig und nicht für gewöhnliche Vorhaben oder Tagesgeschäfte brauchbar durchdacht«, sagte der Fährmann.
»Ist das so? Und weiter!«
»Ich habe mich angestrengt … vieles meiner anderen Arbeit musste links liegen gelassen werden … lange nachgedacht und ich habe das Prinzip des Meisters letzten Endes nutzbar machen können, zumindest für meine Zwecke.«
»In der Tat, das bezeuge ich mit eigenen Augen. Ihr seid selbst ein Erfinder!«, rief der Herr begeistert.
»Ich danke Euch, edler Herr, doch das wäre zu viel der Ehre, so weit würde ich nicht vermessen sein zu denken. Dennoch, es war mühsam trotz alledem. Hat meiner Wenigkeit enorme Zeit, viel Schweiß und unzählige Versuche abverlangt, aber am Ende hat es sich gelohnt, wie Ihr seht.« Er hielt kurz inne, um etwas Luft zu holen, und ergänzte:
»Und überdies lässt sich der Antrieb durchaus auf Handkurbel umstellen, falls die Füße einmal ermüden.«
»Umso besser! Heureka! Da habt Ihr für wahr Großartiges geleistet!«, sprach der Herr bewundernd, betrachtete die Konstruktion eine Weile und dann:
»Aber sagt, woher wusstet Ihr, dass ich derjenige bin, der die kostbare Fracht bei sich trägt und übergesetzt werden würde.«
Der Fährmann verlangsamte seine kräftigen Bewegungen in die Pedalen, um sich ein wenig Ruhe zu gönnen.
»Das war nicht schwer zu erraten, edler Herr«, erwiderte der Fährmann.
»Wie das?«
»Nun, Euer Begleiter auf dem schwarzen Pferd war noch von zu viel Trauer über seine geliebte und verstorbene Frau erfüllt, als dass er dieser wichtigen Aufgabe hätte auserwählt beziehungsweise gerecht werden können. Er muss zunächst seinen Kummer bewältigen und seine Kinder umsorgen, um wieder frei zu sein. Es war nicht seine Zeit.«
»Soso, was Ihr nicht sagt!«
Der Fährmann fuhr fort: »Der weiße Reiter wird von Argwohn und Selbsttäuschung geleitet und hat offenbar nicht die Wahrheit gesagt. Er braucht Zeit, um das für sich wieder ins Reine zu bringen, was er sicher schaffen wird, wenn er Einsicht zeigt. Trotzdem: Würdet Ihr jemanden wie ihm, auch wenn er Euer Freund ist, diese bedeutende Aufgabe zum jetzigen Zeitpunkt übertragen wollen, ohne zu zögern?«
»Offenbar nicht«, antwortete der Herr flugs. »Ihr habt Recht, das sind nicht die besten Voraussetzungen der günstigen Stunde zur Erfüllung einer äußerst wichtigen Angelegenheit. Aber wie kamt Ihr auf mich?«
»Ihr habt ein großes Herz, klaren Verstand, seid respektvoll und genießt das Vertrauen Eurer Freunde. Ihr habt auf meine Frage, ohne abzuwägen, sofort mit Ehrlichkeit reagiert und unbestreitbar Reue gezeigt. Und Ihr seid eine Führernatur, das ist unstrittig, daran gibt es keinen Zweifel! Es ist Eure Zeit und deshalb steht Euch diese Aufgabe am meisten zu.«
»Erstaunlich, Fährmann, das mag vielleicht einer gängigen oder Eurer Vernunft entsprechen, wie Ihr sagt«, entgegnete der Herr, »aber woher wusstet Ihr dann die genauen Umstände der jeweiligen Person?«
»Nun, edler Herr, das ist wahrlich eine Frage, auf die ich Euch leider keine erhellende geschweige denn eine umfassende Antwort geben kann, die die Euch versöhnt. Oder anders gesprochen: Ich weiß es beim besten Willen nicht! Das müsst Ihr leider so hinnehmen.«
»Wie kann das sein?«, fragte der Herr ungläubig.
»Manchmal bekomme ich innere Botschaften über gewisse Personen oder Begebenheiten«, antwortete der Fährmann, »und ich …«
»Von wem bekommt Ihr diese?«, unterbrach der Herr erwartungsvoll.
»Und ich vermag nicht zu beurteilen, gar auszumachen, woher diese kommen, oder wer sie mir schickt«, führte der Fährmann unbeirrt aus. »Sie sind, mit Verlaub gesagt, einfach da. Es passiert ohne mein Hinzutun und ich ersehe das, was zu erkennen ist. Könnt Ihr das im Ansatz nachvollziehen?«
»Schwer zu begreifen, guter Fährmann, aber doch gar ein Faszinosum das Ganze!«, rief der Herr eifrig. »Ja, das seid Ihr in der Tat. So jemand wie Euch habe ich zuvor nicht gekannt.«
Der edle Herr lächelte den Fergen freundlich an und wandte sich kultiviert ab. Er trat zwei Schritte nach vorn, stützte sich an der seitlich improvisierten Rehling aus Holz umsichtig ab und hob seinen Kopf leicht in die Höhe, der Sonne entgegen. Er streifte sich die seidene Stoffmaskierung herunter und streckte die Nase in die Luft. Er atmete einmal tief ein und langsam wieder aus, so, als würde sich eine gewisse Anspannung von ihm lösen. Er drehte sich lächelnd zum Fährmann um und sagte:
»Es ist ein wunderbarer Tag. Die Sonne erwärmt Körper und Geist, das Wasser schmeichelt den Augen mit ansehnlichem Glitzer, schwere Gedanken fallen allmählich ab, denn man ist im Begriff, eine wichtige Aufgabe zu vollenden, die einen mit Freude erfüllt. Ist es nicht herrlich, guter Fährmann, dieses Leben in vollen Zügen zu genießen, in seiner ganzen Pracht und Aufregung, mit alldem, was dazugehört, findet Ihr nicht?«
»Zumindest lässt sich ohne Maske, wie fein sie auch sein mag, besser und leichter atmen«, entgegnete der Fährmann heiter. Beide schmunzelten vor sich hin und der Fährmann fuhr fort:
»Aber sagt, edler Herr, wieso tragt Ihr diese Maske so bewusst, die Euer freundliches Gesicht versteckt und Eure leidenschaftliche Mimik nicht zum Ausdruck bringt, damit sie der Welt Begeisterung schenkt, oder gar für viele Menschen Hoffnung weckt?«
»Ach«, entgegnete der Herr geschmeichelt, »da sagt Ihr etwas von Bedeutung. Das ist für wahr eine Unsitte aus längst vergangenen Tagen, wo wir uns, meine Gefährten und ich, vor verdorbener Luft den üblen Momenten zu entfliehen bemühten, die vorherrschte, weil es überall nach Fäulnis, Moder und verwesten Leichen roch. Doch vergeblich. Diesem Gestank ist nicht zu entkommen, wie Ihr Euch sicher vorstellen könnt oder selbst aus eigener Erfahrung zu entsinnen vermögt. Später pflegten wir diese Marotte aus anderen Gründen, die unseren verschiedenen Unternehmungen zum jeweiligen Vorteil zugutekam, die uns regelrecht beschützte, gar Respekt und Ehrfurcht einbrachte, versteht Ihr?«
»Ich habe ein Bildnis dergleichen«, erwiderte der Fährmann.
»Aber wisst Ihr was, guter Fährmann«, rief der Herr, »Ihr habt Recht, ich danke Euch für diesen Gedanken. Ich werde diese unnütze Angewohnheit aufgeben, ab sofort, es ist ohnehin an der Zeit!«
Der edle Herr band sich das Seidentuch ab, hielt es demonstrativ mit einem Arm hoch in die Luft, sodass es im leichten Wind wie ein kleines Fähnchen zappelig flatterte, und übergab es dann seinem Schicksal. Das Tuch flog kurzweilig mit der Zugluft, fiel ins Wasser und trieb mit der Strömung flussabwärts. Herr und Fährmann schauten dem davonschwimmenden Stück Stoff nach, bis es von den seichten Wellen des wilden Flusses endgültig verschluckt wurde.
»Es ist vollbracht«, sagte der edle Herr zufrieden, »ab heute wird sich einiges ändern!«
»Davon ist auszugehen«, bekräftigte der Fährmann lächelnd.
Der Ferge erhöhte seinen Anschlag in die Pedalen, ohne zu ermüden, und die großen Schaufelräder drehten und wühlten sich mühelos durch das Wasser. Das Gefährt erinnerte an ein kleines und freundliches Wassermonster, das sich auffällig charmant durch den Fluss bewegte und dabei freudig aber geräuschvoll tosend weiße und flockenartige Gischt hinter sich verteilte. Derweil der edle Herr den angenehmen Tag still und heimlich in sich aufnahm und erkennbar genoss. Er schaute sich aufmerksam um und sah in der Ferne das andere Ufer flimmern, das sie gemeinsam zu erreichen suchten. Er hielt sein Gesicht in die Sonne und ließ sich von den wärmenden Strahlen verwöhnen. Die Fähre strampelte sich einige Zeit über das wilde Gewässer ab, in der die beiden Männer nicht miteinander sprachen.
Sie hatten etwa dreiviertel ihrer Strecke zurückgelegt, als das Wetter unverhofft und ohne Vorwarnung umschlug. Eine graue Wolkendecke formierte sich bedrohlich direkt über ihnen Köpfen und verdunkelte den Himmel schlagartig. Es blitzte und donnerte unzählige Male und der raue Fluss bildete aufbrausende Wellen, die die Fähre gefährlich hin und her schaukelten. Das arme Pferd wieherte schreckhaft, erhob seinen Hals und Körper mehrmals empor und trampelte mit den Hufen auf das Holz unter ihm, da es sich scheinbar vor dem angehenden Sturm fürchtete.
»Was geschieht hier, Fährmann«, reif der Herr lautstark und bemühte sich das Pferd festzuhalten, während er vergeblich versuchte, es zu beruhigen.
»Das Gewitter wird gleich vorüberziehen, edler Herr, das passiert hier manchmal auf diesem Fluss, wie aus heiterem Himmel«, rief der Fährmann mit kräftiger Stimme dem Herrn entgegen, während er das Ruder beharrlich mit beiden Händen festhielt, um die Fahrtrichtung der Fähre zu kontrollieren. Und er verlagsamte und steuerte ebenso seine Pedalbewegungen beherrscht vor und zurück, um Schaden von den Schaufelrädern abzuwenden.
»Seid unbesorgt, gleich ist’s vorüber!«, ergänzte er mit erhobener Stimme in Richtung des besorgten Herrn.
Doch der Sturm ließ nicht nach, sondern verstärkte sich sogar, dass die weit aufgerissenen Augen des edlen Herrn mehr Angst als Zuversicht ausdrückten. Mit dieser Naturgewalt hatte er scheinbar nicht gerechnet. Aber dem nicht genug: Urplötzlich teilte sich der dramatisch verdunkelte Himmel direkt über ihnen in zwei Teile und eine Windhose wie ein Tornado fiel aus dem Hell dahinter mit voller Wucht, ungestüm und erbarmungslos, unmittelbar auf sie herab. Sie verwirbelte und verschluckte die Fähre samt Insassen in Windeseile, sog das Holzgebilde in einem Zug waagerecht in das aufgerissene lichte Teilstück des Himmelsgewölbes hinein und verschloss hinter sich die Wolken zu einer massiven wie undurchdringlichen Decke. Dann wurde es schwarz.
Es krachte und ratterte wie verrückt. Ein ungewöhnlich intensiver Lärm eines ohrenbetäubenden und unregelmäßigen klackenden Taktes erfasste das überspannte Bewusstsein des edlen Herrn, dass sich sogar die Balken der Fähre bogen, welche die Konstruktion rhythmisch und gleichmäßig im selben Moment um die eigene Achse drehen ließ. Ähnlich der Bewegung der Schaufelräder auf Wasser, dennoch horizontal und betörend laut ›tackernd‹, das ungreifbar nervenaufreibend und desillusionierend war. Der edle Herr schaute sich eingeschüchtert mit schwindelnden Sinnen um, von Neugier getrieben, und vernahm sich selbst mit ungewohnt durchsichtigem Körper ohne Rumpf und Gliedmaßen wie in einem ansaugenden schwarzen Tunnel, dessen Wände mit enormer Geschwindigkeit an ihm vorbeirasten. Er ließ diese ehrfurchtgebietende und aufsehenerregende Bewegtheit nicht weniger ungern über sich ergehen, ungeachtet der Fremdheit, die es umgab, und trotz des Umstands, dass er nicht auszumachen vermochte, wo er sich gegenwärtig aufhielt. Er schaute immer wieder auf die prachtvoll glitzernden Partikel an den Wänden des Tunnels, die in unerklärlich schneller und scheinbar unstrukturierter Formation an ihm vorbeisausten und dabei bizarre und eindrucksvolle Muster bildeten, die er als unwiderstehlich und bezaubernd empfand. So lange gab er sich jener anregenden Augenweide hin, bis er nicht umhinkam, am Ende des sich verengenden schwarzen Schlauchs einen hellen Lichtkegel zu erkennen, der jählings große Hoffnung in ihm weckte. Und er raste diesem anziehenden Licht unweigerlich und körperlos entgegen. Er trat mit Staunen in das angenehm gleißende Lichtermeer übergangslos hinein, ein gewaltiger und brummender Windstoß zog unvermittelt an ihm vorbei, und er stand, wie von Zauberhand, unversehrt und bei bester Gesundheit auf der Fähre am anderen Ufer des Flusses. Er erfasste mit Wonne den festen Untergrund, den er zuerst kaum zu erkennen vermochte, denn der Strand war in das zarteste und liebenswerteste Licht eingehüllt, das ihm so wundersam entgegenstrahlte, wie er es nie zuvor gesehen oder erlebt hatte. Sein Gesicht glühte voller Entzücken und seine Augen und seine Mimik sprühten vor Freude über die überwältigende Bewunderung eines Mysteriums, das er sich einzugestehen niemals gewagt hätte, geschweige denn gar vorzustellen. Er wandte sich augenblicklich dem Fährmann zu und sagte:
»Guter Fährmann, was ist passiert? Wieso sind wir so schnell und wohlauf am anderen Ufer angelangt, trotz dieses unglaublich brutalen Sturms. Ich begreife es nicht!«
»Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen man kaum zu träumen wagt, geschweige denn leibhaftig diesen sonst wohin zu entfliehen vermag, edler Herr«, antwortete der Fährmann.
»Aber, Herrgott, wie ist das nur möglich?«
»Das müsst Ihr ihn schon selbst fragen, ich erfinde darauf keine Antwort«, sagte der Fährmann und fuhr fort: »Jedenfalls seid ihr unbeschadet an Eurem vorläufigen Ziel angelangt, der Rest wird sich von selbst erledigen.«
Der edle Herr schaute sich seine Kleidung an und überprüfte seine physische Verfasstheit, überzeugte sich davon, dass er heil und gesund, mit mit Körper und Geist, an Ort und Stelle anwesend war. Er beguckte sich ebenfalls sein Pferd, das sich nach all dem Trubel scheinbar wieder beruhigt hatte. Dann schritt er an den Rand der Fähre, blieb dort stehen und sah eine ganze Weile nachdenklich und angerührt in das angenehmste Licht, das sich am Ufer gleißend und für die Augen blendfrei, alles um sich herum einnehmend, liebevoll ausbreitete. Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht und er drehte sich zum Fährmann um und bewegte sich behutsam auf ihn zu. Er sah ihn an und bemerkte, dass auch den Fergen ein bezauberndes Licht umgab, das ihm vorher nicht aufgefallen war.
»Ich denke, ich verstehe jetzt«, sagte der Herr. »Ich ahne, woher Ihr Eure Botschaften erhaltet!« Der Fährmann schaute den edlen Herrn herzerwärmend an.
»Von der Quelle allen Ursprungs, des ewig Unergründlichen!«, fügte der Herr leise und bedächtig hinterher, als hätte er selbst einen Impuls erhalten.
»Und, wie fühl sich das für Euch an, edler Herr?«, fragte der Fährmann sanft.
»Ich fühle Liebe in allerhöchstem Maße. Und sie ist unermesslich, bedingungslos und absolut befreiend. Sie umgibt mich voller Verständnis und Glückseligkeit, ohne Reue und Bitterkeit. Und zu der ich im Weiteren mit Freuden hinüberwandern werde, um meine Seele seinem wohlverdienten Schicksal zu übergeben, nicht wahr?«
»So wird es sein, edler Herr, denn dort, wohin Ihr zweifelsohne und mit frohem Gewissen fortan schreitet, erwarten Euch neue und frohlockende Unternehmungen von denen Ihr Euch keine Vorstellungen macht. Es ist an der Zeit für Euch. Ihr seid bald am Ziel, freut Euch!«
»Verlaufen Eure Überführungen immer in dieser Konsequenz?«, fragte der Herr.
»Nein, nicht immer, edler Herr, des Öfteren zwangsläufig wie die Eurige. Aber manchmal ist es eine ohne versöhnliche Begleitung. Hin und wieder ist es nur eine andersartige Überfahrt, doch mit Wiederkehr, die die Menschen zu Guten hin verändert. Aber wer weiß das schon im Voraus?!«
»Wer vermag das zu entscheiden?«
»Ihr ahnt es gewiss!?«, antwortete der Fährmann geduldig und schaute unmittelbar nach oben, über sein eigenes Haupt. Der edle Herr verfolgte die Kopfbewegung des Fergen, und staunte, wohin sich das endlos überstrahlende Licht ebenfalls anmutig und wohltuend oberhalb der Fähre ausgebreitet hatte, wie ein weißes Meer der ewigen Verheißung von Schönheit, Glanz und Harmonie.
»Gewiss!«, sagte der Herr wie erleichtert. Er schritt näher an den Fährmann, griff in die innere Brusttasche seiner Jacke, zückte einen prall gefüllten Lederbeutel heraus und übergab diesen feierlich dem Fergen.
»Hier, guter Fährmann, nehmt diese herrlichen Goldmünzen, Ihr habt sie Euch wohlverdient, so oder so. Denn dort, wohin ich gehe, werde ich diese Materie nicht mehr benötigen.«
»Es sei Euch allerherzlichst gedankt, edler Herr«, sagte der Ferge gütig und nahm den Beutel freundlich entgegen. »Gewöhnlich bedarf ich dieser Art von Münzen nicht für solch eine Überfahrt, aber in diesem Fall werde ich sie sorgsam hüten und mit Bedacht eines Tages davon Gebrauch brauchen, so wie Ihr es Euch gewünscht habt.«
»Gewiss, mein Guter!«, antwortete der Herr. »Um einen Gefallen würde ich Euch noch gerne bitten, wenn dies möglich wäre?«
»Bitte sprecht!«, sagte der Fährmann.
»Nehmt bitte mein geliebtes Pferd in Obhut«, sprach der edle Herr, »das mich so viele Jahre treu und ergeben bei bester Gesundheit begleitet hat, denn ich vermag es ohnehin nicht mitzunehmen, wie Ihr wisst! Es ist ein ausgezeichnetes Pferd, und es verdient nichts Geringeres als Eure gütige und liebevolle Fürsorge. Bitte versprecht mir das, ja?«
»Das verspreche ich Euch sehr gerne, von ganzem Herzen«, sprach der Fährmann. »Ich werde es hüten und pflegen, liebhaben und beschützen, so wie Ihr es selbst versorgt und getan habt. So wie Ihr es weiterhin voller Liebe und schöner Erinnerung in Eurem Herzen in Andenken und Ehren halten werdet. Ihr werdet Euren geliebten Freund ohnedies irgendwann einmal wiedersehen, das ist sicher. Euer Pferd wird es angenehm bei mir haben, seid Euch dessen gewiss. Hinzu kommt, dass, wenn es mir meine freie Zeit erlaubt, Beschaulichkeit mit einem anderen wunderbaren Wesen zu verbringen und diese zu teilen ein vorzüglicher Gedanke mir erscheint. Wer weiß, was wir uns gegenseitig alles zu erzählen haben.«
»Ihr seid in der Tat ein Faszinosum der gesonderten Art, ein besonnener Fährmann, das kann ich Euch bezeugen«, sagte der edle Herr unbeschwert.
»Ich hoffe, dass wir uns irgendwann wiederbegegnen werden.«
»Davon könnt Ihr unbedingt ausgehen, edler Herr.«
Der Mann verabschiedete sich von seinem geliebten Pferd, nickte dem Fährmann freundlich zu und trat von der Fähre ein paar Schritte in das wunderschöne Licht am Ufer. Kurzerhand blieb er stehen, drehte sich um und sagte:
»Ich habe glatt vergessen, was die Fracht von unschätzbarem Wert jemals war, weswegen ich übergesetzt worden bin!?«
»Ihr seid es selbst«, antwortete der Fährmann geduldig, »nun aber geht in Liebe, Frieden und Zuversicht, denn es erwarten Euch viele neue Abenteuer und Wunder. Gesegnet seid Ihr, nur Mut, edler Herr!«
Der Mann lächelte vergnügt, drehte sich um und schlenderte in das wundersame Licht, so lange, bis er nicht mehr zu erkennen, und gänzlich eingehüllt worden war. Der Fährmann wandte sich von seiner Sicht ab, streichelte den Vollblüter sanft und sagte:
»Komm, mein lieber neuer Freund, lass uns nach Hause paddeln, es erwartet uns schöne und nützliche Arbeit und viel Muße dazu!«
Der Fährmann setzte sich in seinen gepolsterten Sessel und trat leichtfüßig und kräftig in die Pedalen. Die Fähre wendete, legte vom Ufer ab und schaufelte sich mit Schwung über die glatte Wasseroberfläche des Flusses wie ein kleines und spielfreudiges Wassermonster, das entzückend flockige Gischt hinter sich herzog.
— Raum 2806*090726 —
FwFe – FwFd
»Komm, wir machen einen kleinen Ausflug«, sagte die innere Stimme und drängte mich sanft in den Wagen, zu Leuten, die ich kaum oder gar nicht erkannte. Doch das war mir vorerst egal, denn ich gab mich offenherzig der Sache hin, obendrein in eine Richtung zu gleiten, die mir ebenso unbekannt wie fraglich erschien. Hauptsache, wir bewegten uns; was würde schon passieren?
Wir landeten in einem japanischen Kaufhaus, das sich gleichmäßig hell ausgeleuchtet clean und vornehm darbot, in dem Schriftzeichen ästhetisch und wohlproportioniert an vermeintlich richtiger Stelle platziert, dezent aufleuchteten und irgendetwas bedeuteten. Zu meiner großen Überraschung wohnten wir einer spontanen Modenschau bei, bei dem ich unterschiedliche Schals anzuprobieren genötigt wurde. Der Letztere entfaltete seine faszinierende Wirkung dadurch, dass er sich unheimlich im Gewebe und detailreich ausgearbeitet in seinen unergründlichen Mustern zeigte, beinah lebendig wirkte, weil er sich wie eine Schlangenhaut um meinen Hals in einer behäbig langsamen Fließbewegung anschmiegte. Das erschien mir ungewohnt, gar unangenehm, und ich sagte:
»Bitte nehmen Sie mir den Schal wieder ab, ich kann ihn nicht ertragen, er kratzt ungemein!«
Obgleich ich mich, in diese Gefühlslage bedrängt, sprechen hörte, fragte ich mich im selben Moment, warum ich überhaupt Schals anprobierte? War es draußen so ungemütlich windig oder steuerten wir auf eine kältere Jahreszeit zu?
Ich lenkte mich gedanklich von möglichen Antworten ab, indem ich eine Frau in unmittelbarer Nähe beobachtete, die eine kleine Dose teurer Kosmetik heimlich in ihre Tasche steckte. Sie schaute sich flüchtig aber auffällig um, als sei sie im Begriff, das Kaufhaus schleunigst zu verlassen, derweil die lächelnde Verkäuferin mit einer größeren Dose der gleichen Kosmetik zurückeilte und die Frau im Anschluss leichtfüßig zur Kasse begleitete.
»Jedes Produkt muss letzten Endes bezahlt werden, oder etwa nicht?«, fragte ich meine Begleiter, worauf ich keine Antwort erhielt.
»Jedes Produkt muss letzten Endes bezahlt werden, oder etwa nicht?«, fragte ich meine Begleiter, worauf ich keine Antwort erhielt.
Überhaupt schien mir diese ‚Wandlerung‘, die ich mit den mir unbekannten Personen unternahm, grundsätzlich japanisch eingefärbt zu sein. Wir bewegten uns aus einem chaotischen Stadtbild heraus hin zu ausufernden Sequenzen, die uns mit Leichtigkeit hoch empor trugen. Ähnlich wie in ›Rarpag Éons‹ ›Treen eth Doiv‹, wo die Seele, losgelöst vom Körper, in raffinierten Flugmanövern das eigene Sein oder das von Fremden von oben hinabschwebend erkundet beziehungsweise letztlich unter sich zurücklässt. Von dort aus gelangten wir zu einer Aufsicht auf drei rötlich eingefärbte rechteckige Gebäude, in ihrer Struktur klar und modern, die in Formgebung eines Dreiecks geheimnisvoll zueinander angeordnet waren. Der Sinn dieser Formation erschloss sich mir nicht. Ich fragte mich, und erst recht den Begleitern mich zuwendend, in welcher Stadt wir mittlerweile angekommen waren, oder in welcher Region wir uns maßgeblich aufhielten. Zu meiner Verwunderung erhielt ich erneut keine Antworten.
Unser Weg mündete in eine ‚Wasserstadt‘ mit flacher Bebauung, die halbversunken auf Stelzen ruhend, kurz oberhalb der Wasseroberfläche thronte, von einer nostalgischen Eisenbahnbrücke markant durchkreuzt, welche scheinbar beliebige Fassaden mit weit vorgerlagerten Inseln oder einem Festland miteinander zu verbinden suchte. Ich begeisterte mich auf Anhieb für diese ungewöhnliche ‚Wasserstadtlandschaft‘, die von dichten und wild bewachsenen flachen Bergkuppen eingerahmt wurde, und rief entzückt:
»Das ist eine Stadt, in der man leben kann!«
Ein erhabenes Gefühl der ‚blendfreien‘ Heimkehr durchzog meinen aufgeweckten Geist wie ein überwältigendes Licht, das den allerletzten Winkel eines Raums ebenso angenehm wie strahlend ausleuchtet.
Über diese freudige Vertrautheit und Bewunderung für jene Örtlichkeit richtete ich gedanklich auf der Stelle ein Fest aus, bei dem ich als Schlagzeuger durch rhythmisches Trommeln selbst in völlige Ekstase geriet. Ebenso erging es erkennbar den übrigen Anwesenden, die mich wild mittrommelnd energisch unterstützten, trotz allem ich sie nicht erkannte oder zu kennen schien. Aber ich war ihr Mittelpunkt und der Rhythmus der Vergnügtheit tanzte nach meiner Pfeife. Und so taumelten wir vor Begeisterung, bewegten unsere Körper heftig auf und ab, übereinander und durcheinander, und purzelten vor Freude durch den Raum, als gäbe es nichts anderes zu feiern wie diesen ehrwürdigen Moment der Leichtigkeit und des unverhohlenen Glücks. Es war herrlich und befriedigend zugleich. Wir trommelten im Gleichtakt zu der im Hintergrund laufenden Musik, losgelöst von Erinnerungen, angetrieben durch die unbändige Kraft der Jugend, der ich längst entglitten war, derweil sich die Atmosphäre dermaßen elektrisierend auflud, wie ich es nie zuvor erlebt hatte. Gewiss hätte Herr ›Likano Lesat‹ diesem Momentum, Anwesenheit vorausgesetzt, seine allergrößte und millionenfach blitzende Hingabe mit Freude kundgetan und der bedingungslosen Teilhabe am pulsierend krachenden Spektabel sich ebenso nicht zu entziehen vermocht; dessen wäre ich mir sicher! Falls nicht, möge er mir hiermit verzeihen!
Im Anschluss begab ich mich auf den Weg, einen alten Freund in der Hauptstadt aufzusuchen. Obwohl ich schon viele Male in der Vergangenheit diesen Ort erkundet hatte, erschienen mir die Straßen und Plätze fremd und neuartig, sodass es mir schwerfiel, mich zurechtzufinden, ungeachtet des Umstands, dass ich eine funktionierende Navigation in den Händen hielt. Nach einer Weile des ziellosen Umherirrens entdeckte ich eine Person, die mir seltsam vertraut erschien und deren Umriss nicht eindeutig zu erkennen war. Blitzartig und ohne Vorwarnung schoss mir ein verunglücktes ‚Möchtegern-Akronym‘ durch den Kopf:
FwFe – FwFd
Ich buchstabierte gedanklich: F wie Freude, F wie Freund.
Es wäre nicht ungewöhnlich, wenn man seine Freude Freunden gegenüber dadurch bekundet, dass man ihnen Mitgefühl, Aufmerksamkeit und ausgesprochene Freundlichkeit entgegenbringt. Oder mitunter dadurch, dass man ihnen ein passendes Geschenk überreicht, wenn man ihnen begegnet, womit man ebenfalls eine gewisse Wertschätzung für ihre Person zum Ausdruck bringt, nicht wahr?
Aber scheinbar war ich nicht annähernd darauf vorbereitet und stand greifbar mit leeren Händen da, was mich aber nicht sonderlich verwunderte, und so sinnierte ich weiter:
Was trotz dieser Überlegungen einer Anteilnahme oder der Interesse an den Personen, die man geschätzte oder geliebte Freunde nennt, am meisten zählt, ist doch die goldene Absicht des Vorgangs, dass man sie – die Freunde – in die eigenen Gebete mit einschließt. Dass man ihnen das Allerbeste wünscht, gute Gesundheit und ein angenehm langes Leben voller Glück und Zufriedenheit. Das man ebenso für sie erbittet, dass sie von Niedertracht, furchtbaren Schicksalsschlägen und bösem Zauber ferngehalten werden. Nur so, im Gebet, stellt man sicher, dass sie hoffentlich der wohlwollenden Energie gewahr werden oder das jene positive Kraft und Schwingung ihnen zuteilwird, der man in unachtsamen Momenten ansonsten mit schwitzigen Händen oder mit überschwänglichen Gesten zu entfliehen versucht? Verstehen Sie, worauf ich hinauswill?
Die Gestalt näherte sich mir und sagte:
»Was macht die Kunst?«
»Keine Ahnung, weiß nicht …«, war meine rege Antwort, die mich selbst überraschte.
»Du bist doch Künstler, etwa nicht?«, fragte er mit der Gewissheit eines Oberlehrers, der einen nur zu verunsichern versucht. War das der Freund, den ich kannte oder war es doch etwa ›Hegel‹, ein anderer Bekannter, der da sprach.
»Ja, weißt du …«, erwiderte ich nachdenklich mit vorgetäuschter Gelassenheit, hielt kurz inne, überlegte eine gefühlte Ewigkeit und fuhr fort: »Am liebsten würde ich raffinierte und auffallend elegante Hundeleinen in Material und Technik entwerfen, diese zahlreich teuer verkaufen und damit erfolgreich sein, verstehst du?«
»Waaaaaaaaaas?«, konterte er in einem Ton, den ich einerseits kannte, den ich andererseits längst vergessen oder verdrängt hatte; je nachdem. Es war die belustigende und freundliche Art, seichte Kritik oder Ungläubigkeit zu äußern, die mit fremdem Federn geschmückt worden war, ohne sich der Unzulänglichkeit der eigenen Seelentiefe auch nur im geringsten Anflug einer schlichten Blöße hinzugeben. Ich erinnerte mich nur, dass diese ‚W-Frage‘ ohne Absicht nach Verbergänzung in der Vergangenheit oft zum gegenseitigen Gelächter geführt hatte, als hätte man sich über jemand Drittes belustigt, der nicht anwesend war oder jemals sein würde. Und so lachten wir abermals, klopften uns beidseitig auf die Schultern und bewegten uns irgendwohin.
Kaum Zeit war vergangen und ich saß mit ein paar Leuten in einem Raum, der dem trostlosen Erweiterungsbau meines alten Gymnasiums glich und dem ein Hauch staubiger Geborgenheit und Ungezwungenheit des Eingangsbereichs eines Jugendzentrums anhaftete. Wohin wir uns als Jugendliche gerne zurückzogen, um uns vor den allzeit impertinent nervigen Erwachsenen zu schützen. Diese Atmosphäre mutete gleichsam einer Gesellschaft von Menschen an, die ein Fest ausgerichtet hatten beziehungsweise diesem nur beiwohnten. Der Anlass war mir unbekannt.
Mein Blick fiel auf eine junge Frau mit dunklen weichen Locken, die mich an eine der Schwestern eines alten Schulfreunds erinnerte, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich fragte mich, ob sie das sechste Kind der Geschwisterreihe darstellte, wobei mir definitiv nur fünf Kinder aus dieser Familie bekannt waren. Ich sprach sie genau auf diesen Punkt an, und sie erwiderte gutgelaunt, dass sie das jüngste der fünf Geschwister sei und dass sie nie zu sechst waren. Es hätte schon jemand Sechtes da sein können, fügte sie nach einer kurzen unauffälligen Pause hinzu – das aber wäre eine andere lange Geschichte, der sie momentan keinen Raum bieten wolle, beteuerte sie. Mein lieber Johnny, dachte ich verwundert und irritiert zugleich und erinnerte mich gedanklich daran, nicht zu vergessen, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn wir genug miteinander gesprochen hatten, sie nochmals nach jenem Umstand der Geschwisterabfolge zu fragen.
Derweil wir uns angeregt über andere Belanglosigkeiten allerhöchsten Ranges unterhielten, bemerkte ich, dass das Fest ordentlich Fahrt aufgenommen hatte und dass dieser Abschnitt der Räumlichkeit nur ein kleinerer Teil einer bei weitem größeren Feierlichkeit zu sein schien. Ich beschloss, mich ausgiebiger umzusehen.
Ich schlenderte in das obere Teilstück der weitläufigen Anlage und sah in der naheliegenden Ferne den Eingangsbereich eines Wasserschlosses, das für die Gäste nur über eine ausladende Hängebrücke zu erreichen war, die einen breiten Wassergraben stilvoll überspannte. Bei genauerer Betrachtung erwies sich der Zugang für mich als ein weites Plateau aus großen und schweren grauen Steinfliesen anstatt einer Brücke, was erklärte, warum ich mich dem Eingang von der Seite her zu nähern vermochte. Viele Menschen standen vor der imposanten Tür und begehrten Einlass. Es schien eine Ausstellungseröffnung einer Galerie zu sein, in der man sonderbare und undefinierbare Kunstwerke bewundern würde, hieß es von irgendwoher. Näheres war mir nicht bekannt oder ich hatte es geradewegs vergessen.
Aus der sichtbaren Distanz fiel mir ein Werbemann mit Gefolgschaft auf, der lächelnd und anbiedernd zu mir herüberschaute, als hoffte er, dass ich ihn in den höchsten Tönen begrüßte, damit er aus der Masse der Bedeutungslosen und Großtuer herausstach. Denn scheinbar sah ich nicht nur prima aus und war obendrein perfekt gekleidet, sondern mir haftete vermutlich die Aura einer wichtigen Person an, die man unbedingt kennen wollte – und das um jeden Preis.
Ich erinnerte mich, dass dieser Mann Unglück bedeutete, denn er hatte mich einst einer seiner selbst erbeuteten Belanglosigkeit marginalen Umgangs schwerwiegend bezichtigt und darüber seine eigene Wahrheit gedreht und gestrickt, die definitiv eine Lüge war und zur Folge hatte, dass ich in Ungnade fiel. Bei wem, wogegen und wo genau, entzog sich im Nachhinein glücklicherweise meiner Merkfähigkeit. Aber irgendetwas bleibt ja immer hängen, nicht wahr?!
Ich bewegte mich in seine Richtung, grüßte ihn oberflächlich und deutete ihm und seiner Entourage an, dass ich von einer anderen fulminanten Feierlichkeit, die im unteren Teil des Geländes stattfinden würde, herüberkäme, um diesem Kunst-Spektakel augenblicklich beizuwohnen. Ich signalisierte durch meine herablassende Haltung diesen Herrschaften ebenfalls, dass sie bei der anderweitigen Veranstaltung einiges an Amüsement verpassten. Schade sei eben, dass sie für jenes Event keine Einladung vorzuzeigen hätten, setzte ich obendrauf.
Ich schlängelte mich beschwingt und siegessicher an ihnen vorbei und marschierte Stufen hinab. Dabei wunderte ich mich, warum man nicht geradeaus in das Gebäude hinein geführt wurde oder wenigsten eine Treppe hinauf, wie es normalerweise üblich wäre, aber stattdessen stieg man Treppenstufen hinunter, wie in einer Disco. Unten angekommen wurde ich von meinem alten Freund aus der Großstadt empfangen, der sich mittlerweile in Schale geworfen hatte. Ungeachtet seiner festlichen Aufmachung, vergleichbar der Anzüglichkeit eines Concierge in Sonderstellung, verhielt er sich mir gegenüber zwar freundlich aber dennoch reserviert. Ihm haftete die Rolle eines ‚Beinah-Gastgebers‘ an, der er unglücklicherweise nicht gerecht werden würde; das sah man ihm deutlich an, denn er wirkte steif und überfreundlich angespannt. Ich blieb davon unbeeindruckt und durchstreifte die Feierlichkeit. Ich stieß auf die Galeristin, der Gastgeberin des ‚was auch immer Empfangs‘, die mir in einem Anflug frivoler Euphorie laut und breit lachend ihre Graubeige und teure Lederhandtasche von ›Rehmès‹ heftig an meinen Oberkörper entgegenschleuderte. Es mutete fast wie ein Attentat der Liebe an, das streitbar, oder zumindest einer Verbundenheit glich, die nicht näher zu bestimmen war, als würde ich darin etwas für sie herausfinden, damit sie selbst nicht zu kramen brauchte. Irritiert schaute ich hinein und durchsuchte die Handtasche, mit dem Ergebnis, dass ich nichts fand, was von Belang war. Außer: Sechszehnhundert Lumpen in Hunderterscheinen, die ich sofort herausnahm und mit diesem Bündel gefächerter Scheine provokant vor meiner Nase hin und her wedelte.
»Ach, mein schönes Geld«, sagte sie weinerlich, als hätte sie einen unnötigen Verlust erlitten, der sie so sehr schmerzte, dass sie nie wieder darüber hinweg kommen würde. Oder als würde sie bedrucktem Papier hinterhertrauern, das dem rechtmäßigen Empfänger verdientermaßen ungern zu übergeben sei.
Ich steckte das Bündel Geld sofort ein, ließ die teure Handtasche augenblicklich auf den Boden fallen und entfernte mich unaufgeregt. Ich schaute mich eine Weile auf diesem Fest um, fand dennoch keinen anregenden Gesprächspartner, und beschloss, nach oben zu stiefeln, um dort die Kunst zu begutachten. Oben angekommen fand ich im Ausstellungsbereich nichts von Wichtigkeit, was mein Interesse geweckt hätte. Ich entschied mich, diese heilige Stätte der prachtvollen Leere und kostspieliger Makulatur endgültig zu verlasen, als mir draußen der alte Freund zufällig entgegenkam.
»Was machst du denn hier oben?«, fragte ich, »solltest du nicht lieber unten sein?«
»Ja schon, aber ich musste mal frische Luft schnappen, da unten ist ganz schön fleischig, wenn du verstehst?«
»Ich verstehe«, sagte ich und zwinkerte ihm zu.
Er lächelte süffisant. »Gehst du schon«, fragte er.
»Ja, zu viel für mich hier, hab’ ja alles, was ich brauche. Und du?«
»Muss ja … bis zum Ende bleiben, und außerdem gehen wir im Anschluss gemeinsam essen.«
»Och«, erwiderte ich prompt, »da könnt’ ich doch eingentlich mit, oder?«
»Jaaaaah«, sprach er langsam, geduldig aber gleichwohl hochtrabend, hob seine beiden locker verschränkten Fäuste samt angewinkelten Armen vor seinen Körper in die Luft, als würde er gedanklich ein Lenkrad festhalten und sich, bei der Fahrt, zu erklären versuchen. »Weißt du, es ist etwas eng bei uns momentan, da wird sich leider kein Platz mehr finden … einige wichtige Leute, die mitmüssen. Hoffe, du hast Verständnis dafür.«
»Das kommt mir irgendwie bekannt vor«, sagte ich impulsiv.
»Wie jetzt?«
»Nichts weiter«, erwiderte ich, ohne die Sache weiter aufbauschen zu wollen, »alles okay, kein Problem, vielleicht ein andermal. Ich bin dann mal weg, mach’s gut.«
Ich umarmte ihn freundschaftlich, wir schauten einander an, als vergaben wir uns gegenseitig etwas, wovon wir nicht wussten, was es sein würde. Es fühlte sich an wie ein langer Abschied ohne vertraute Wiederkehr oder ein Schritt ins Bodenlose. Dann entfernte ich mich von ihm.
»Ja, aber …«, hörte ich ihn aus dem Hintergrund noch leise sagen.
Ich schlenderte nachdenklich durch die Straßen und war innerlich heilfroh, dass ich jenem engen Abendessen entkommen war. Denn wer weiß, was ich noch alles an meinen Körper und Kopf geschleudert bekommen hätte, von der Galeristen und ihrem unsäglichen Ehemann.
Unverhofft hatte ich einen Gedankenblitz:
fwfe – fwfd – SdHd
Ich formulierte gedanklich: f wie feige – f wie fremd – Sheiß der Hund drauf!
Ich habe die Hauptstadt seitdem nicht mehr besucht.
— Raum 03/05/14/230626 —
Volles Haus
Es begab sich, dass ich mit ein paar Freunde eine lange ‚Wandlerung‘ unternahm und wir zu einem unbestimmten Zeitpunkt uns genötigt sahen, einen Zwischenstopp einzulegen. Die Abendstunden schritten rasch voran und der Weg zurück in die Stadt erwies sich als zu beschwerlich. Wir hielten uns in einem ländlichen Gebiet auf, unweit eines alten Hauses, in dem ich in jungen Jahren in einer Wohngemeinschaft gelebt hatte. Deshalb schlug ich meiner Gruppe vor, dort einzukehren, denn ich war überzeugt davon, dass ich in diesem Haus nach wie vor mindestens zwei Zimmer inaktiv bewohnte, obwohl ich schon Jahrzehnte zuvor diesen Ort verlassen hatte. Die Idee, dass wir dort unbekümmert einliefen, erschien mir ohne Zweifel so folgerichtig und ursprünglich, dass ich mir gedanklich und in Vorfreude schmackhaftes Essen vorstellte, das ich uns zubereiten würde, damit wir diesen Tag zu einem glänzenden Abschluss brachten.
Wir betraten das Haus, ohne einen Schlüssel umzudrehen, schritten den kurzen Flur entlang und bogen links in die Küche ab, die seitlich am Hauptgebäude zu einem kleinen Hof hin einen Anbau bildete. Zu meiner Überraschung funktionierte das Licht nicht und der Raum bot sich uns relativ dunkel dar, einzig zaghafte Lichtstrahlen drangen zurückhaltend von einer alten Straßenlaterne der Zubringerstraße durch das tief gelegene Fenster herein, welches wir früher ebenso als Eingang benutzten. Die Küche roch muffig und es herrschte ein heilloses Durcheinander. Überall stapelte sich gebrauchtes Essgeschirr und anderer Unrat und die abgenutzte Einrichtung gestaltete sich schemenhaft, kaum wahrnehmbar aber doch sonderbar verlebt und chaotisch. Der Raum wirkte nicht einladend und hinterließ einen so ungemütlich verschmutzten Eindruck auf mich, als würde dort ein Haufen wilder junger Menschen leben, die es mit Ordnung, Sauberkeit und Vorrat nicht allzu genau nahmen. Typisch für eine Wohngemeinschaft, sogar für eine Kommune, wie wir das früher genannt hätten, schoss mir durch den Kopf. Dennoch: Dieses Schlachtfeld entsprach nicht meiner Erinnerung von damals und ich empfand leichtes Unbehagen und tiefe Enttäuschung bei diesem tristen Anblick. Denn meine Freunde und ich waren müde und wir brauchten dringend etwas Essbares nach unserem anstrengenden Ausflug. Doch wo wir auch im Halbdunklen hinschauten und mühsam den ganzen Raum absuchten, nirgendwo bot sich irgendetwas an, dass zum Kochen geeignet war oder uns sonst wie gewisse Erleichterung verschafft hätte. Die Situation war frustrierend, so hatte ich mir das nicht vorgestellt.
Auf einmal klopfte es am Küchenfenster und eine dunkle männliche Gestalt stand gespenstisch vor der Scheibe. Wir erschraken kurz, öffneten dennoch das Glasfenster und fragten den Mann, was er denn wünschte. Er erkundigte sich aufgeregt nach irgendeinem Weg und stammelte irgendetwas von einer großen Gruppe Leute, die vor dem Eingang stünden und warteten. Ohne zu fragen, betrat der Mann durch das Fenster flugs die Küche und forderte uns auf, ihm nach draußen zu folgen. Wir sahen einander erstaunt an und schlenderten dem Eindringling schon aus Neugier unverzüglich hinterher.
Ich traute meinen Augen nicht, als wir durch die Haustür ins Freie traten: Eine Riesentraube von Menschen schlängelte sich entlang der Hauswand Richtung Zufahrt und Querstraße, als gäbe es irgendetwas Besonderes umsonst an diesem Ort. Leises Gemurmel und unidentifizierbare Gespräche verstummten abrupt, als die Menge uns bemerkte. Ich entfernte mich kurz von meinen Freunden und trat seitlich auf den Fahrradweg, der unmittelbar vor dem Haus verlief, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Ich sah einen Haufen unbestimmter Personen, die ich nicht erkannte geschweige denn in irgendeine vernünftige Schublade einzuordnen vermochte. Unter ihnen gesellten sich aber eine kleine Gruppe schwarz uniformierter Gestalten, die wie eine nostalgische Mischung aus englischen und amerikanischen Polizisten auffallend hervortraten. Sie standen stramm da und gafften, als warteten sie auf ihren Einsatz. Es fehlte nur, dass über unsere Köpfe hinweg jene typischen Hubschrauber flogen und mit ihren gleißenden Scheinwerfern diese merkwürdige Szenerie ausleuchteten.
Ein Riesenmann, er mutete wie drei Meter hoch an, spielte sich jählings wie ein Anführer auf und drängelte einige Personen unwirsch zur Seite, als sei er nicht nur der Platzanweiser zur später Stunde, sondern auch der Chef an Ort und Stelle. Er stellte sicher, dass hinter ihm eine Gruppe von Gestalten, die gutgelaunt und Bockspringend, einer nach dem anderen, elegant ihre Gangart auf dem Fahrradweg fortsetzten, um sich von uns und dem Haus zu entfernten. Ich war fasziniert und irritiert zugleich, trotzdem innerlich erleichtert, denn die unüberschaubare Menge an Leuten lichtete sich dadurch.
Urplötzlich griff dieser Hüne sich meinen Freund A. fest am Kragen. A. war ebenfalls hochgewachsen, aber bei weiten nicht so groß wie dieser unsympathische Riese und schubste ihn mit voller Wucht auf den Hof. Der übergroße Mann zeigte sich im Anschluss der wartenden Menschenmasse marktschreierisch insofern, weil er wirkungsvoll und unverhohlen mit seinem langen Arm und dem wulstigen Zeigefinger auf A. deutete und ihn des Verrats und der Niedertracht bezichtigte. Er schien A. mit dieser groben Geste in Schach zu halten und ihm dadurch klarzumachen, wer in diesem Moment das Sagen hatte. Ich bemerkte, dass A. einen halben Backstein in der Hand krampfhaft hochhielt, und fürchtete, dass er den Riesen damit totschlagen wolle. Der Riesenmann wirkte entschlossen und aggressiv und ich sah zudem, dass A. keine Chance gegen diesen übermächtigen Mann zu haben schien und sich verbissen und kleinlaut demzufolge niederringen ließ, letztlich aus Angst, so vermutete ich. Ich überlegte kurz, ob ich eingreifen solle, gab diesen Gedanken aber schnell wieder auf, vermutlich ebenfalls aus Angst. Die brenzlige Situation endete, Gott sei Dank, damit, dass der vermeintliche Anführer den hilflosen A. körperlich bezwang, ohne ihn zu verletzen, bis dieser zu guter Letzt nachgab und den Stein fallenließ. Der Riese stieß den halben Brocken mit einem Fuß beiseite und ließ endlich von A. ab. Dann zeigte dieser unausstehliche Mann auf eine kleine Gruppe von Personen und sagte im Befehlston:
»Das sind meine Leute, die müssen hier vorbei, macht Platz!«
Ich schwebte auf dem Fahrradweg etwas zur Seite und beguckte mir diese Handvoll Leutchen, die an mir vorbeizogen. Sie waren ebenfalls hochgewachsen, aber bedeutend nicht so groß wie ihr Anführer. Ich stellte zu meiner Verwunderung fest, dass diese Gestalten im Grunde recht vernünftige und anonym gutaussehende Personen waren, vornehm gekleidet und mit scheinbar gepflegten Manieren, da sie leise und bedächtig weitergingen ohne Aufsehen zu erregen. Außer einer Frau, die erhobenen Hauptes als Letzte an mir vorbeischritt und mich beiläufig von oben herab abfällig musterte, als sei ich irgendein Diener des Wortes ihres Anführers, dem man gewiss gar nichts entgegenzusetzen wüsste oder sich vermutlich traute.
Der Riese schickte sich geradewegs an, seinen Leuten hinterher zu eilen, als ich mir ein Herz fasste und ich ihn ansprach:
»Sag mal, warum bist du eigentlich so bossy?«
Der Hüne drehte sich um, kam auf mich zu und beugte seinen Kopf einschüchternd zu mir hinab.
»Weil ich eben so bin!«, antwortete er selbstsicher und lächelte mich voller Spottlust an.
»Was soll das alles?!«, sagte ich und pikste ihn leicht mit meinem rechten Zeigefinger auf seinem langen Unterarm, um meinem aufgestauten Ärger mehr Gewicht zu verleihen. Bis zu seiner Schulter reichte meine Hand nicht, sonst hätte ich ihn am liebsten dort gepackt und sicher geschüttelt – rein gedanklich. Er schien mit dieser für ihn körperlich übergriffigen Geste nicht glücklich zu sein und schaute missmutig zu mir hinunter. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich weiter verhalten würde, gleichwohl gefiel ich mir in dieser Rolle und pikste ihn aus Verlegenheit noch ein paarmal auf seinen Arm. Der Hüne starrte mich mit seinen zusammengekniffenen Augenbrauen und unheimlich Augen derart böse an, als würde er mich gleich zermalmen und zog seinen Arm genervt von mir weg.
In diesem Moment kamen mir Freund A. und Begleiter R. zur Hilfe – Gefährtin A. war indes wieder ins Haus zurückgegangen – und zogen mich vom Riesen weg.
»Komm, lass sein, wir gehen lieber«, sagten sie im Gleichsprech.
Derweil wir gemeinsam Richtung Haustür marschierten, drehte ich mich wie siegessicher zum großen Mann um und rief missbilligend aus sicherer Entfernung:
»Mach’, dass du hier wegkommst … sonst …«
»Sonst was?«, krakeelte der Riese belustigt zurück und kam uns auf einmal mit bedrohlich stampfenden Schritten hinterher.
Wir liefen schnell ins Haus, schlossen hinter uns die Haustür fest zu, verschanzten uns unweit des Eingangs, verhielten uns mucksmäuschenstill und warteten, was passieren würde. Ich erkannte durch den matten und wabenartigen Glaseinsatz der Holztür, wie der Schatten des Riesen den Glasausschnitt verdunkelte, dort kurz stehenblieb, sich aber dann zum Glück wieder entfernte. Wir lösten uns von unserer Anspannung, aufgeregt wie kleine Kinder, die einem unsympathischen Erwachsenen ein Streich gespielt hatten, steckten verschwörerisch die Köpfe zusammen, und ich sagte:
»Habt ihr das gesehen, dem haben wir’s aber gezeigt, oder?!« Wir lachten vergnügt.
Ich stieg die Treppe hinauf in den ersten Stock. Im Flur, linksseitig vor der geschlossenen Tür des Zimmers, das ich früher und nach wie vor bewohnte, lag auf einer nicht definierbaren Unterlage der jüngere Bruder eines längst in Vergessenheit geratenen Bekannten. Er lächelte mich gutgelaunt an, als wäre mein dortiges Erscheinen kein ungewohnter Anblick für ihn. Neben ihm lag ebenfalls jemand, den ich aber nicht erkannte. Ich wunderte mich, was diese Leute hier zu suchen hatten, und betrat den Raum.
»Oh mein Gott, was ist denn hier los?«, sagte ich mehr entsetzt als überrascht, als ich im Zimmer stand. Der vordere der beiden Räume war mit Personen gefüllt, meist Frauen, die auf dem Boden gemütlich saßen und mich mit großen Augen anstarrten. Wie wenn ich ein unliebsamer Eindringling wäre, den sie zum ersten Mal sahen, der ihre liebgewonnene Privatsphäre maßgeblich und unnötig störte. Sie hockten auf einfallslosen Teppichen beisammen und das Zimmer roch ebenfalls muffig, wirkte ähnlich unordentlich überladen und unübersichtlich kleinteilig wie die Küche. So hatte ich dieses Zimmer, meinen Wohn- und Ausstellungsraum, nicht in Erinnerung. Ich hatte es durchweg anders hinterlassen beziehungsweise als ‚clean‘ verlassen und hoffte, es genauso aufgeräumt und sauber wiederzusehen! Ich war mehr als enttäuscht.
»Das Haus ist ja ganz schön voll«, fiel mir in meiner Aufregung über die Lippen, als würde ich spontan und entgeistert etwas Undenkbares zum Ausdruck bringen, was niemanden außer mir zu interessieren schien. »Das darf doch alles nicht wahr sein«, ergänzte ich leise und leicht entrüstet hinterher. Schlagartig wurde mir bewusst, warum manche Leute draußen im Flur übernachteten, so überfüllt waren die Räume, scheinbar das ganze Haus.
Ich bewegte mich in den hinteren Teil, mein einstiges Schlafzimmer, und sah, dass Freundin A. auf dem Hochbett, das ich meiner Erinnerung nach längst demontiert hatte, sich bequem hingelegt hatte, um sich ihrer wohlverdienten Nachtruhe hinzugeben. Neben ihr türmte sich ein immens hoher Berg an irgendwelchen und unansehnlichen Klamotten auf, der nicht nur nicht einladend anmutete, sondern schon dieser Tatbestand an sich darüber hinaus regelrecht eine kurzweilige Störung in mir auslöste: Woher kam diese Kleidung und wem gehörte dieser Plunder? Wer würde mich damit zu quälen unbedingte Freude empfinden, indem er solche Unordnung veranstaltete? Und: Wie würde ich mich dort ablegen, um zu nächtigen? Nein nein, das ginge nicht, das wäre unmöglich und das wünschte ich so auch nicht, dachte ich empört und schritt zurück in den Wohnraum und rief in die Runde der Anwesenden:
»Wir müssen diesen Berg an Klamotten hier sofort wegschaf… «
»Jetzt brauchst du dich auch nicht mehr dort hinzulegen«, unterbrach mich frech eine Frau, die ich nicht kannte. Ich wurde ratlos.
Ich bemerkte derweil, dass Freund A. und Begleiter R. sich scheinbar irgendwohin verzogen hatten. Aber das war in diesem Moment nicht so entscheidend wie der schwierigen Aufgabe beizukommen, wie man sich jenem Berg an nutzlosem Gerümpel entledigen würde … und überhaupt: Ich war mit dieser ganzen Wohnsituation maßlos überfordert, denn eine vernünftige Lösung zu finden, die allen Beteiligten, vor allem mir selbst, gerecht werden würde, erschien mir aussichtslos. Ich war völlig genervt und überlegte kurz.
»Komm, ich fahre uns nach Hause!«, sagte ich zu Freundin A. durchaus entschlossen, obwohl ich unterschwellig ahnte, dass ich nicht unbedingt fahrtüchtig sein würde, da ich schon zu viel getrunken hatte oder dies zumindest so in Erinnerung hatte.
A. beguckte mich skeptisch und bewegte ihren Körper unfreiwillig und angestrengt von ihrem warm eingerichteten Schlafplatz wieder herunter, und ich sah ihr an, dass sie meine innere Verzweiflung stillschweigend nachempfand. Wir begaben uns zurück in das vordere Zimmer.
»Ich melde mich hier sowieso ab, dann habt ihr alles für euch!«, sagte ich zu der frechen Frau.
»Mach’ das!«, erwiderte sie wie unbeteiligt und wandte sich ab, als hätten meine Worte gar keine Bedeutung für sie.
Gefährtin A. und ich verliessen den Raum. Auf dem Weg nach unten begegneten wir im Flur einer anderen Frau, die auf dem Weg nach oben war.
»Ich bin hier der älteste Mitbewohner, weißt du?!«, richtete ich unvermittelt und etwas rechthaberisch an ihre Person.
»Das wissen wir zu schätzen und vielen Dank für die gute Vorarbeit, die ihr seinerzeit geleistet habt«, sagte sie verständnisvoll und stieg die Treppen weiter hoch. Ich fühlte mich beinah wie geschmeichelt und hatte darauf nichts zu erwidern.
Ich betrat erneut die Küche, weil ich meine zwei anderen Begleiter suchte, und sah, dass auf dem Boden weitere junge Menschen ihr Lager aufgeschlagen hatten und schliefen. Ich war mittlerweile von diesem Anblick nicht mehr sonderlich überrascht. Freund A. und Begleiter R. kamen indes herbei. Während wir das Haus endgültig verliessen, rügte Freund A. Begleiter R., indem er auf ein Stativ in seiner Hand deutete und ihn beschuldigte, diesen an falscher Stelle eingesteckt zu haben. Ich wunderte mich, wie man ein Stativ überhaupt, gleichgültig wo, ‚einzustecken‘ gedachte. Das ergab alles keinen Sinn. Diese kleine Begebenheit gab mir gedanklich den Rest.
»Dieses verdammte Haus, ich hab’ die Schnauze voll!«, stammelte ich vor mich hin.
Wir saßen endlich im Auto und fuhren den langen Weg zurück in die Stadt. Während der Fahrt kamen mir weitere Momente der ‚Raumwandlerung‘ in den Sinn, in dem ich schon des Öfteren zu diesem Haus zurückgekehrt war, obwohl ich dort nicht mehr wohnte. Jedes Mal traf ich auf neuartige ‚Mitbewohner‘, die ich nie zuvor gesehen hatte. Diese Leute schauten mich ebenso verwundert an, denn sie waren mir scheinbar auch zuvor nie begegnet, aber sie ließen mich gewähren und duldeten meine Anwesenheit. Ich suchte meine Räume auf, die sich mir immer wieder anders und ungewohnt darboten, weil manchmal fremde Personen dort lebten. Ich fragte mich jedes Mal, ob ich dort überhaupt noch wohnte und erst recht, ob ich Miete zahlen würde oder müsse. Denn zweifach Miete zahlen rechnete sich nicht – das war vornehmlich meine große Sorge. Dieses Gedankenspiel endete meist mit einer massiven Verunsicherung und einem schlechten Gewissen, das sich in mir als ungutes Gefühl ausbreitete, weil es mich stets unnötig aufwühlte und mich mit jenen unliebsamen Erinnerungen zu traktieren schien. Ich kam zu keiner schlüssigen Lösung oder gar der Einsicht, dass ich endlich loslassen müsse, wovon auch immer? Oder hatte es eine vollkommen andere Bedeutung und ich kam bloß nicht dahinter?
»Es reicht! Ich bin fertig mit dir. Das war das letzte Mal!«, sagte ich leise zu mir selbst, als legte ich still ein Gelübde ab und schaute aus dem Autofenster. Die Sonne erwachte langsam am Horizont und die Dunkelheit wich allmählich den sanften Strahlen, die mein Gesicht angenehm umschmeichelten. Es würde sicher ein schöner Tag werden, sinnierte ich und schloss die Augen, derweil jemand anderes das Fahrzeug und uns wohlbehalten nach Hause lenkte.
— Raum 050326 —
Sturm unter dem Bett
Ich begab mich in den großen Raum, um einen Text weiterzulesen. Es war spät abends, ich war allein und so tauchte ich voller Wissensdrang in die Seiten meiner Lektüre ein. In einem der Kapitel war die Rede von einem ‚Psychomanteum‘, einer Technik des ‚Spiegelsehens‘, die die alten Griechen bereits erdacht hatten, um mit ihren Toten in Kontakt zu treten. So beschrieb der Autor, wie er diesen praktischen wie nützlichen Ansatz ebenfalls für sich entdeckte, um seinen Klienten und Patienten eine Möglichkeit zu eröffnen, mit ihren verstorbenen Angehörigen Verbindung aufzunehmen, um eine gewisse Art der Trauerarbeit zu bewältigen. Diese Methodik und ihre weiteren Ausführungen waren faszinierend beschrieben und je mehr ich den Zeilen des Autors folgte, desto mehr überkam mich das seltsame Gefühl, dass ich nicht allein in diesem Raum verweilte.
Ich bildete mir ein, Geräusche zu hören, und schaute abwechselnd zur spiegelnden Terrassentür und in die Tiefe des großen Raums, ob ich etwas entdeckte oder ob sich durchaus irgendetwas darin zeigte, was mir vertraut erschien. Ein unverhofft intensiver Wunschgedanke nach überhöhter Wahrnehmung überkam mich im selben Moment, dem ich zwanghaft folgte und vor dem ich mich gleichwohl fürchtete. Denn wer sah schon gerne und unvermittelt eine geisterhafte Erscheinung an der eigenen Glastür stehen, die ihm zwar unter Umständen familiär erschien, vor der er aber im gleichen Augenblick ebenso nicht zurückschreckte? Ich brütete nicht weiter darüber nach, sondern starrte beharrlich auf die Glasfläche, und beruhigte mich selbst, da sie das Innere des Raums letzten Endes auf natürliche Weise friedlich reflektierte.
Ich dachte unentwegt an unseren geliebten Hund, der vor nicht allzu langer Zeit verstarb und den ich schrecklich vermisste. Was würde ich dafür geben, ihn noch einmal zu sehen, oder hätte gerne in Erfahrung gebracht, ob es ihm dort, wo er sich aufhielt, hoffentlich gut erging. Je länger ich mich diesen Gedanken hingab, desto mehr vernahm ich eine merkwürdige innere Kälte und äußerlich eine gehörige Portion Gänsehaut, da ich eine gewisse Energie oder Anwesenheit im Raum spürte, die ich mir nicht zu erklären vermochte. Oder zumindest der Einbildung erlag, dass sie – diese Energie – auf irgendeine Weise vorhanden war, die ich aber weder sah noch anderweitig erfasste.
Schlagartig wurde mir bewusst, dass der kleine Raum, in dem ich mich für die Nacht hinlegte, um auszuruhen, genau den Gegebenheiten der Kammer eines ‚Psychomanteum‘ ähnelte, die in diesem Text beschrieben wurde. Was spräche also dagegen, so dachte ich unbekümmert, mich den Erwartungen des ‚Spiegelsehens‘ konkret dort mit Geduld und Neugier entspannt hinzugeben, um mit meinen geliebten Hund Kontakt aufzunehmen. Warum nicht? Es wäre zumindest einen Versuch wert! Das waren die ersten aufregenden Gedankenimpulse, die mich reflexartig ergriffen. Ich würde in dieser ‚Kammer‘ gar nichts verändern, sie bliebe, genauso wie ist, und ich würde es glattweg ausprobieren, blitzte in mir gedanklich Vorfreude auf. Ich legte das Buch zur Seite, schlenderte in den kleinen Schlafraum und betrachtete ihn meinen neuen Plänen entsprechend von diesem Standpunkt aus. Es würde, so weit ich das zu beurteilen vermochte, passen, und es könnte durchaus funktionieren, stellte ich entzückt fest. So bewegte ich mich zurück in den großen Raum, las das Kapitel zu Ende und merkte zur vorgerückter später Stunde, wie mich Müdigkeit überkam.
Ich legte mich schlafen und überlegte dabei, ob diese Sache mit diesem ‚Psychomanteum‘ grundsätzlich Sinn ergab, ob es funktionieren würde und ob es überhaupt eine gute Idee sei, diesem Wunsch der Begegnung mit einem verstorbenen Wesen im eigenen Schlafraum nachzugehen. Dann schlief ich ein.
Mitten in der Nacht rüttelten mich leise Geräusche halbwach, da ich beständig mit schreckhaftem und leichtem Schlaf zu kämpfen hatte, und wusste, dass meine Mitbewohnerin nach Hause gekommen war. Und ich hörte ebenfalls, dass sie versuchte, sich relativ geräuschlos und rücksichtsvoll in ihren eigenen Schlafraum zurückzuziehen. Ich wurde dadurch aufgeweckt, war aber dennoch zutiefst beruhigt, dass sie sicher und wohlauf spät in der Nacht den Weg von ihrer Feier nach Hause gefunden hatte. Ich schlief wieder ein.
Zu einem unbestimmten Zeitpunkt, womöglich in den frühen Morgenstunden, vernahm ich urplötzlich ein lautes Zischen und Flirren unter meinem Bett, als würde aggressiv und unberechenbar mit offenen Enden freigelegter elektrischer Leitungen herumgefuchtelt, was sich zweifellos bedrohlich anhörte. Zudem klang es annähernd so, als hätte unter mir ein Blitz eingeschlagen, dem zwar die Strahlkraft fehlte, der aber diese Geräuschkulisse des Krachens und des Donnerns mit voller Wucht um sich verbreitete, als gebe es keinen weiteren Morgen mehr. Dieses ‚Donnerwetter‘ war beängstigend und lärmend, ich bildete mir das nicht ein, sondern hörte diese scheußlichen Laute absolut klar und deutlich, wie sie sich real unter meinem Schlafplatz abspielten. Denn ich war längst aufgewacht und drehte meinen Kopf total verängstigt nach links und rechts und hatte überdies große Angst, unter dem Bett nachzuschauen.
Oh, mein Gott, schoss mir durch den Kopf, was passiert hier?
Doch das war erst der Anfang. Es folgten im Anschluss übermäßig heftiges Poltern und kräftiges Rumpeln, als würde sich unter meinem Bett ein Hund wild und ungestüm auf dem Holzboden hin und herwerfen, galoppieren und dabei seine Gelenkknochen und Pfoten immerzu auf den Boden krachen lassen. Das Zischen und Flirren mit dem Brummen von sich frei entfaltender Elektrizität vermischten sich mit Poltern und Krachen der Bewegungen eines Vierbeiners zu einer bedrohlichen ‚Kakophonie des Grauens‘, die sich so heftig steigerte, dass ich diese Momente kaum auszuhalten vermochte. Es war eine Zumutung für meine ohnehin von fremdartigen Tönen geplagten Ohren. Dieser grauenhafte Rhythmus, der sich im Takt weiter intensivierte, als trieb ein ungemein frecher Poltergeist seine übelsten Spielchen mit mir, nur um mich damit definitiv um den Verstand zu bringen, malträtierte mich wie schwer zu ertragende Folter. Diese Geräuschkulisse wurde unerträglich laut, ich hatte Todesangst und fühlte mich diesem Getöse jenseits der Schmerzgrenze machtlos ausgeliefert. Ich lag wie gelähmt im Bett und sah mich gleichzeitig auf den Rücken eines wilden Stiers gefesselt, der mich auf seinem Buckel tobend durch die Rodeo-Arena hemmungslos herumschleuderte. Es fehlte nur, dass mein Bett sich wie in einem Horrorfilm heftig auf und ab bewegte.
Dieser Grusel,Gott sei Dank!, blieb mir wenigstens erspart. Dennoch:
Ich rief mehrmals, verkrampft und unfähig mich zu bewegen, mit heiserer und gequälter Stimme den Namen meiner Mitbewohnerin, die sich im Nebenraum tief und fest ihrem erholsamen Schlaf hingegeben hatte. Ich krächzte fast stimmlos nach Hilfe, ich rief und beschwor ihre erlösende Anwesenheit, so fest wie ich nur vermochte. Aber es reichte nicht, meine Stimme war zu kraftlos. Ich fühlte mich steif wie ein Sarg und paralysiert wie ein kleines Häschen bei Flutlicht, erlebte meinen eigenen Tonfall als viel zu leise und undurchdringlich, als dass sie ernsthaft Gehör finden würde. Dieses bedauernswerte Krächzen richtete sich vielmehr nach innen als nach draußen, und ich vermochte diese Hilferufe in diesen Augenblicken nicht zielgerichtet einzusetzen. Und so erhielt ich dementsprechend keine Antwort und übergab mich meinem Schicksal.
Wann hört das endlich auf, hoffte ich in meiner großen Verzweiflung und bat: Lieber Spirit, bitte hilf mir! Und dann:
Wie aus dem Nichts verstummten das Zischen, Flirren und das heftige Poltern, als sei nie etwas geschehen. Von jetzt auf gleich wurde ich befreit von dem schlimmsten Aufruhr, den ich jemals in einem Raum erlebt hatte. Ich rief testweise erneut ihren Namen und vernahm, dass meine Stimme wieder kontrolliert und normal funktionierte. Ich richtete mich im Bett auf, setzte mich auf die Bettkante und atmete ein paarmal tief ein und aus. Ich fühlte mich beklommen und gepeinigt zugleich und hatte am ganzen Körper ordentlich Gänsehaut. Nach einer Weile der inneren Besinnung beruhigte ich mich ansatzweise, legte mich trotz der Kopfschmerzen wieder hin und versuchte erneut, einzuschlafen.
Am Morgen erwachte ich gerädert, denn die Ereignisse der Nacht hatten mir erheblich zugesetzt. Ich erinnerte nach wie vor an alle Einzelheiten und spürte, dass diese Vorkommnisse keine gewöhnlichen Fantasien waren, die man während des Schlafs erlebte, sondern, dass sie sich wahrhaftig in diesem Raum abgespielt hatten.
Ich stellte mir vor, dass unser gutmütiger und sensibler Hund mich diesen Strapazen unter keinen Umständen in dieser Art jemals ausgesetzt hätte, denn er war immer darauf aus, dass ich aus eigenen Stücken gerne mit ihm spielte. Zumindest empfand ich das so, weil wir uns gegenseitig Freiraum gaben, soweit das möglich und geboten war. Er forderte das Spielen zu seinen Lebzeiten niemals so heftig ein, dessen war ich mir stets sicher. Darüber hinaus, ich würde es kaum glauben, hätte ich es selbst nicht erlebt, war er mir gegenüber so rücksichtsvoll, dass er nachts wie auf Pfotenspitzen, so leise wie er nur vermochte, an meiner offenen Schlafzimmertür wie in Zeitlupe vorbeizuschleichen versuchte. Weil er scheinbar annahm, dass ich ihn auf diese Weise nicht hören würde. Nur um mich nicht aufzuwecken, denn der alte Holzfußboden knarrte und ächzte ungemein, auf dem Weg zum Nebenraum, wo er zu nächtigen pflegte. Es war jedes Mal ein belustigendes Schauspiel für mich, und ich ließ ihn gerne gewähren, denn es bereitete mir innerlich Freude mitzuhören, dass er sich für mich große Mühe gab.
Er würde mich als jene Erscheinung in dieser Nacht demnach nicht besucht haben, oder etwa doch?
Ich beschloss, dass mein Schlafraum keine geeignete Kammer für die Errichtung und Durchführung eines ‚Psychomanteum‘ sei und in Zukunft auch nicht werden müsse. Es würde sich sicher eine andere Möglichkeit ergeben.
— Raum 080226 —
Flugraum mit Griechen
Ich begab mich erneut in das Reich meiner geliebten Flugräume, die ich schon länger nicht mehr besucht hatte. Ich liebte diese Räume, in denen ich mich aus eigener Kraft in die Luft emporhob und flog. Einfach so, beinah wie ein Vogel, ohne allzu große Mühe.
Ich flog dieses Mal über Straßen und Menschen hinweg, die ich nicht erkannte, insgeheim aber vermutete, dass sich Gestalten unter mir bewegten und irgendwelchen Tätigkeiten nachgingen. Ich bemühte mich elegant wie akrobatisch, mit langgestreckten Armen, wie man dies von einem bekannten Comic-Helden kennt, über ihre Köpfe zu sausen, ohne sie dabei zu erschrecken. Ich flog trotzdem dem Asphalt oder was immer es zu sein schien, nah genug heran, dass sie mich dabei beobachteten und mich dafür bewunderten. Sie zeigten mit Fingern erkennbar auf mich und gaben unkenntliche Laute des Staunens, der Verzückung und ebenso Gebärden der Ungläubigkeit von sich, denn es passierte nicht alle Tage, dass jemand so unmittelbar über ihre Häupter durch die Luft düste. Zuweilen flog ich an die Personen und den Autos auf den Straßen so auffallend dicht heran, dass ich mich enorm angestrengt und zweifelsohne veranlasst sah, schnell wieder an Höhe zu gewinnen. Das war jedes Mal ein mutiger Balance-Akt: Flog ich zu flach am Boden entlang, verlor ich beachtlich an Schub, um leichten Körpers spielerisch emporzusteigen. Schwebte ich zu weit oben am Himmel, erkannte ich nicht, was sich unter mir abspielte und würde unter Umständen tief fallen. Trotz der Risiken, die das ‚Fliegen‘ mit sich brachte, entfaltete sich in mir jedes Mal ein erhebendes und wohltuendes Gefühl, durch die Lüfte zu segeln und mich dabei frei wie ein Vogel zu fühlen. Ich hatte keineswegs Angst, mich in große Höhen zu wagen, um mich dann waghalsig in tiefe Täler und Schluchten zu stürzen. Denn ich wusste genau, dass ich über alles unter mir hinwegfegen und mich dabei elegant wie ein Segelgleiter in der Luft halten würde – es war ein Privileg, das ich überschwänglich genoss.
Die Gewissheit, dass ich zu fliegen vermag, steht in diesen, meiner Ansicht nach ‚Räumen der Seelenwanderung‘ als Gegebenheit fest. Und ich freue mich jedes Mal, wenn es wieder so weit ist, dass ich durch den Himmelsraum gleite. Dennoch gestaltet sich die ‚Fliegerei‘ nicht grundsätzlich so unkompliziert, wie man annehmen würde. Denn ich mühe mich stets aufs Neue mit meinen Armen wie brustschwimmend und übertrieben ab, nicht nur an Auftrieb nicht zu verlieren, sondern sichere mich auch in strampelnder Manier unentwegt ab, nicht auf den Boden zu fallen. Ich weiß zwar, dass ich kein Vogel oder Flugwesen bin, dennoch vermag ich zu fliegen, durchaus wie ein entschlossener, begabter und mutiger junger Anfänger, der allmählich lernt, seine Flugkünste mit jedem weiteren Versuch besser in den Griff zu bekommen. Manchmal gelingen mir sogar kleine akrobatische Flugeinlagen wie einem langsamen im hohen Bogen nach hinten langgestreckt ausgeführtem Salto.
Einmal sauste ich zu dicht in einen Raum an einer Menschenmenge vorbei – sie waren mir scheinbar nicht wohlgesonnen, das spürte ich gewiss –, umkreiste ihre länglichen pyramidenartigen spitzen Gegenstände, die sie dort aufgestellt hatten, und kippte sie dabei spielerisch um. Damit deutete ich vermutlich an, dass ich sie nicht allzu respektierte. Oder ich trieb nur meinen Spaß mit ihnen. Meine Absicht dahinter schien nicht eindeutig genug und ich erinnere mich nicht, warum ich das genauso vollführte. Die Anwesenden muteten wie ‚Griechen‘ an und sagten, ohne das ein Wort in den Raum fiel, »dass meine Bewegung nicht sehr elegant sei und dass man das mit Sicherheit besser umsetzen könne.« Das habe ich ihnen nicht übel genommen, denn ich kannte gewisse Personen dieser Nationalität als mir recht sympathische Menschen, da ich seit meiner frühesten Kindheit ‚guten Draht‘ zu ihnen pflegte. Nicht nur, weil ich seinerzeit eben einen Griechen als mein besten Freund bezeichnete, sondern weil ich später in der Schulzeit ebenso mit ihnen freundschaftlichen Umgang hatte, dennoch:
Für einen Moment überkam mich große Irritation, als mich einer von ihnen ruckartig an meiner hellblauen Gummihaut packte, heftig daran zog und mich somit am Weiterfliegen hinderte. Ich war nicht mehr im Stande mich zu bewegen und so versuchte ich verzweifelt diese Hülle abzustreifen beziehungsweise zu zerreißen, indem ich sie über alle Maßen hinaus überdehnte. Das erhoffte Losreißen gelang mir beim besten Willen nicht. Ich geriet in Panik und unternahm einige Anläufe des Ziehens und Zerrens, um mich zu lösen, und diese Erfahrung war fraglos unangenehm und herzzerreißend. Ich entledigte mich letztlich dem üblen Griff jener Persona und flog erleichtert schnell weiter. Aber das Vertrauen in meine eigene Flugfähigkeit wurde dadurch, trauriger- und unnötigerweise, in großem Maße in Mitleidenschaft gezogen. Ich war diesen Geschöpfen unbedacht und leitsinnig zu nahegekommen, wie einst Ikarus der Sonne.
Bei einem nächsten Manöver gelangte ich wie bei einer Flucht an das Ende eines abschüssigen Gartens meiner erinnerten Kindheit, an ein Tor, das sich in eine unüberwindlich brutale und schwarze Bahnschranke verwandelte, welche nicht zu überqueren sei. So hieß es von irgendwoher mit bedrohlicher Stimme. Sodann sprang ich flugs in einen orangenfarbenen breiten und nach oben hin sich halbrund wölbenden Fensterrahmen auf, von dem sich unter meinen Füßen eine tiefe und atemberaubende Talebene eröffnete, und sagte selbstsicher zu meiner Umgebung:
»Ich springe von hier aus« und trat ohne Angst und Zögern einen Schritt nach vorne und fiel sanft und schwebend hinunter. Ich kontrollierte meinen Körper während des Falls und flog dann über eine Schlucht, wenn auch nicht gänzlich souverän, und schwebte heil und froh über diese Landschaft unter mir hinweg, irgendwohin. Ich war absolut glücklich.
Einige Zeit später: Im Dämmerzustand bedankte ich mich bei Spirit für diesen nicht eindeutigen, aber dennoch angenehmen und lehrreichen Flugraum.
Der zweite Teil dieser Raumkonstellation handelte, vermutlich, von einem alten Bekannten, mit dem ich seit langer Zeit keinen Kontakt mehr aufrechterhielt, seiner Frau und ihrer gemeinsamen Tochter. Es agierten ebenfalls andere Leute und Umstände darin, an die ich mich aber im Weiteren nicht zu erinnern gedachte, obwohl es nicht so unangenehm sein würde wie ich annahm – egal! Es gab trotzdem schöne Momente darin! Mein absolvierter ‚Flugraum‘ entlohnte mich für alles!
— Raum 301225 —
Garten mit Aussicht
Ich betrat an einem sonnigen Tag einen blühenden Garten, in dem T. gemütlich auf einem bequemen Stuhl saß, umringt von seiner Frau C. und ihren gemeinsamen jungen Zwillingstöchtern. T. lächelte mich in froher Erwartung an und schien sichtlich stolz darauf, dort zu sitzen, weil seine beruhigende Körperhaltung und sein strahlender Gesichtsausdruck Vergnügtheit ausdrückten. Wie wenn er innerlich zu mir sprach, ohne sich zu artikulieren: »Hier schau mal, wo ich sitze, mit meiner Familie, vor unserem Haus, ist das nicht wunderbar!?« Ich näherte mich ihnen und bemerkte, dass C. mit den beiden Mädchen beschäftigt zu sein schien, da sie vermutlich irgendetwas miteinander spielten. Womit sie sich genau befassten, vermochte ich nicht zu erkennen.
Ich betrachtete das große Haus, das sie bewohnten. Es war stellenweise farbig und hatte eine ockerfarbene Fassade, die an manchen Stellen etwas nachgedunkelt war. Es mutete wie eine Mischung aus buntem Holzhaus und schlichter teilweise angegrauter Nachkriegsarchitektur an und schien zudem imposant groß zu sein. Im Hintergrund ihres Hauses erhob sich ein steiler Hügel, an dessen Gipfel ein prachtvoll weißes Schloss thronte. Auffallend helle und schlanke Türme mit schwarzen Kuppeln und unbekannten kleinen Fähnchen ragten majestätisch in den Himmel empor.
Das war ein guter Platz zum wohnen, dachte ich, als ich mir die Burg etwas genauer besah. Sie war einerseits unwirklich und malerisch entrückt wie ebenso zum Greifen nah. Wer hier am Fuße eines solchen Prachtbaus ein Haus sein Eigen nannte, hatte es scheinbar zu etwas gebracht, schoss mir durch den Kopf.
Augenblicke später schwebte ich langsam in das Haus von C. und T. hinein. Die Räume gestalteten sich verschachtelt überdimensional wie Würfel, die mehrfach übereinandergelegt worden waren und seltsam kubisch aufgereiht auf verschiedenen Ebenen lagen. Das Innere erinnerte mich an ein M.-C.-Escher-Haus mit gewundenen und perspektivisch paradoxen Treppengängen, dennoch ohne die Komplexität dessen, was wir von diesem Künstler kennen.
Ich schaute mich im Haus um und bemerkte, dass die Räume sich teilweise in den Hang hinauf stapelten, was man von außen in dieser Anordnung nicht erkannte. Ich sah durch ein großes Fenster, das sich wie eine Doppeltür ins Freie öffnete, in eine Meeresbucht, die von einigen mittelgroßen und hellbraun glatten Felsen formschön eingesäumt wurde. Die Kulisse wirkte wie eine Strandlandschaft, in der schlagartig hohe und raue Wellen mit weißen Schaumkronen sich gewaltig auftürmten und vom Meer aus zum Strand peitschten, während auf ihren Spitzen Menschen lustvoll und tänzerisch wild umhergewirbelt wurden.
Ich schwebte langsam aus dem Haus in Richtung der sandigen Küste und erlebte wie sich dieser Moment in einen herrlich klaren und von der Sonne verwöhnten Tag verwandelte. Der Strand war mit vielen Gestalten, groß wie klein, dicht bevölkert und eine laute aber feierlich anmutende Stimme ertönte irgendwoher aus einem Megaphon und kündigte erfreut irgendwelche anstehenden Veranstaltungen für den Tag an.
Es war ein zauberhaft belebter Badetag mit zahlreichen Menschen, jung und alt, an einem unerwartet schönen Strand, ein Anblick, wie man es sich nicht besser auszudenken vermochte. Ich hatte genug gesehen und verließ den Raum.
— Raum xx1125 —
Alles nur Theater
Ich stand in einem Theater, das wie ein Kino anmutete. Mein Blick richtete sich von der Bühne aus in den Zuschauerraum, wo Leute auf ihren Plätzen saßen und in Vorfreude alles genau beobachteten, was auf den Brettern vor sich ging oder gleich passieren würde.
Ich verharrte, von meiner Position aus gesehen, auf der rechten Seite dieser weitläufigen Fläche auf einer roten Couch und fühlte mich wie ausgeliefert. Die Spielfläche war hell ausgeleuchtet und ich sah mich innerlich gezwungen, etwas zu performen, hatte aber keine Ahnung, was ich ‚bringen‘ würde. Ich war nervös und hatte Lampenfieber.
Auf der gegenüberliegenden Seite der großen Schaubühne lag ein äußerst dünner rot-samtiger feiner Stoffteppich herum, vielmehr war es ein Stück Stoff, das leichte Falten warf. Ich entschied mich, unvermittelt ein ‚Spiel‘ vorzutäuschen: Ich stand auf und lief im weiten Bogen von hinten nach vorne über die Bühne und rutschte dabei über diesen feinen ‚Teppich‘ ungeschickt aus und strauchelte unschön zu Boden. Ich fühlte mich wie nackt und war peinlich berührt. Es hatte nichts gebracht, was wohl die Zuschauer jetzt denken?, schoss mir sorgenvoll durch den Kopf.
Meine langjährige Bekannte M. saß ebenfalls auf der Couch und wir waren oder wurden genötigt, gemeinsam Etwas aufzuführen. Sie schien sich ihrer Sache sicherer zu sein als ich. Mir war weitestgehend mulmig zumute, denn ich wusste nicht, was dieses ‚Stück‘ bedeutete, wer Regie führte und geschweige denn, wie diese ‚Geschichte‘ überhaupt weitergehen würde. Es fehlte ein Drehbuch und ich fühlte mich als beteiligter ‚Schauspieler‘ unwohl damit. Ich hatte große Angst zu versagen.
Ich hätte am liebsten die Vorstellung abgesagt, denn ich erkannte, dass ich diese ‚Leistung‘, was und wie immer sie sein würde, nicht zu erbringen vermochte. Ich lenkte mich mit einem leeren Gedanken ab und erwartete stattdessen den Rest des Ensembles, ebenfalls auf der Bühne zu sehen. Sie hätten eigentlich schon längst das sein sollen, dachte ich enttäuscht.
Auf einmal erschien eine große Gruppe von Menschen auf dem weitläufig breiten Podest. Das müssen meine Leute sein, mutmaßte ich. Sie waren mir einerseits vertraut, aber dennoch sah ich ihre Gesichter nicht und ihre Persönlichkeiten waren mir weit entrückt, denn sie erkannten meine Persona ebenfalls nicht. Ich glaubte, in der vordersten Reihe A. zu sehen, die eine gewisse Autorität ausstrahlte. Trotz allem war sie nicht die tonangebende Person. Die Situation war durchaus frohlockend und feierlich, aber es fehlte ein Plan.
Einer aus der Gruppe – vermutlich mein verstorbener Bekannter O. – kam zur Couch hinüber und beschwerte sich über irgendetwas. Ich durchschaute weder seine Absicht, noch hörte ich heraus, worüber er sich beklagte.
Einer aus der Gruppe – vermutlich mein verstorbener Bekannter O. – kam zur Couch hinüber und beschwerte sich über irgendetwas. Ich erkannte weder noch hörte ich heraus, worüber er sich beklagte.
Ich hatte schlagartig die Idee, dass wir alle gemeinsam auf dieser Bühne improvisierten, damit ich diese Sache nicht allein ausbadete, und so rief ich wie ein Regisseur alle herbei und versuche mir Gehör zu verschaffen, um ihnen meinen Plan vorzustellen. Ich strengte mich übermäßig an, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, indem ich die Leute herbeiwinkte, um wie bei einer Spielpause wie der Coach mit den Spielern im Kreis einvernehmlich die Köpfe zusammenzustecken. Das gelang mir nicht, denn keiner der Anwesenden reagierte auf meine Handzeichen. Es schien unmöglich einzelne Leute beziehungsweise die ganze Truppe zusammenzurufen, geschweige denn zusammenzuhalten. Vereinzelt kamen welche in meine Richtung, entfernen sich rasch wieder, als wäre ich unsichtbar oder als hörten und sahen sie mich nicht. Alle liefen wild durcheinander.
Ich sagte zu M.: »Wir liefern nicht!«, und wandte mich damit an das ganze Ensemble, dass sie diese Ansage jedem weitergaben, denn ich glaubte nach wie vor an meine Eingebung einer möglichen und gemeinsamen Improvisation. Ich vernahm, dass meine Idee nicht ernsthaft Gehör fand, denn es reagierte keiner der Beteiligten auf meine Bemühungen. Ich war enttäuscht, fühlte mich unverstanden und vernahm tief in mir eine gewisse Form von Minderwertigkeitsgefühlen, wie jemand, der weder gemocht noch respektiert wurde.
Und schlagartig verlegte sich diese Bühne nach draußen ins Freie und wir erkundeten allesamt die Umgebung. Löwinnen erschienen und sogar andere Tiere, wer ahnte das schon, die ich nicht erkannte, außer einer übergroßen Hornisse, die in einer Art tiefem Gefäß feststeckte, das arme ‚Ding‘. Ich versuchte sie zu befreien, mit einem länglichen Gegenstand, den ich nicht genau zu identifizieren vermochte. Es gelang mir hoffentlich, denn ich erinnere mich leider nicht mehr.
Ich schritt mit ‚meiner Truppe‘ zwischen Zuschauerreihen, die wie aus einer früheren TV-Shows anmuteten, eine steile Treppe hinunter. Ich empfand dabei Erlösung und Erleichterung und so etwas wie ein Gefühl von ‚gemeinsam baden gehen‘ oder handeln, je nachdem. Zumindest war das meine Vorstellung davon. Ich sah keine Bühne mehr und erwachte im Raum.
— Raum 1211259301130 —
Krieg der Heimat
Ich erschrak fürchterlich, als der Raum über mir zusammenbrach. Eine überaus schwere Luftmaschine fiel vom Himmel, donnernd und laut krachend, imposant wie ein gewaltiges und rundes Raumschiff, das ich nie zuvor in dieser Ausformung leibhaftig gesehen hatte. Schlagartig wurde mir bewusst, dass auf diese Weise ein neuer ‚Krieg der Heimat‘ entstehen würde oder sogar entfacht worden war. Diese Einsicht schien mir glaubhaft genug, denn dieser Koloss raste brüllend und hämisch wie tausend herabstürzende ›Kimazakeflieger‹ dicht über meinen Kopf hinweg und stürzte südlich von unserer Behausung nahe ›Thürh‹ ab, wie das schlimmste Donnerwetter am Tage des Weltuntergangs. Das beängstigte mich derart, dass ich dieses Ereignis vorerst ausblendete und für einen kurzen Augenblick der Vorstellung verfiel, nur Trugbilder gesehen zu haben. Denn dieser Anblick schien zu düster und furchterregend, um wahr zu sein. Doch es passierte real und nachvollziehbar, weil es sich vor meinen eigenen Augen zweifelsfrei abspielte.
Hohe schwarze Rauchwolken zeichneten sich in der Ferne ab, der Richtung, in der ich die Vorstadt Thürh vermutete. Ich stellte mir vor, wie zahlreiche Gebäude, Straßen und freie Flächen bei diesem Absturz durch die gewaltigen Ausmaße des Raumfahrzeugs zerstört wurden. Die Menschenleben, die es mit Sicherheit kostete, umkreiste ich gedanklich nur vage, denn das hätte meine emotionale Vorstellungskraft bei weitem gesprengt. Den zweiten Einschlag einer ebenso scheinbar gigantischen Flugapparatur beobachtete ich im Norden der inneren Stadt, wo dunkle und dichte Rauchschwaden von einer imposant großen und vernichtenden Explosion zeugten. Trotz der Angst, die meinen ganzen Körper in diesen Momenten durchströmte und dem unaufhörlich intensiven Herzklopfen, das mich unverhohlen bis zur nahenden Ohnmächtigkeit traktierte, rannte wie bei einer Reflexhandlung auf die Straße, um mir einen Überblick zu verschaffen. Um nachzusehen, was greifbar und konkret passiert war.
Ich bemerkte, dass zwischen diesen beiden Punkten der Einschläge unweigerlich Ratlosigkeit und Chaos ausbrach. Alles geschah unheimlich schnell: Die Menschen rannten wild und ziellos umher und suchten Schutz vor dem Unheil, das sich vermeintlich weiter hochschaukeln würde. Ich sah Personen, die sich ohne Rücksicht füreinander in Busse drängten, quetschten und sich gegenseitig wegschubsten, und andere Autofahrer, die um ihr Leben fuhren und dabei sonstige Passanten überfuhren – in den verstopften Straßen von ›Lönk‹ und Umgebung. Und ich war mittendrin.
Ich lief voller Sorge und wie benebelt durch die Straßen, in der Hoffnung, Leute anzutreffen, die ich kannte, und mit denen ich mich am liebsten verbündet hätte. Ich beobachtete eine Invasion von soldatenähnlichen Gestalten, die in schwarzer Kleidung mit dunkel vermummten Gesichtern, viele Straßenfluchten mit ihrer Präsenz blockierten; beklemmenderweise und todsicher! Sie muteten wie ›astimissliche‹ Terroristen an, die sich schwer bewaffnet kriegerisch stolz und hemmungslos zu erkennen gaben. Sie hatten überall Straßensperren aufgestellt und kontrollierten jeden, der an ihnen vorbeiwollte. Einen nach dem Anderen. Sogar auf den Schnellstraßen außerhalb der Stadt hatten sie sich positioniert, wie von gewissen lokalen Gruppen berichtet wurde. Es war unheimlich, furchteinflößend und es gab kein Entrinnen. Ich versuchte zu flüchten, wurde aber von den Menschenmassen in Richtung einer Straßenbarrikade mitgezogen. Ich vermochte nichts dagegen anzurichten und kam diesen düsteren Gestalten unabwendbar näher. Ich hatte große Angst. In meinem verzweifelten Übermut sprach ich einen dieser Terroristen an, der genüsslich ein Sandwich verspeiste. Er wurde zornig, dass ich ihn gestört hatte, zückte sein Maschinengewehr und richtete diesen bedrohlich auf mich. Er schrie mich aus voller Kehle an, während Essenreste aus seinem Mund herausgeschleudert wurden. Ein anderer Extremist, der dicht bei ihm stand, rief ihm etwas zu, das wie ein Befehl erklang:
»Vur! Vur! Vur!«
Ich wusste nur allzugut, was damit gemeint war, denn obwohl ich die alte Heimat Jahrzehnte hinter mir gelassen hatte, verstand ich seine Worte auf ›rücktisch‹, die bedeuteten: »Erschieß ihn!«, oder »Schlag ihn tot!« … und das dreimal hintereinander. Und er hatte sein Gewehr finster auf mich zielgerichtet. Ich kauerte in mich zusammen, verschränkte die Arme schutzsuchend über meinen Kopf, in der Überzeugung, dass ich im nächsten Augenblick erschossen werden würde. Ich atmete nicht allzu lange diesen unwürdigen Moment ein, denn die Bilder des Lebens, die sich ansonsten vor meinem geistigen Auge abrollten, hätten sich vermutlich in meine Seele unauslöschlich eingebrannt. Diesen deprimierenden Gedanken zu spüren empfand ich als unnatürlich wie überflüssig. Wie wenn man Pferde mit einem gewissen Zeichen brandmarkt, das lange Zeit sichtbar bleibt. Wenngleich die Tiere diese entstandenen Wunden selbst nicht sehen, sind sie doch, einer Besitztum-Oberhand zugehörig, für immer gekennzeichnet.
Ich wartete … aber … es passierte nichts! Die Aussicht auf einen nahenden Tod verflüchtigte sich so schnell, wie alles andere, dass mich in dieser Situation belastete und umgab. Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen verengten Raum der Tragweite von überschwänglich dumpfen Ereignissen je überleben würde. Ich war scheinbar vom Glück gesegnet, wer weiß warum?
Ich schlich zu meiner Gruppe von Personen zurück, zu der ich mich nicht zugehörig fühlte. Es wurde innerhalb dieser Leute, die ich nicht kannte, verhandelt und überlegt, wie man diesem Wahnsinn am besten zu entkommen vermochte. Es poppten einige Ideen auf, aber am Ende wurde nichts Konkretes daraus, denn die meisten waren genauso einfältig und stumpf wie die feinen Leute, die unsere geliebte Heimat regierten und diesen nutzlosen Konflikt angezettelt hatten. Insgesamt war man verwundert und überaus besorgt, wie das alles geschehen konnte. In einem Land, indem man sich immer sicher wähnte, oder zumindest war es allgemeingültiger Konsens, dass so etwas wie Krieg oder Überfall nie wieder passieren würde. Nach alldem was man Jahrzehnte zuvor in ›Teuschdnald‹ erlebt hatte. Und von wo aus nachfolgende Generationen bis zur Unkenntlichkeit für immer traumatisiert wurden. Trotzdem: Wo war die ›tuschede‹ Polizei? Wieso kamen sie uns nicht zu Hilfe? Diese ganze Situation entfaltete sich wie ein wahr gewordener Albtraum, der doch an einem unbestimmten Zeitpunkt seinen glücklichen Ausgang fand, denn:
Später fuhr eine Kolonne ›tuscheder‹ Gesetzeshüter durch die Straßen und es wurde durch Megaphone selbstgefällig und lauthals durchgesagt – das schien das Einzige zu sein, dass sie trefflich beherrschten –, dass unsere Beobachtungen und Annahmen nicht den aktuellen Tatsachen entsprachen. Denn man habe keine ›Astimensli‹ oder sonst irgendwelche Terroristen oder gar ›Sursen‹ zu benennen vermocht. Nicht auf den Straßen, nicht in der Underground. Eine Massenpanik-Psychose sei aus unerklärlichen Gründen entstanden, wie aus dem Nichts, wurde verlautbart.
Ich sah im Weiteren ›meriakanisches‹ Militärpersonal auf dem Bahnsteig der Untergrundbahn. Ich empfand ihre Anwesenheit einerseits beruhigend aber andererseits etwas befremdlich, denn man sah solche Armeeleute niemals an dieser Stelle. Was suchten sie dort? Einer der Soldaten, ein Dunkelhäutiger, lächelte mich an. Na und?, dachte ich, warum nicht, man ist ja glücklicherweise nur Mentsch!
Dann entdeckte ich eine zierlich blonde Frau mittleren Alters mit beispiellos dünnen Ärmchen, die sportlich angezogen war. Sie startete scheinbar geradewegs zu einem Lauf, in dem sie an gleicher Stelle ihre Beine auf und ab bewegte, um sich aufzuwärmen. Sie entpuppte sich als eine Kriminalbeamtin, die tuscheder Abstammung war. Sie wusste nichts von einer Invasion oder von Terroristen. Dennoch wollten wir unbedingt Nummern austauschen, falls …
— Raum 0225220726 —
Das Fest
»Stattdessen erhoffe ich mir etwas von einem ausgelassenen Fest«, sagte ich am Telefon.
»Ach, ach, ach«, klagte die Putzfrau, die das alles nicht interessierte. »Wo laufen Sie denn hin und her jetzt. Ich habe gerade den Boden schön gewischt! Da schauen Sie mal!« Ich drehte mich um. Sie deutete mit einem kecken Kopfnicken auf den Untergrund, wo ich Fußspuren hinterlassen hatte, während ich telefonierte. Auf diesem glatten Estrich, der mir ohnehin nicht gefiel. Ich hielt das Telefon kurz von mir weg.
»Ist schon gut«, monierte ich, »machen Sie bitte einfach weiter, ja?«
»Jetzt muss ich wieder von vorne anfangen«, jammerte sie erneut.
»Oder Sie bessern nur die Stellen aus, wo ich Spuren zurückgelassen habe«, sagte ich genervt.
Die Putzfrau beäugte mich kritisch. »Oder so … kann ich machen«!, sagte sie und schwang den Mob abermals, zumindest widerwillig. Und die Abdrücke verschwanden.
Ich beendete mein Gespräch und sinnierte weiter: Schillernd und fantastisch würde es werden, das Fest, wie die ‚FunPlastik des Lebens‘, das erhoffte ich mir insgeheim, als ich rastlos durch meine Gedanken schweifte. Wer würde kommen, wer nicht, wen gedachten wir überhaupt einzuladen, und wen nicht! Und wen müssten wir unbedingt einladen? Wer war wichtig, wer nicht? Unerhört aufregend würde sie sein, diese Feier, ebenso die Nachricht, die ich in die Welt flink aber bedächtig hinausschickte, die glänzte und hoffentlich imponierte! In Scharen strömten sie dann herbei, die SchauLustigen, um das Wunder zu betrachten, im blühenden Garten des Freundes ›Willo‹.
Meine fiebrig nervöse Selbstbezogenheit kannte kaum Grenzen. Was würde ich anziehen, wie würde ich überhaupt dastehen? Welche Rede würde ich lässigerweise schwingen, nachdem Willo die Begrüßung der Gäste und seine weiteren Ausführungen bezüglich der Location und des Kunstwerks vortrefflich beendet hätte. Oder würde ich mich lieber zurückhalten? Wäre sicher eleganter, oder? Aber man erwartete immer ein paar Sätze vom Künstler, wenn auch keine perfekten, nicht? Und welche Worte würde ich über dieses relativ kleine Gebilde der Sehnsucht und seinen famosen Inhalt verlieren, das nach unserer Enthüllung vermutlich auffallend prachtvoll und wuchtig zu beeindrucken vermochte. Und hoffentlich Anerkennung bedeutete. Worauf wir so lange hingearbeitet hatten.
Endlich! Es wäre so weit, es war angerichtet. Der Tag der Offenbarung wäre gekommen!
Von nah und fern, oder sonst woher, flogen die Leute ein, diese SchauLustigen, die zu schauen gewillt waren. Ob sie gar zu erkennen vermochten, würde sich womöglich noch zeigen. Sie drängelten durch das schmale Tor in den Innenbereich, auf den kleinen Hof, der im weiteren Begehen zu einem Garten wurde, den man sich für diesen Anlass besser größer gewünscht hätte. Sie, diese Leute, erwarteten einen furiosen Auftakt und ein unvergesslich prächtiges Ereignis, Event, was immer, das ein gewichtiges und ausgelassenes Fest werden würde. Und wie sie kamen, diese Lustigen: wichtige wie unbedeutende, berühmte wie gewöhnliche, normale und andere Menschen, mit und ohne Geld, manchmal mit gewissem Anstand aber oftmals ohne Reue, selbstbewusst, teils bescheiden aber vollmundig wie eh und je. Diese professionellen Festbelagerer, die niemals Schwäche zeigten, alles wegtranken und verspeisten, was ihnen über den Weg lief, vieles begrabschten, jung, hübsch und jünger oder älter gar, weiblich, männlich, was immer es war, das nicht schnell genug weglief. Genau diese Feierwegelagerer, die allem zum Trotz, geduldet, abgeleckt und gleichzeitig verspottet wurden, die dennoch der überaus bedeutsamen Verkündung des außergewöhnlichen Wunders an diesem Tag in ›Renchef-Becham‹ Zeugnis ablegten, kundzutun genötigt doch ansonsten gemieden wurden oder Euer Würden?
Die Gefühle rannten, windeten und überlagerten sich, vertieften sich ins Bodenlose, Unergründliche, Unersättliche, und ploppten wieder wie unsinkbares Gedankengut an die Oberfläche der nackten Sachlichkeit, dessen Anwesenheit mich gutmütig aber vehement traktierte, dass ich vor Aufregung Herzklopfen bekam. Trotzdem raste ich vor Entzücken. Es war an der Zeit!
Nach allem formellen hin und her, vor und zurück, Gelächter hier, Besinnlichkeit dort, der Langeweile sogar an mach anderer Stelle, der man in solchen Augenblicken zwangsläufig nie zu entkommen vermag, weil die Redseligkeit andächtig verstummt, fiel der Moment der Wahrheit. Wie eine Hülle unter freiem Himmel von selbst, ähnlich einer scheinenden Heiligkeit, der man wahrhaftig und persönlich im Garten der Einvernehmlichkeit spontan aber feierlich begegnet. Anders als der Bigotterie, die oftmals vorherrscht, und der man besser nicht genug Raum überlässt, weil man ihr nicht zu entfliehen vermag, wenn sie einen stellt und einlullt, im reliösen Kunsteifer des Wortgefechts.
Die Spannung vermochte man kaum auszuhalten, als der seidenglänzende dunkelrotviolette Vorhang sich allmählich lichtete, in der leicht kühlenden Brise des Sommertags. Dieser Moment, der viele Herzen höherschlagen ließ, verströmte den betörenden Duft von Zauber und Bewegtheit. Und von kleinen unwiderstehlichen Hackröllchen, die ›Vapčićiće‹ genannt wurden.
Die staunenden Augen groß und die Münder leicht offen, manche Augenpaare sogar angereichert der kritischen Urteilskraft und -vermögen, wohlwollend oder nicht, die man erblickte, im angenehmen Sonnenstrahl, der sein kontrastreiches Schattenspiel sanft auf den zu entblößenden Körper legte. Wie Glück verheißend, oder nur der Neugier wegen, dass dieser Augenblick lang ersehnt worden war – von allen, die es betraf. Ein leises und freundliches Raunen der Anerkennung, von manch einer Persona nicht, das von den Anwesenden erging, die sich anstifteten miteinander Kunst-Brandstifter de luxe oder Ähnliches zu sein, zu feiern, große Feuersbrunst zu entfachen; im positiven Sinne. Erstaunen über allen Gesichtern, das sich vielfach ausbreitete, ebenso bei einigen der ewig nörgelnden Kunst-Feuerwehrgestalten de Farce, als sich das weiche Tuch friedlich auf den Boden warf und etwas enthüllte.
Ein langes und leises »Ohh … Ahh … Jaah!«, das man vernahm, das leise am Spätsommernachmittag wie ein zartes Echo in den Weiten des Hofes verklang. Ebenso der verhaltene Applaus, der nicht alle der Anwesenden ergreifend zu durchdringen vermochte. Und dann, manch einer, hier und dort:
»Ich weiß nicht … was ist das?!«, fragte jemand.
»Jetzt warten Sie doch erst einmal ab!«, sagte ein anderer, der den scheinbar Unwissenden gewissenhaft um Rücksicht bat.
»Um was geht es hier überhaupt?«, stimmte der nächste inmitten seiner schicken Gruppe ein, während er genüsslich an seinem Champagnerglas schlürfte.
»Psst, leise jetzt, vielleicht kommt noch was«, flüsterte eine Frau und schaute streng in die Richtung der ewigen Bedenkenträger, die gerne störten.
»Geht es um diesen kleinen Anbau, oder was?«, fragte ein Eifriger.
»Es geht vornehmlich um die Kunst, die darin zu sehen ist«, sagte eine beflissene junge Blondine, die sich ihrer Sache sicher zu sein schien. »Da schauen Sie doch, da bewegt sich etwas!«
»Ich kann nichts erkennen«, sagte jemand, der sich daraufhin schnell ein bisschen Fingerfood in den Mund stopfte.
»Ach … ich weiß nicht«, sagte der, der daneben stand und den Kopf schüttelte.
»Jetzt halten sie sich bitte ein wenig zurück«, sprach jemand, der eine gewisse Autorität ausstrahlte. »Haben sie doch etwas Geduld, wir werden schon erkennen, worum es hier geht!«
»Man kann ja kaum hineingehen, ganz schön eng da drin«, sagte ein anderer.
»Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob man da reingehen soll oder darf?«, fragte ein älterer Herr.
»Warum denn nicht«, antwortete ein zu hipp wirkender jungen Mann, der sich anschickte, die Szenerie mit seinem ‚mobile device‘ zu filmen; hochkant, versteht sich!
»Die Türen sind doch nicht auf«, mischte sich eine andere ältere Frau mit ein.
»Dann macht man sie auf und geht hinein, so einfach ist das«, sagte eine junge Frau, die scheinbar zum hippen jungen Mann gehörte. Sie trug einen hellen und leichten Blouson mit der Rückenaufschrift ‚Stay strong, stay woke! Sie hatte sich lässig um die Hüfte ihres Begleiters eingehakt, während dieser souverän mit einer Hand filmte.
»Ist das Kunst, oder …?«, sprach jemand belustigt, der damit liebäugelte, für seine Entdeckung oder weiteren Ausführungen ein Stückchen Beifall zu erhaschen.
»Genau! Das ist Kunst vom Künstler ›Fayzey‹«, sagte die Blondine, »darum geht es ja hier … da schauen Sie, da bewegt sich etwas!« Sie deutete mit dem Finger in das Innere des Anbaus.
Einige Zeit war vergangen, vier Jahrzehnte, um genau zu sein, seit diese kleine schlichte Halle aus gesäubertem und handverlesenem alten Backstein mit neu eingefasstem und entspiegeltem Glas, das wie eine industrieähnliche Architektur aus romantisch verklärten Tagen anmutete, seine Fertigstellung erlebt hatte. Und somit seinem eigentlichen Zweck zugeführt werden würde: Ein Gebäude, das man gemeinsam, aber vorrangig Freund Willo selbst, als Raum für zukünftige Ausstellungen der zeitgenössischen Kunst einst erdacht hatte, endlich architektonisches Manifest wurde. Und das an diesem Tag seinen ersten Höhepunkt in der Zurschaustellung der Kunst seines Freundes Fayzey erlebte.
Diese kleine Miniatur-Architekturperle, klar und gradlinig, wie sie war, zeugte davon, nicht nur ihrer selbst Willen erbaut worden zu sein, sondern maßgeblich dafür, ‚Schönheit‘ und künstlerische Positionen zu preisen, die anderswo unter Umständen nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erhalten hätten. Apropos Schönheit:
»›Lasst schöne Dinge um mich sein, denn schöne Dinge heißen Hoffen‹«, hatte Willo mich an irgendeiner Stelle rezitiert, nachdem ich ihn einmal bei vorheriger nächstbester Gelegenheit gefragt hatte, von wem dieses Zitat ursprünglich stammte.
»Ich komme einfach nicht dahinter, woher ich das habe«, hatte ich Willo gesagt.
»Soweit ich weiß oder recherchieren konnte, muss es von dir sein«, hatte Willo erwidert. »Denn es gibt keinen anderen oder weitere Quellenangaben, nichts zu finden! Ich meine, du kamst damit früher irgendwann um die Ecke, weißt du noch, in der Zeit mit ›Leckmo‹? Aber ganz genau weiß ich es nicht mehr.«
»Vielleicht ist es doch nicht von mir?«
»Doch, doch!«, war Willos Antwort seinerzeit.
»Das kann nicht sein, bis du dir wirklich sicher«, hatte ich nachgesetzt. »Ich dachte immer, dieses Zitat stammt vom Alten, du weißt schon, ›Inseztche‹! Wieso erinnere ich mich nicht mehr daran, dass es eigentlich von mir stammt, verdammt!? Kurz vor Alz…«
»Tja, was soll ich jetzt darauf sagen«, hatte Willo mich freundlich abgedrängt, bevor ich dieses schreckliche Wort ausgesprochen hätte. Touché und Ender der Befragung!
Und ich hatte nicht weiter nachgebohrt, denn ich war mittlerweile genug mit meinen sich abwegig entwickelnden Erinnerungsschwierigkeiten oder Ähnliches an Fragmenten und Verdrehungen beschäftigt, und so würde ich mit Bestimmtheit keine andere Person mit reinziehen, schon gar nicht einen Freund. Oder etwa doch, ungewollt sogar? Denn eines Tages vergisst man wer wer oder was was ist?! Umgebinde? Automagische Fragmente v2? Aber zurück zur Willos-Kunstgesinnung:
Und so hatte Willo als engagierter Kunstmensch den Gedanken gefasst, in unmittelbarem Umkreis seines Wohnhauses sich mit Kunst zu umgeben, weil es sich förmlich anbot. Diese vermeintlich freie Fläche, den Grundriss der späteren Halle, hatte er scheinbar anderweitig nicht zu nutzen gewollt. Und außerdem: Die Anwesenheit von gewissen Kunstwerken, die er liebte und die ihn auf gesonderte Art mit seinen eigenen Überlegungen der Kunstgeschichte hin beschäftigten und zum Nachdenken angeregten, war da die allerbeste nächste Lösung, berufliches und privates Engagement positiv miteinander zu verbinden. Dennoch:
Wie lange hatte es gebraucht, um letztlich vor diesem Gebäude zu stehen, im Angesicht der erbaulich fassbaren und unprätentiös wohltuenden Wirkung der sparsam ausgelegten Grundfläche dieser Räumlichkeit. Dessen Bemaßung und Bauart sich an den allgemein bekannten Vorstellungen der ›Huusbaa‹-Architektur orientierten, wofür er sich schon in jungen Jahren als Student der Kunstgeschichte überaus begeistert hatte. Und dass sich dann dieser Anbau wohlproportioniert gelungen hinter seinem Wohnhaus zwischen Garten und Abgrenzung zum Nachbarn als ebenso nützlich wie wirkungsvoll unaufdringlich präsentierte, kam ihm durchaus mehr als gelegen.
Lange hatte es gedauert, bis der Bau final realisiert wurde, wie der Freund Willo wiederholt zu erzählen vermochte, als er auf der Veranstaltung hin und wieder danach gefragt wurde. Oder wie die Anwesenden teilweise erahnten beziehungsweise diesen Sachverhalt zu bejahen wussten, weil der eine oder andere das eine oder andere Mal zu ihm nach Hause als Gast eingeladen wurde.
Die schmale Glastür am Kopf des Anbaus wurde von außen geöffnet und die ‚woke‘ junge Frau schlenderte mit erhobener Körperhaltung gemütlich hinein, als sei sich so zu brüsten derart folgerichtig und einleuchtend, wie andere sich an sonstiger Stelle auf Asphalt festklebten. Um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, für die eigene Sache; versteht sich! Kein Wunder, dass diese vermeintlich ‚gesteuerte‘ Wahrheit, die diese jungen Aufklärer uneigennützig vertraten, für viele besonnene Menschen wiederum absolut nicht nachvollziehbar und verlogen erschien. Der hippe Mann folgte seiner Begleitung flugs hinterher und dann weitere acht Leute inklusive der Blondine, die allesamt das Kunstwerk aus der Nähe zu betrachten wünschten. Mehr als zehn Personen fasste die kleine Halle scheinbar nicht; das wurde den Anwesenden deutlich vor Augen geführt; die Fläche füllte sich beklemmend. Einige stellten sich vorsorglich vor der Tür an, um als Nächte hineinzugelangen, denn es warteten zahlreiche Gäste, die das Innere des Anbaus in Augenschein zu nehmen gedachten.
Dann erblickten die Glücklichen, die diesen Raum betreten hatten, das eigentliche Wunder: Das große neue Ölgemälde des Künstlers ›FAYZEY‹ der nach Jahrzehnten der Abwesenheit in der Kunstszene seine eigene Reminiszenz der künstlerischen Wiederauferstehung offenbarte, die sich vermutlich an die Anfänge seiner Schaffenszeit richtete, welche sich dennoch für die Augen aller, gewaltig weiterentwickelt hatte. Ungeachtet dessen, ob man das Œuvre, die Phasen und den Lebensweg des Kunstschaffenden kannten oder nicht.
Das Bild hing nicht, wie üblich, an der einzigen langen Wand, die absolut glatt und perfekt kalkweiß verputzt worden war, sondern schwebte seltsam mitten im Raum, offenbar ohne Hilfsmittel aus sich heraus, mit Ansicht von zwei gegenüberliegenden Seiten. Dieses längliche bildähnliche Farbgebilde, wie man es nicht anders zu benennen vermochte, strahle etwas Geheimnisvolles aus und erschien unergründlich lebendig. Es bewegte sich kaum merklich und doch so minimal leicht hin und her, als wäre es im Weltraum in der Schwerelosigkeit und man hätte diese Bewegung zusätzlich verlangsamt, entgegen jeder Vernunft allgemeingültiger Physik. Allen Anwesenden verstummte der Atem und sich sahen sich nicht einmal gegenseitig an, sondern richteten ihr Augenmerk gezielt auf dieses monumentähnliche Konstrukt, das sich hinreißend bezaubern und lebendig vor ihnen erbaute. Wenn man genau hinsah, lebte die aufgetragene Masse durchaus, denn die teils leuchtenden Farben des abstrakten Bildes vermischten sich fortwährend miteinander, mit gebrochenem oder weniger intensivem Kolorit, wie ein unendlich langer weicher Fluss, der sich seinen eigenen Weg suchte. Dieser Strom mutete wie eine homogene zähflüssige Paste an, die sich langsam irgendeinem Punkt zubewegte und allmählich wieder davon wegfloss, in eine teils gegensätzliche Richtung. Die breiten Kanten des Gebildes wurden miteinbezogen, sodass die Masse sich gemächlich um sie herum windete und auf die gegenüberliegende Seite floss. Aber man erkannte nicht, was Vorder- und Rückseite sein würde, alles war eins; es gab kein vor oder rück! Und diese Wülste und Täler von Farben veränderten ihre Anmut und ihren Ausdruck ständig – wie ein kalter farbiger Lavastrom unvorhersehbar, aber wohldosiert und für das Auge schmeichelnd:
Wie das Gegenstandslose im Gewand des ewig sich kosmisch Wandelnden, das nach etwas strebt, das mehr ist als das Unkonkrete oder Unbenennbare an sich, aber weniger abweichend erscheint als das Verständliche des menschlich Vernünftigen in seiner irdischen Begrenztheit.
Und man erkannte ebenso, wie sich diese zähe Ölmasse in seinem Umfang ausdehnte und sich wieder zusammenzog, wie in einem Universum, das einem gänzlich unbekannt schien, und was man nie zuvor sich derart abzeichnend gesehen hatte. Dass es sich bei diesen Farbsubstanzen um scheinbar gewöhnliche Ölfarben handelte, wurde offenbar, denn der ganze Raum duftete herrlich nach frischem Leinöl und Orangenterpentinöl, dessen strenge Wirkung für die Nase längst verflogen war.
Der ältere Herr, der sich dieses Werk genau besah, sprach wie zu sich selbst, aber laut genug, das alle mithörten:
»Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie erinnert mich dieses Kunstwerk an den schwebenden Ball von ›Jo Ken Offs‹.«
Die Anwesenden drehten sich einvernehmlich um und begafften den Mann irritiert, wie wenn er etwas absolut Merkwürdiges ausgesprochen hätte. Er stutzte und sein Gesicht färbte sich verlegen.
»Entschuldigung, aber diese beiden Arbeiten kann man gar nicht miteinander vergleichen«, konterte die junge und beflissene Blondine.
»Wieso nicht?«, fragte der ältere Herr etwas verunsichert.
»Na, weil dieses piece von Jo Ken Offs offenbar einen gewissen Trick benutzt, um die Leute zu verunsichern«, erwiderte die Blondine, »warum der Ball schwebt und dass es nichts Magisches ist, so wie hier, sogar nur Wissenschaft, richtig?«
»Nicht magisch?«, sagte der Mann, »also ich weiß nicht, es ist doch trotzdem sehr gut gemacht und hat eine gewisse Wirkung, nicht wahr?«
»Das ist richtig«, entgegnete die junge Frau, »dennoch verfolgen beide Künstler verschiedene Ansätze, die man verstehen kann, aber wissen muss.«
Der älter Herr trat einen Schritt vor, wandte sich der jungen Frau zu und sagte:
»Oder beide Künstler wollen auf ihre Art dem Betrachter etwas Neuartiges bieten, was sie bislang in dieser Form nicht zu Gesicht bekommen haben, was sie der Irritation aussetzt, zum Nachdenken verleitet und sogar zum Fühlen anregt, richtig?«
»Richtig, da sind wir uns mal einig, der Herr!«, antwortete die junge Frau und lächelte den älteren Mann leicht süffisant an.
»In dieser Welt ist scheinbar alles möglich, wenn man kann, richtig?«, sagte der Mann.
»Absolut richtig!«, erwiderte die blonde Frau. »Langsam habe ich den Verdacht, dass wir uns verstehen!« Sie lachte vergnügt. »Übrigens: Es gibt einiges an Material, auch auf ›OutYube‹, wie sich das mit dem Objekt von Jo Ken Offs verhält. Ein besonderes Highlight ist die kurze Episode mit englischen Teenagern, aufgenommen in der ›Atet‹-Gallery, vor langer Zeit, mit dem Titel … warten Sie«, die junge Frau überlegte schnell, »ich glaube, ›3 Minute Wonder: Jo Ken Offs – Three Ball Total Equilibrium Tan‹. Sollten Sie sich anschauen, ist sehr lustig. Aber das hier, mein Herr, diese Arbeit von FAYZEY das ist etwas ganz anderes!« Sie ruhte sich kurz und befriedigt auf ihrem kleinen Vortrag aus und schmunzelte dem Mann wohlwollend zu.
»Das werde ich mir vielleicht mal ansehen«, entgegnete der älter Herr höflich, »ich denke, Sie haben recht, das hier ist scheinbar anderes. Ich muss es noch weiter auf mich wirken lassen! Vielen Dank für das kurze Gespräch.« Er lächelte und schlenderte zur gegenüberliegenden Seite des Bildes.
Das war es folglich, worum es die ganze Zeit über ging. Die Geheimnisse, das Unergründliche, das Beeindruckende, das Unaussprechliche, das Souveräne, die Absolution des ‚Machbaren‘ und des ‚Scheinbaren‘ über den bekannten wie unbekannten, sogar den ungedachten Tellerrand hinaus. Der dem Betrachter einiges abverlangte, ihn aber gleichzeitig mit Schönheit und Zuwendung für den vergessenen Teil seiner ›sehnlichimm‹-Herkunft bedachte, falls gewünscht, gar damit versöhnte. Künstler wie Kunstwerke, die sich dafür rüsteten weder angepasst noch ‚verwunschener‘ als der Mainstream zu sein, hätten hier an diesem Ort ein neues zu Hause gefunden, wenngleich sie das ihrige erledigten, sich zu behaupten und entdeckt zu werden.
Der Anfang war vollbracht, beide Freunde hatten ihren Beitrag dazu geleistet. Alle anderen und Beteiligten ebenfalls. Es war der Auftakt zu einer grandiosen Ausstellungsreihe, die als ›ArtBecham‹ in die Geschichte eingehen würde.
Die Gefühle rannten, windeten und überlagerten sich, vertieften sich ins Bodenlose, ins Unersättliche, und ploppten wieder wie unsinkbares Gedankengut an die Oberfläche des braunen Schellacks. Dessen Geruch mich zweckgebunden aber penetrant traktierte, Schwindel verursachte, bis zur nahenden Ohnmacht einen trieb, dass ich vor Aufregung Herzklopfen bekam. Trotzdem raste ich vor Eifersucht, gemütlich gleichgültig zwar, aber zugegebenermaßen bewusst. Es lag an der Zeit!
An nächsten Morgen klingelte es früh an der Haustür. Ich stolperte schlaftrunken nach unten, um zu sehen, wer es war. Zu meiner großen Überraschung stand Freund Willo vor der Tür.
»Ähm … ja, sorry für die Störung, aber ich war auf dem Weg in die Stadt. Mir fiel noch was Wichtiges auf, bezüglich der Einladungskarte. Das sollten wir kurz besprechen, damit ich das final in den Druck geben kann.«
»Okay, dann komm mal rein Willo … aber echt, so früh?«
»Sorry.«
Wir schlurften hoch und ich bemühte mich instinktiv in Richtung Badezimmer.
»Geh schon mal vor Willo, bin gleich zurück.«
»Gut!«
Ich wusch mir das Gesicht und zupfte mit den Fingern meine Haare schnell zurecht. Dann schlenderte ich zurück zu Willo und gleich auf die Kaffeemaschine zu.
»Willst du auch einen?«, fragte ich.
»Ja gern.«
Ich machte uns beiden einen leckeren Kaffee und wir setzten uns an den langen Tisch. Willo zeigte mir die Liste, die noch abgearbeitet werden musste, aber vor allem die Einladungskarte, weswegen er scheinbar gekommen war, die kleine Fehler enthielt.
»Soll ich das schnell abändern, oder kann das der Drucker machen?«, fragte ich.
»Ich denke, dass der Drucker das machen kann. Ich muss gleich weiter, denn es gibt noch einiges zu tun, bevor wir unsere große Eröffnung haben, du weißt schon.«
Ich merkte Willo an, dass er unter Druck stand, und das er nervös zu sein schien.
»Ach, mach dich locker, das kriegen wir schon hin«, sagte ich, in der Hoffnung, ihn damit etwas zu aufzuheitern.
»Ja, weißt du«, begann Willo, »das ist schon alles ziemlich stressig. Wir müssen deine Arbeit in der Halle noch richtig positionieren, dafür brauchen wir Hilfe. Dann müssen wir die Weine aussuchen, und wir müssen…«
Plötzlich und ohne Vorwarnung schlenderte die beflissene junge Blondine, die gar nicht so jung war, wie sie aussah, meine Geliebte ›Teffis‹, halbnackt, wie sie gerade dem Bett entsprungen war, ins Zimmer und Willo verstummte, als hätte er sich verschluckt. Sie gähnte genüsslich und schaute in unsere Richtung.
»Hey Willo, was machst du denn so früh am Morgen hier«, sagte sie überrascht.
»Wieso bist du schon auf Tefs?«, fragte ich. »Leg dich doch wieder hin.«
»Ja gleich, wollte nur sehen, wer so früh geklingelt hat«, sagte sie.
»Jetzt siehst du’s«, betonte ich amüsiert.
Willo war versteinert, als hätte er einen Geist gesehen und schien mehr als überrascht, Teffis bei mir anzutreffen. Obwohl er wusste, dass sie meine Geliebte war.
»Ähm … ich war gerade auf dem Weg in die Stadt, also …«, stammelte er in Tefs Richtung, ohne sie dabei anzusehen. »Ich dachte, dass wir uns in deinem Laden treffen, wollte doch…«
»Richtig! Hatte ich nicht vergessen. Deswegen wollte ich dich auch schon anrufen«, sagte Tefs, »aber wir hatten gestern Abend kleines Gelage hier, und dann ist es spät geworden und ich habe es nicht mehr zu mir nach Hause geschafft, weiß du?«
»Aha«, sagte Willo und senkte den Kopf. Man sah ihm seine Enttäuschung an.
»Wir können uns später treffen, wenn du willst«, sagte Tefs, »vielleicht zum Mittagessen, ich wollte sowieso etwas mit dir besprechen.«
Ich schaute beide an und war mir sicher, dass etwas Seltsames im Gange war. Irgendetwas passierte da … aber egal, ich war froher Dinge wegen unserer großen Eröffnung, dass ich derart gute Laune hatte, die ich mir nicht nehmen ließ.
»Ich weiß ja nicht, was ihr beiden Hünschen so Wichtiges miteinander zu besprechen habt«, sagte ich, »aber ich für meinen Teil geh mich jetzt anziehen und mache mein morgendliches Walking. Dann könnt ihr euch in Ruhe aussprechen.« Ich wandte mich wieder Willo zu, der nach wie vor ein trübes Gesicht zog.
»Wir beide waren hier fertig, oder?«, fragte ich.
»Ja«, sagte Willo mit belegter Stimme.
»Lass uns später telefonieren«, sagte ich zu Willo, »wegen dem ganzen Gefummels, du weist schon« und kniepte ihm schmunzelnd zu. Ich gab Tefs beim Hinausgehen einen Kuss auf die Wange und schlenderte ins Schlafzimmer, um mich umzuziehen.
Kaum betrat ich den unteren Teil des Flurs, da lief ich schon mit den verschmutzen Sneakern über den Steinboden, der frisch geputzt worden war.
»Ach, ach«, klagte die Putzfrau, die just in dem Moment aus der Waschküche hervorkam. »Wo laufen Sie denn jetzt durch. Ich habe gerade den Boden schön gewischt! Da schauen Sie mal!«
Ich blieb stehen, drehte mich um und besah die hässlichen Abdrücke, die ich hinterlassen hatte.
»Wischen Sie doch alles nochmal durch«, sagte ich, »dann sieht’s wieder aus wie neu.«
Die Putzfrau beäugte mich kritisch. »Oder so … kann ich machen«!, sagte sie und schwang den Mob. Ich verabschiedete mich freundlich von ihr, steckte mir die Kopfhörer ins Ohr und ging walken.
— Raum 070125310726 —
Raum der Verwandtschaft
Ich lief und rannte, so lange und so schnell, bis ich nicht mehr vernahm, wo ich mich im nächsten Augenblick aufhielt. Es fühlte sich sonderbar an, wie wenn ich mir erzwungenermaßen einbildete, dass ich vor der vorletzten elterlichen Wohnung überraschenderweise zum Stillstand kam, welche mir zu keiner Zeit sonderlich gefiel, solange ich mich jemals daran zu erinnern vermochte. Nicht nur wegen ihrer Beengtheit und der Piefigkeit, die sie ausstrahlte, und ich sie überdies dafür hasste, weil diese Behausung kein eigenes Zimmer für mich bereithielt. Sondern vielmehr aus dem gewichtigen Grund, weil diese Wohnstätte uns als Familie, und mich hauptsächlich, an einen gesellschaftlichen Rand der Abgeschiedenheit und des Ausgestoßenseins einst befördert hatte. Mit dem ich mich im weiteren Fortgang meines jungen Lebens mit vielzähligen Unannehmlichkeiten und großer Scham konfrontiert sah.
»Das aber ist eine andere lohnenswerte Geschichte, die an gesonderter Stelle ausführlicher erzählt werden würde«, sprach ich leise und knüpfte einen losen Gedankenknoten, um nicht zu vergessen, in einem zukünftigen Moment mich wieder daran zu erinnern, über jenen Umstand der ‚Verwicklung von Ereignissen‘ intensiver nachzudenken.
So stand ich vor diesem Mehrfamilienmietshaus und begutachtete die Tristesse der öden graubraunen Fassade, die ihre frisch verputzte und mittelmäßige Ansehnlichkeit längst hinter sich gelassen hatte. Ich bemerkte, dass ich schon eine lange Zeit dort nicht mehr verweilt hatte, warum auch?, und dass unsere Wohnung vermutlich leer stehen würde.
»Wer würde dort schon einziehen«, flüsterte ich in mich hinein. In diese Beengtheit, Unzufriedenheit und letztlicher Missgunst einer unerwünschten Lebenszeit, die alles Erfreuliche, was unter Umständen aufzukommen vermochte, garantiert wie lieblos unglücklich beiseite drängte.
Ich war nicht von Entdecker-Neugier erfüllt und so betrat ich lustlos das Treppenhaus, durch eine Eingangstür, für die ich keinen Schlüssel benötigte. Es hatte sich allerhand Post für uns, im speziellen für mich, im Flur angesammelt. Ich bückte mich zum schmuddeligen Steinboden hinunter und betrachtete die zahllosen Umschläge, die dort verstreut herumlagen. Es waren viele Briefe dabei, auf die ich gewiss nicht wartete, und welche, auf die ich unbedingt und gerne verzichtet hätte, die mir ebenso Angst wie teils schlechtes Gewissen bereiteten. Ein größeres Päckchen hingegen erregte spontan meine Aufmerksamkeit. Darin war in Zeitungspapier ein selbstgebackenes knusprig braunes Bauernbrot eingewickelt. Diese Art von Post würde ich dagegen am besten gebrauchen und freute mich darüber. An einem der länglichen Ränder des Papiers stand handgeschrieben: ›für den ewig Hungrigen, von Mary‹.
Ich ersann mir keinen Reim darauf und grübelte angestrengt, wer diese Mary sein würde? Ich überlegte weiter, aber ich erkannte keinen Sinn dahinter, erst recht erinnerte ich mich nicht an eine Person mit diesem Namen, der ich vermutlich einmal begegnet war. Wann und wo auch immer, und zu welchem Abenteuer, wer ahnte schon irgendetwas?
Schlagartig wurde die Haustür aufgerissen und ein adrett wirkender junger Mann in Begleitung von ebenso zwei reizend geschmückten jungen Frauen mit langen Haaren stürmten in den Eingangsbereich. Die jungen Leute waren voller Lebensfreude. Sie lachten vergnügt und warfen sich gegenseitig innige Blicke zu, um die ich sie fast beneidete. Der junge Mann, der mir seltsam vertraut erschien, wie ein ehemaliger Nachbarsjunge, der zwischenzeitlich das Erwachsenenalter erreicht hatte, lächelte mich an, als würde er mich erkennen. Dann öffnete er die hölzerne Kellertür, deren Lack spröde brüchig teilweise unschön abgeblättert war, und purzelte sich und seinen wuchtigen Körper lauthals vor Vergnügen die steinernen Treppen hinunter. Er blieb unten auf dem Rücken liegen und amüsierte sich köstlich über seinen eigenen ‚Stunt‘. Ich hatte große Bedenken hinunterzugehen, denn der dreckige und von Kohlenruß dunkel verstaubte Kellerboden erschien mir nicht einladend. Es bereitete mir eher Unbehagen und unliebsame Erinnerungen an eine Lebensphase, die ich längst verdrängt hatte, und die ich um keinen Preis wieder aufleben lassen würde. Ich packte schnell die Briefe vom Boden zusammen und eilte hinauf in den ersten Stock. Ich öffnete die Tür zur ehemaligen Wohnung der Eltern und schritt hinein.
Ich erwartete, dort niemanden anzutreffen, denn soweit ich mich erinnerte, waren meine Eltern schon vor langer Zeit weggezogen und vermutlich später verstorben. Ich öffnete eine weitere Tür und gelangte in die viel zu enge Küche. Zu meinem großen Erstaunen sah ich eine Frau in einem hellblauen Jeanshemd mit passendem Unterteil, mit blonden Haaren im Pagenschnitt, die mit dem Rücken zu mir stand und irgendetwas in der Küche hantierte. Just in diesem Moment drehte sie sich rasch um, wie jemand, der sich erschrocken ertappt fühlt, und ihr Gesicht errötete leicht vor Verlegenheit. Ich erkannte in dieser Person meine ältere Stiefschwester ›Eluş‹, die mir weinend mit offenen Armen flugs entgegensprang. Ich hatte sie viele Jahre nicht gesehen und sie war immer noch eine jugendlich wirkende Frau mittleren Alters, die mich fest umarmte, und sie sagte:
»Es tut mir so leid, dass ich mich nicht schon früher gemeldet habe.«
Ich erwiderte ihre Umarmung und fing ebenfalls an zu weinen. Ich sagte:
»Ist schon okay ›Eluş‹, ich hätte mich auch melden können, aber ich vergebe dir!« Wir betrauerten gemeinsam den möglichen Tod unserer Mutter und sprachen nicht weiter miteinander.
Ich vernahm mich mit einem Ruck in einem anderen Raum und hatte diese unwürdige Wohnung scheinbar schon verlassen. Ich hörte uns beide dennoch weiterhin schluchzen, wie ein Restecho in der Ferne, das verhalten leiser wurde, bis dieses traurige Gefühl der Erinnerung irgendwann im Laufe des Tages verschwand.
Viele Viele Jahre später, überbrachte mir Großcousine ›Aylüh‹, eine Nichte zweiten Grades und die Tochter einer meiner Cousinen, die Nachricht vom Tod von Eluş. Aylüh sah sich bedrängt, mir Informationen zukommen zu lassen, die mir unter Umständen verwert geblieben wären, hätte ich nicht durch Eigeninteresse über einen alten Bekannten in meinem Namen bei ihr nachfragen lassen. Denn eines Tages überkam mich ein nicht zu vernachlässigender Impuls, dass ich in der alten Heimat bezüglich der Verwandtschaft nachzuforschen hätte, weil ich vermutete, dass die Mutter verstorben war und die Stiefschwester mir nicht Bescheid gesagt hatte.
Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund war ich auf schlechte Nachrichten innerlich vorbereitet und dementsprechend nicht sonderlich überrascht. Denn ich trug diesen Zweifel längst mit mir herum, glaubte ihn dennoch kaum, als es sich bewahrheitete. Stets hatten Freunde versucht, mich dahingehend zu beruhigen, »dass man Bescheid bekommt, wenn jemand aus der Verwandtschaft stirbt, auch wenn man keinen Kontakt zu dieser Person hatte.« Trotzdem erfasste meinen Körper im Vorfeld eines späteren Schriftwechsels mit der Großcousine eine seltsame und ungute Aufgeregtheit, und mich überfiel heftiges Herzklopfen, das mich in eine Laune der Unkontrolliertheit versetzte. Denn ich ahnte bereits oder hatte von irgendwoher gehört, vielleicht von Aylüh selbst, dass es um die Gesundheit von Eluş die ganzen Jahre nicht gut gestellt war, unabhängig vom Verbleib und dem gesundheitlichen Zustand der gemeinsamen Mutter.
»Sie hat lange und tapfer gekämpft«, sagte Aylüh. »Aber am Ende hat die Krankheit leider gesiegt. Wir waren selbst überrascht, dass sie plötzlich starb. Ich hatte gehofft, dass sie wieder gesund werden würde. Eluş hatte das ebenfalls gedacht.«
»Und das rechtfertigt ihr Verhalten, den Tod meiner Mutter und der Tante mir zu verheimlichen?«
Aylüh antwortete: »Niemand hat dir etwas verheimlicht, du warst ja gar nicht da. Die Tante hat sich um deine Mutter gekümmert, bis sie starb; am Tag ihres Todes hat sie ihr noch das Frühstück serviert. Dann ist sie an einem Herzversagen gestorben. Deine Mutter ist zwanzig Tage später ebenfalls verstorben; sie litt an Demenz.«
Ich schrieb zurück: »Wie, ich war ja nicht da? Deshalb verständigt man ja die Angehörigen, damit sie vielleicht kommen können oder damit man gemeinsam überlegen kann, was zu tun ist.«
»Sie ist mitten in der großen Krise verstorben«, sagte Aylüh, »wir konnten nicht einmal eine Trauerfeier abhalten; außerdem – denk mal zurück: Wann hast du das letzte Mal mit deiner Mutter gesprochen? Na ja, du hast keinen Grund, mir Vorwürfe zu machen, ich bin jedenfalls zu beiden gerannt, aber es war niemand da; Vorwürfe zu machen ist immer einfacher. Ich wünsche dir alles Gute.«
Nach dieser Antwort der Großcousine sah ich mich gezwungen, einen langen Text zu verfassen, indem ich ihr, der Gerechtigkeit halber, ebenfalls meinen Standpunkt mit bestem Wissen und Gewissen zu übermitteln versuchte. Doch es half weder, meine Sicht der langjährigen und traurigen Ereignisse ihr nahezubringen, noch, dass sie Einsicht und Verständnis für meine Person aufbrachte. Sie schrieb stattdessen:
»Also, ich möchte wissen, wo ich stehe und womit ich es zu tun habe. Ich fasse es dir kurz zusammen: Du hast Eluş vermutlich seit etwa fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen oder gesprochen. Die letzten sieben Jahre hat sie gegen ihre Krankheit gekämpft. Während der gesamten Behandlung habe ich mein Zuhause für sie geöffnet. Sie kam zu uns nach Hause nach ihren Behandlungen – sei es nach der Bestrahlung oder Chemotherapie. Sie hat in einem Zimmer meiner Wohnung gewohnt, in der auch mein Kind lebt. Mein Mann und ich haben uns um sie gekümmert. Das ist für uns selbstverständlich gewesen. Später reichte ihr Geld nicht mehr für die Medikamente. Ich habe ohne zu zögern gesagt, dass ich sie kaufe. Und es dauert Monate, bis das Gesundheitsministerium über die Erstattung entscheidet. Bis heute laufen drei getrennte Gerichtsverfahren dazu. Und trotz all dem hat sie gegenüber allen gesagt: ›alles, was ich habe, gehört Aylüh!‹ Ich habe dafür auch mehrere Zeugen. Doch da sie nicht damit gerechnet hat, bald zu sterben, hat sie das leider nicht schriftlich festgehalten. Und was ist mit meinem Recht? Wird dein Gewissen es zulassen, das Erbe deiner Schwester anzunehmen, mit der du keinen Kontakt hattest, während ich sie über Jahre hinweg gepflegt und begleitet habe? Ich habe mit euren früheren familiären Konflikten nichts zu tun. Ich möchte einfach nur wissen, womit ich es zu tun habe.«
Ich wusste nicht, wie mir geschah und erlaubte mir, ihr Geschriebenes erst einmal sacken zu lassen. Ich hielt Aylüh und ihre Familie immer hoch, da ich mich gerne daran erinnerte, wie ihre Eltern – meine Cousine und ihr Mann, ebenfalls Aylüh und ihr Bruder – mir bei einer wichtigen Unternehmung in der alten Heimat behilflich waren. Doch Aylühs Darlegungen entzogen sich, trotz des nachvollziehbar formalen Anspruchs und der Emotionalität, die dahinter unterschwellig mitschwang, dennoch meiner Auffassung von Recht und Gerechtigkeit. So ‚verdreht‘ hatte ich meine Großcousine, bei allem Respekt, nicht in Erinnerung behalten und ihre Haltung stieß meinem Verständnis von Familienzugehörigkeit und angemessenem Verhalten in einer solchen Situation gegen Kopf und Kragen. Ich empfand Aylühs ‚Ich-Ich-Ich-mein-Recht‘-Ausführungen wie die einer voreingenommenen Richterin, die im Vorfeld wie im Nachgang den ‚unwürdigen Bruder‘ mit eigenem Recht ‚in Abwesenheit‘ zu verurteilen vermochte. Und ihn letztlich mit unbedachtem Sprech maßgeblich so abzubügeln, damit gar keine weiteren, wenn auch nur leise Zweifel, an ihrer eigenen Integrität aufkommen würden.
Wir haben seitdem keinen Kontakt miteinander und ich jage seit einiger Zeit einem ‚Phontom-Erbe‘ hinterher, den ich nicht gewollt habe, und der sein facettenreiches Gesicht in allen Grauschattierungen der aufgeladenen ‚Anti-Energie‘ mit Tücke mit Bravour vorzutäuschen vermag.
Wer würde nicht gerne Teil einer solchen Familie sein, die diese Themen in einem nächsten Leben besonnener, gar wohlwollender und mit Würde behandelte?
Ich würdige alle Beteiligten für ihre geformte Absicht, ehre was zu vergeben ist, und übergebe alles Weitere ihrer liebevollen Obhut!
— Raum xx24220726 —
Der komische Mann
Der fremde Mann war aufmerksam und sagte:
»Vertrauen Sie mir, ich werde Ihnen den rechten Weg schon zeigen!«
»Aber wohin?«, fragte ich.
»Sie ahnen es sicher, mein Herr«, erwiderte der Mann.
Er war höflich und schien davon überzeugt, dass er genau wusste, dass ich ebenfalls wissen würde, worüber er sprach.
»Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen«, sagte ich.
Ich war irritiert und hegte insgeheim die größtmögliche Hoffnung, dass er – dieser komische Mann – mich lieber in Ruhe ließe. Ich kannte ihn nicht und hatte geradeso kein gesteigertes Interesse auf dieses unnötige Frage-und-Antwort-Spiel der sonderbaren Art, bei dem ohnehin nichts Wertvolles herauskommt – meistens nicht. Und außerdem: Wie würde er mich denn ‚aus der Reserve locken‘, wenn ich in Wirklichkeit und beim besten Willen nicht ahnte, worüber er sprach. Das alles ergab keinen Sinn!
»Soso, jetzt will er auf einmal nichts mehr wissen«, sagte der Mann.
Ich sah ihm an, dass er innerlich amüsiert schien und dass er sich schon fast über mich belustigte, denn sein Gesichtsausdruck mit diesem überheblich süffisanten Schmunzeln sprach Bände. Wie jemand, der sich überlegen wähnte, von oben herab, irgendetwas, was immer es sein würde, stets besser zu wissen. Das kratze an meinem Ego und ich sagte:
»Das reicht jetzt! Wenn Sie nicht augenblicklich aufhören …«
»Ich fange doch gerade erst an«, unterbrach der Mann, fast wie ein Versprechen.
Ich ballte instinktiv die rechte Hand zu einer harten Faust zusammen und streckte sie wie eine Drohgebärde in die Luft, um meiner festen Entschlossenheit ernsthaften Ausdruck zu verleihen. Wenngleich diese Reaktion durchaus etwas übertrieben war, egal! Denn irgendwann ist Schluss mit lustig! Dieser Mann beanspruchte meine Nerven enorm.
»Jetzt beruhigen Sie sich bitte, ist doch nichts Schlimmes passiert«, sagte der Mann freundlich. »Es ist alles gut! Haben Sie etwas Geduld.«
Und nach einer kleinen Pause, in der er sich selbst die Zeit gab und mir ebenso, dass ich mich, aller Aufregung zum Trotz, innerlich sammelte und beruhigte, fuhr er fort:
»Nun zeige ich ihnen endlich den rechten Weg.«
Er sagte dies mit einer so sanften und überzeugenden Stimme, dass er mir jenen kräftigen Wind aus den Segeln nahm, auf den ich so sehnsüchtig wartete. Der fast im Anflug war, und der mich endlich forttragen würde. Weit weg von diesem komischen Mann, dem ich nie zu begegnen gewillt war. Ich erinnerte mich bei aller Anstrengung nicht daran, dass ich mir eine so komische Zusammenkunft jemals gewünscht hatte. Warum auch, was würde mir das schon bringen? Ich grübelte weiter:
Aber, mal im Ernst, was sprach dagegen, dieser Sache eine Chance zu geben, dachte ich; was würde schon passieren? Demzufolge verhielt ich mich, als würde ich klein beigeben und sinnierte: Na ja, der Klügere gibt nach, nicht wahr?
»Na gut, dann zeigen Sie endlich her«, sagte ich, »dann haben wir das hinter uns.«
»Dann kommen Sie bitte mit!«, erwiderte er.
Er forderte mich mit einer höflichen Handgeste auf, dass ich voranginge.
»Nein, nein«, sagte ich, »schreiten Sie gerne voraus, Sie kennen ja den Weg!«
»Also schön, dann gehen wir eben nebeneinander her, bis wir unser Ziel erreicht haben«, sagte der Mann.
Und wir begaben uns auf den Weg. Wir wanderten eine ganze Weile in der Dunkelheit durch verlassene Straßen und Höfe, die mir seltsam vertraut erschienen. Und wir schritten über dunkle Wiesen und Täler, entlang an einem Meer, in dessen leichtem Wellengang Funkenteilchen wie kleine Perlen im zarten Mondlicht abwechselnd strahlend und glitzernd aufblitzten. Wir bewegten uns am Tage über trockene, aber fruchtbare Böden, auf denen an manchen Stellen prächtig große Feigenbäume wuchsen, deren Früchte so reif erschienen, dass sie beinah von selbst abfielen. All das kam mir sonderbar bekannt vor, als würde ich mich in gewisser Hinsicht an meine Kindheit erinnert fühlen. Aber sicher war ich mir nicht, und so kümmerte ich mich nicht weiter darum, denn jetzt war ich erwartungsvoll genug, um zu erfahren, wohin wir marschierten und was das Ganze zu bedeuten hatte.
Wir schwebten förmlich durch helle wie dunkle Röhren, so lange, bis wir am Ende des Tunnels Licht sahen. Wir sausten durch sie hindurch und streiften sodann über seltsames Terrain, durch hohe Hügel und weite Täler, ohne uns zu unterhalten. Und ich erinnere mich im Nachhinein nicht mehr, wie lange dieser Weg andauerte, aber unvermutet und ohne jedes Anzeichen einer möglichen Ankunft, standen wir vor einem gewaltigen und großen Tor: So mächtig und schwer, dass ich kaum wagte, mir vorzustellen, welche enorme Kraft dieses riesig in die Höhe ragende Pforte dort hingestellt hatte, geschweige denn hätte sie je zu öffnen vermocht.
»So, da sind wir nun«, sagte der Mann.
Er deutete auf das kolossal massive Portal, das niemand in tausend Jahren scheinbar geöffnet hatte, so dachte ich spontan. Es war kaum vorstellbar, welch große Tatkraft gar Energie dies bewerkstelligen würde. Dennoch, Tor hin oder her, ich war nicht überzeugt und sagte:
»Das hätte ich mir ja denken können! Da laufen wir so lange kreuz und quer, auf und ab, bis wir an einen Eingang kommen, den Niemand zu öffnen vermag. Und wozu? Damit man nicht hineingehen kann, dann bitterenttäuscht zurückbleibt und dumm aus der Wäsche guckt? Ich versteh’ beim besten Willen nicht, was das soll!?«
»Können Sie sich nicht erinnern?«, fragte der Mann.
»Nein, kann ich nicht!«, erwiderte ich schroff. Was in Gottes Namen hätte ich meinem überstrapazierten und müden Geist schlechthin abverlangt? Ich hatte ohnehin keine Ahnung, wo wir waren und worauf das Ganze hinauslief. Und auf einmal überkam mich das eigenartige Gefühl, dass ich einem Betrüger denkbar aufgesessen war? Der meine Wenigkeit hier an Ort und Stelle mit Leichtigkeit ausgeraubt hätte, oder Schlimmeres sogar, wer weiß? Dieses ‚Schlimmere‘ stellte ich mir lieber doch nicht so genau vor.
Aber ehrlich gesagt, sah dieser alte komische Mann bei aller Unvernunft nicht danach aus, dass er einen von den kaum vorhandenen Habseligkeiten befreite. Und ich hatte mittlerweile Hunger und war extrem müde von der langen Wanderschaft.
»Gut, dann zeige ich es Ihnen jetzt!«, sagte der komische Mann.
Endlich! Wäre ich in diesem Moment ein riesig aufgeblasener roter Ballon, wäre ich vor Neugier so heftig geplatzt, dass man die tausend Teile des zerfledderten Gummis nicht wiederfinden würde. Sie verstreuten sich förmlich und unauffindbar in alle Himmelsrichtungen, so schockierend sensationssüchtig war ich. So wartete ich ungeduldig wie ein kleines Kind.
Der komische Mann trat entspannt und mit vornehmer Körperhaltung geduldig vor das gewaltige Tor, hob seine Arme langsam in die Luft empor und vollzog mit seinen Händen eine sanfte Wischbewegung von der Mitte aus nach links und rechts gleichzeitig. Zu meiner allergrößten Verwunderung und Faszination schoben sich die beiden schweren Flügel dieses gewaltig massiven Portals so leicht und geräuschlos beiseite, als wären sie wie die luftigsten und senkrecht in der Luft stehenden Federn, die man je gesehen hatte. Ein Hauch von Nichts, als hätte jemand etwas Atemluft gegen sie gepustet, um sie flauschig zur Seite zu wehen, spielerisch leicht und gänzlich ohne Mühe.
Reine Freude zeichnete sich im Gesicht des Herrn ab, wie man es sonst selten sieht, wie eine vollkommene Glückseligkeit an sich, präsentierte der ‚komische‘ Mann mir das, was hinter dem Tor zum Vorschein kam.
»Da schauen Sie«, sagte der Mann, »habe ich Ihnen zu viel versprochen?«
Er trat einige Schritte zur Seite und räumte mir Platz ein, obwohl unendlicher Raum um uns herum vorhanden war, damit ich das ganze Bild, das sich vor unseren Augen entfalten würde, erfasste.
Und das, was ich sah, war so aufsehenerregend, faszinierend herrlich und wundersam gewaltig, prächtig im Volumen, so körperlich wuchtig und lieblich zart zugleich, dass ich es in seiner multidimensionalen Ganzheit nicht auf einmal zu erfassen vermochte. Weil so viele Details das ganze Bild dieser ‚Erscheinung‘ ausmachten und in leicht pulsierender und rhythmischer Bewegung kontinuierlich formten und veränderten:
Diese Millionen von in allen nur erdenklichen Größen strahlenden Lichter, Nebel und Schleier mit ihren extravaganten Farben, deren Farbspektren mir als etwas absolut Neuartiges erschienen. Und diese angenehm schwerelosen und harmonischen Auf- und Abbewegungen der verschiedenen halbtransparenten Volumina, die in ihren komplexen Schwingungsmuster wie in extremster Zeitlupe wiedergegeben wurden. Sodass man unendliche Zeit dieser Welt, die Zeitspanne ganzer Galaxien, sogar des ganzen Universums und beachtlich mehr benötigte, um diese Transformation in ihrer Gesamtheit als mögliches Rätsel zu durchdringen. Oder eben nicht!
Das, was ich in diesem Moment erblickte, das sich zeitlich so anfühlte wie eine unendliche Ewigkeit, die ich dort stand, verweilte und alles um mich herum vergaß, war geheimnisvoll und umwerfend in ihrer ganzen Herrlichkeit. In Hülle und Fülle, so vollkommen und befreiend, ganzheitlich erfüllend und erlösend, wie nur etwas so überwältigend und hinreißend von göttlicher Gestalt sein würde. Wundersam in seinen Ausmaßen, unverwundbar und betörend zugleich. Ich hatte nie zuvor so etwas derartig harmonisch Formvollendetes oder Vergleichbares gesehen, geschweige denn, mir vorzustellen gewagt, dass so etwas ‚Übernatürliches‘ jemals existierte. Ich dachte, dass alles Fantastische, was ich bislang in gewissen Science-Fiction und utopischen Filmen sah, das visuell beeindruckend zu sein schien, bei weitem und annähernd nicht an das heranreichte, was sich vor meinen Augen mit Leichtigkeit ausbreitete. Und ich hoffte, mich daran nicht genug sattzusehen.
Niemand außer mir hatte so etwas Wunderbares zuvor gesehen, dachte ich gutgläubig, wie ich war. Ich war so tief gerührt, dass ich nur beiläufig bemerkte, dass Tränen der Freude über meine Wangen rollten. Hätte ich mich in diesem Moment von außenstehend selbst zu betrachten gewünscht, so wäre ich höchstwahrscheinlich einem kleinen Jungen begegnet, der mit großen leuchtenden Augen und mit staunendem Mund jenes Wunder in seiner eigenen Glückseligkeit zu erfassen versucht hätte. Während strahlende Tränen der Freude, Hingabe und Liebe, und sogar die der Erlösung, sich in ihm erbauten und gleichzeitig Erinnerungen an ewige Trauer ebenso von ihm abfielen. Wie eine Befreiung von ‚allem‘, nach der man sich so lange Zeit gesehnt hatte.
Aber ich war kein kleiner Junge mehr. Ich war jemand, der jenseits seiner sechzig Jahre weiterhin nach Sinn und erfüllender Tätigkeit in seinem Dasein suchte, um diese ‚Phantastik des Lebens‘ in seinen Grundzügen und vieles andere darüber hinaus zu meistern beabsichtigte. So nützlich, wie es eben für mich sein würde und ebenso nicht bereit sein würde, aufzugeben, obwohl mir schon des Öfteren danach zumute war.
»Und? Erinnern Sie sich jetzt?«, fragte der Mann. »Sie standen schon einmal hier.«
»Nein, ich kann mich wirklich nicht erinnern«, erwiderte ich und fragte:
»Aber warum würde man sich an so etwas Schönes nicht erinnern wollen oder können, wenn man es schon kannte?«
»Nur weil einem etwas vertraut erscheint, bedeutet das nicht, das man es erkennt«, sagte der Mann und ergänzte:
»Wir müssen vergessen, damit wir uns erinnern. Das ist die Wahl, die wir immer haben. ‚Der unendliche Kreis‘, der nirgends anfängt und nirgendwo aufhört, wie die Ewigkeit, die nicht zu erfassen ist. Und wenn wir uns zweifelsohne nicht mehr erinnern, hat es den Grund, dass dies längst so entschieden wurde, verstehen Sie?«
Nein, ich verstand in dieser Situation nichts, denn ich war wie benommen und erfüllt zugleich; von jenem Anblick, der sich unmittelbar vor meinen Augen unbegreiflich entfaltete. Aber sei’s drum, ich würde ja Antworten von diesem Mann bekommen, so hoffte ich zumindest, damit ich all diese Vorgänge, die mich angenehm überwältigten wie noch mehr überforderten, besser einsortierte.
»Was habe ich denn damals gemacht, als ich hier schon einmal stand?«, fragte ich den Mann.
»Sie sind nicht weitergegangen. Es war noch nicht ihre Zeit, dies zu tun!«, antwortete er und lächelte gütig.
»Das ist aber sehr schade. Dabei ist hinter diesem Tor, bestimmt noch mehr als nur ‚der rechte Weg‘.«
»Wieso ‚der rechte Weg‘?«, fragte der komische Mann erstaunt.
»Sie sagten doch, dass Sie mir ‚den rechten Weg‘ zeigen wollten, deswegen sind wir doch hier, oder?«
Der komische Mann verfiel augenblicklich in ein beherztes und schallend lautes Gelächter, sodass mich ein seltsames und peinlich berührtes Gefühl der Unwissenheit durchfuhr. Wie wenn ich etwas dermaßen Falsches gesagt hatte und das Ausgesprochene nicht mehr zurückzunehmen war, als wäre die Rückholgarantie längst erloschen.
Er antwortete mit einer so freundlichen und sanften Stimme, die ich so zuvor von ihm nicht vernommen hatte:
»Nein, mein lieber F., ich wollte Ihnen ‚den lichten Weg‘ aufzeigen und nicht den ‚rechten‘. Da haben Sie mich aber gründlich missverstanden!«
»Aber Sie sagten doch … irgendetwas von ‚rechten Weg‘ zeigen …«, stammelte ich.
»Man hört manchmal ‚nur das‘, was man hören möchte, lieber F.«, sagte er geduldig.
Für einen Moment der Unendlichkeit, in der ich so perplex war und dass sich für mich so anfühlte wie die vielen fatalen und unnötigen Versprecher aus vierzehnhundertvierundsiebzig langen Leben zuvor, fragte ich ihn:
»Sagen Sie mal, wer sind Sie eigentlich? Ich weiß immer noch nicht ihren Namen.«
»Ich bin der kosmische Mann oder der kosmische Bote, je nachdem, was ihnen leichter fällt, mich zu benennen«, sagte der Mann und ergänzte:
»Und ich bin auch dein ‚Guide‘ und immer für dich da, lieber F., egal wann und wo immer du mich brauchst.«
Genau nach diesen Worten löste sich der kosmische Mann auf, wie ein Nebel, der sich relativ schnell verflüchtigte oder wie eine Gestalt, die sich anschickte, zum Licht oder sogar seiner vornehmlichen Bestimmung zurückzukehren. Trotz der Verwunderung und dem Gefühl vom Verlust seiner Anwesenheit empfand ich diesen Moment als angenehm und warm, lichterfüllt und voller Liebe; es war wunderbar, wie nie etwas anderes zuvor, das ich derart erfahren hatte! So erinnere ich mich immer wieder gerne daran.
Ich verweilte eine ganze Weile dort und verdaute das Erlebte wie jemand, der im Begriff stand, absolut strahlendes Neuland zu entdecken. Zumindest dachte ich darüber nach, wie weit ich schon gegangen war, mich verwirklicht hatte, und wie weit ich bestrebt wäre, meinen Weg weiterzugehen. Ich stand vor diesem Tor mit der sagenhaften Aussicht dahinter und überlegte, was als Nächstes passieren würde.
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Respekt!
Mein Vater, Der liebe Spirit hab’ ihn selig!, der zu Lebzeiten in gewissen Situationen stur, an anderer Stelle tradiert und in mancher Hinsicht unnötigen Vorurteilen aufgesessen war, wie ich fand, hielt unbedingt auf Biegen und Brechen an den Grundsätzen seiner eigenen Erziehung fest. Weil er scheinbar nicht erkannte, dass man seinen Sohn mit den überholten erzieherischen Methoden nicht zu traktieren vermochte. Und dennoch hatte er am Ende, kurz vor seinem Tod, mir gegenüber offen und ehrlich eingestanden:
»Ja, du hast recht, es kann nur so funktionieren!«
Damit hat er mich darin bestärkt, dass ich nach jeder so kleinen Auseinandersetzung mit ihm öfters beteuerte:
»Schau Baba, es kann nicht sein, dass diese ‚Sache mit dem Respekt‘ nur von unten nach oben geht! Das nur die Jüngeren den Älteren gegenüber Respekt zollen müssen und umgekehrt nicht. Ich finde das nicht in Ordnung so! Ich küsse nicht die Hand der Großeltern und lege diese dann an meine Stirn, wenngleich sie die gleiche Geste bei mir nicht vollziehen! Tradition hin oder her, ist das etwa nicht respektlos? Ich denke, dass die Älteren nach unten hin, zu den Jüngeren, Respekt zeigen beziehungsweise uns Kinder und Heranwachsende respektvoll behandeln sollten, auf Augenhöhe, wie man das so sagen würde. Das mit dem Respekt ist keine Einbahnstraße! Das kann und sollte in beide Richtungen funktionieren, denn sonst funktioniert gar nichts! Keine Kommunikation, kein Verständnis, keine ehrliche Aufmerksamkeit, kein Mitgefühl und somit auch das ganze Zusammenleben nicht, verstehst Du?«
Das war die Art der Argumentation und meine wirkliche Überzeugung damals, an der ich ebenfalls stur festhielt, aber ohne um jeden Preis darauf zu beharren, im Gegensatz zu ihm. Wie hätte ich das auch angestellt? Ich war von ihm finanziell abhängig, zumindest eine Zeit lang, »solange du deine Füße unter meinem Tisch hast«, so sein sich ewig wiederholender lähmender Hinweis.
Ich weiß nicht mehr wann, aber eines Tages trat dieser Moment ein, in dem ich von ihm die Bestätigung erhielt, dass er meinen Standpunkt endlich akzeptiert hatte. Ich verstand nicht, wie er darauf kam, aber meine Botschaft in Form meiner Einwände und Bedenken war bei ihm angekommen! Das empfand ich als ein großartiges Gefühl der Erleichterung und als Genugtuung obendrein. Ich habe mich gefreut, dass er Einsicht zeigte. Das war einer der wenigen aufmunternden Gespräche, die wir je geführt haben. Und ich bin froh, dass ich mich daran gerne erinnere.
Erst viele Jahre später kam mir die Einsicht, durch einen Impuls, den ich bis heute nicht nachzuhalten vermag, dass ich mich seinerzeit schon allein an meiner eigenen ‚Richtungsbezeichnung‘ »unten nach oben« innerlich und formal störte. Anstatt am Inhaltlichen, der Bedeutung von Respekt selbst, um das es letztlich scheinbar gar nicht gegangen war. Oder hatte das nur einen aufgeschobenen Aufforderungscharakter, damit wir uns überhaupt verständigten, bezüglich welcher Punkte auch immer!? Ich hatte mich auf diese unkorrekte und einseitig verlaufende Richtungsphrase so oder so eingeschworen und war wie fixiert darauf:
Wie verlief etwas in nur eine Richtung, damit es ‚funktionierte‘ und die andere Richtung, das bedeutende Gegenstück, somit ausgespart, unbehandelt und unbedacht blieb? Das erschien mir weder logisch noch ‚ganzheitlich‘, um dieses Wort zu benutzen, obwohl ich es recht abgedroschen finde. Denn, ich würde nicht nur nach oben schauen und irgendetwas oder irgendwen bewundern, sondern das, was schon oben war, würde nach unten sehen und mich ebenfalls anschwärmen – so simpel war das!
Ich fing als Heranwachsender an, mich für esoterische Themen und dementsprechende Texte zu interessieren, fand zu guter Letzt eine mögliche Erklärung meiner ursprünglichen Fragestellung in der kurzen Beschreibung der »Tabula Smaragdina«, die die philosophische Basis der Hermetik bildet und als Grundlage der Alchemie gehandelt wird. Dieser Text wird dem ‚dreimal größten Hermes‘ oder ‚dem dreimal großen Thot‘ ›Hermes Trismegistos‹ zugeschrieben. Ob diese Gestalt je gelebt hat oder doch nur eine rein fiktive Figur war, um der Hermetik den Weg zu bereiten, wäre vermutlich jeder im Stande, sich nach einer gründlichen Recherche selbst zu beantworten. Was mich damals an der Tabula Smaragdina faszinierte, war der Umstand, dass es besagtem Hermes Trismegistos in diesen ursprünglichen dreizehn Punkten oder Thesen gelungen war, das Geheimnis des Lebens in ‚komprimierter‘ Form schlicht und ergreifend wiederzugeben. Und somit die Wechselbeziehung von Mikro- und Makrokosmos aufgezeigt zu haben. (Das so zu deuten ist meine eigene Interpretation; nur am Rande bemerkt.)
Gleichzeitig gelten diese dargelegten Prinzipien als Schlüssel zur Bereitung des »Stein der Weisen«. Da heißt es in Punkt 2 der Neuübersetzung der Tabula Smaragdina von Hans-Dieter Leuenberger:
»Siehe, das Oberste kommt vom Untersten, und das Unterste vom Obersten; ein Werk der Wunder von einem Einzigen.«
Mit anderen Worten:
»Das, was unten ist, ist wie das, was oben ist,
und das, was oben ist, ist wie das, was unten ist,
und alles ist wie ein ewig dauerndes Wunder des Einen.«
War oder ist mit ›des Einen‹ Gott gemeint?
Da war es, wonach ich scheinbar insgeheim und lange gesucht hatte:
Oben wie unten und unten wie oben: Polarität! Yin und Yang und so weiter; man kennt genügende Beispiele. Ich fühlte mich erleichtert!
Oder hatte ich mich etwas nur daran erinnert, dass diese Erkenntnis schon immer in mir vorhanden war, dort vor sich hinlebte und auf ihre Bewusstwerdung wartete? Es hatte zwar nicht direkt oder nahezu mit ‚Respekt‘ zu tun, oder doch?, aber es fügte sich in Zusammenhang mit meinem Vater vortrefflich in die mir eigene Denkstruktur ein. So war ich mir im Nachhinein relativ sicher, das »Richtige« von ihm (ein)gefordert und eine gewisse Denkweise und Idee der Infragestellung in den Raum gestellt zu haben, damit wir unsere gegenseitigen Ansichten neu bedachten. Diese Mühe und das befriedigende Gefühl, damit etwas Sinnvolles erreicht zu haben, hatte uns endlich geeint, egal wie unsere Beziehung letztlich traurig und abrupt endete!
Aber manchmal fragte ich mich, ob mein Vater nicht ebenfalls von Hermes Trismegistos und dergleichen ‚Gestalten‘ wusste, denn er kannte sich mit historischen Figuren, wenn er denn geneigt war, dies zuzugeben oder zuweilen sogar aus seinem Nähkästchen plauderte, bestens aus. Ich werde sein Geheimnis nicht ergründen, nicht wahr? Sei’s drum.
Was man einmal weiß, ist irgendwann weg,
und was eines Tages weg ist, weiß man dann.
Irgendwann erinnert man sich daran,
und es beginnt von vorn,
die ewig gleiche Frage,
was einmal war, wann und warum?
Und das ist das Wunder von allem!
— Raum 171220060723v30123310726 —
Landschaft mit Lokomotive
Ich stand an einem erhöhten Punkt, einem Anstieg oder leichter Kuppel, in einem ansonsten flachen Tal, das sich wie eine Steppe endlos weit nach Norden ausdehnte. Und die zum Horizont hin von Bergen begrenzt wurde, deren Massiv zu zweidritteln mit Schnee bedeckt waren. Es erschien mir wie ein überwältigendes Panorama, das ich bewunderte und genoss, während es sich vor meinen Augen bezaubernd entfaltete. Wie eine anmutsvolle Natur, die ich zweifelsohne das eine oder andere Mal in Filmen oder Reiseberichten gesehen hatte, oder glaubte, mich sonst wie daran zu erinnern. Diese Landschaft hätte ich durchaus einem fernöstlichen oder asiatischen Raum zugeordnet. Gleichwohl hatte ich das Gefühl, dass mir dieser Landstrich seltsam vertraut war, als hätte ich mich schon früher einmal darin aufgehalten. Es würde aber auch ein Gebiet in Nordamerika sein, oder womöglich sonst wo in Südamerika, dachte ich.
Es war ein sonniger Tag und ich vermochte meinen Blick weit in die Ferne zu richten. Ich bemerke voller Freude, wie sich um die Spitzen der schneebedeckten Berge zarte Kumuluswölkchen gebildet hatten. Eine romantische Atmosphäre lag über dieser Szenerie wie ein leicht verdichteter Nebel, der sich endgültig in glasklare und kalte Luft aufgelöst hatte.
Ich erblickte im flachen Tal einen Zug mit einer alten schwarzen Lokomotive, die dampfend und schnaufend über die Anhöhe unaufhaltsam auf mich zurollte. Das Gefährt mutete wie ein Orient-Express-Zug aus vergangenen Tagen an. Ich empfand es als ungewöhnlich, dass ein Zug in dieser freien und weiten Landschaft einen Anstieg zu bewältigen hatte. Fuhren Züge ernsthaft einen Hang oder sogar einen Berg hinauf?, fragte ich mich, merkte aber, dass diese Fragestellung zu nichts führte.
Genau in diesem Moment verließ ich den ‚Raum‘. Ich weiß demnach nicht, ob der Zug mich je erreichte und ob er ohne mich weiterfuhr, oder ob ich ihm nur nachschaute, während er mich hinter sich ließ. Oder hielt er womöglich doch für mich an, damit ich einsteigen würde?
— Raum, vergangene Jahre —
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