
PS Raumwandlerisch und andere Geschicke
Volles Haus
Es begab sich, dass ich mit ein paar Freunde eine lange ‚Wandlerung‘ unternahm und wir zu einem unbestimmten Zeitpunkt uns genötigt sahen, einen Zwischenstopp einzulegen. Die Abendstunden schritten rasch voran und der Weg zurück in die Stadt erwies sich als zu beschwerlich. Wir hielten uns in einem ländlichen Gebiet auf, unweit eines alten Hauses, in dem ich in jungen Jahren in einer Wohngemeinschaft gelebt hatte. Deshalb schlug ich meiner Gruppe vor, dort einzukehren, denn ich war überzeugt davon, dass ich in diesem Haus nach wie vor mindestens zwei Zimmer inaktiv bewohnte, obwohl ich schon Jahrzehnte zuvor diesen Ort verlassen hatte. Die Idee, dass wir dort unbekümmert einliefen, erschien mir ohne Zweifel so folgerichtig und ursprünglich, dass ich mir gedanklich und in Vorfreude schmackhaftes Essen vorstellte, das ich uns zubereiten würde, damit wir diesen Tag zu einem glänzenden Abschluss brachten.
Wir betraten das Haus, ohne einen Schlüssel umzudrehen, schritten den kurzen Flur entlang und bogen links in die Küche ab, die seitlich am Hauptgebäude zu einem kleinen Hof hin einen Anbau bildete. Zu meiner Überraschung funktionierte das Licht nicht und der Raum bot sich uns relativ dunkel dar, einzig zaghafte Lichtstrahlen drangen zurückhaltend von einer alten Straßenlaterne der Zubringerstraße durch das tief gelegene Fenster herein, welches wir früher ebenso als Eingang benutzten. Die Küche roch muffig und es herrschte ein heilloses Durcheinander. Überall stapelte sich gebrauchtes Essgeschirr und anderer Unrat und die abgenutzte Einrichtung gestaltete sich schemenhaft, kaum wahrnehmbar aber doch sonderbar verlebt und chaotisch. Der Raum wirkte nicht einladend und hinterließ einen so ungemütlich verschmutzten Eindruck auf mich, als würde dort ein Haufen wilder junger Menschen leben, die es mit Ordnung, Sauberkeit und Vorrat nicht allzu genau nahmen. Typisch für eine Wohngemeinschaft, sogar für eine Kommune, wie wir das früher genannt hätten, schoss mir durch den Kopf. Dennoch: Dieses Schlachtfeld entsprach nicht meiner Erinnerung von damals und ich empfand leichtes Unbehagen und tiefe Enttäuschung bei diesem tristen Anblick. Denn meine Freunde und ich waren müde und wir brauchten dringend etwas Essbares nach unserem anstrengenden Ausflug. Doch wo wir auch im Halbdunklen hinschauten und mühsam den ganzen Raum absuchten, nirgendwo bot sich irgendetwas an, dass zum Kochen geeignet war oder uns sonst wie gewisse Erleichterung verschafft hätte. Die Situation war frustrierend, so hatte ich mir das nicht vorgestellt.
Auf einmal klopfte es am Küchenfenster und eine dunkle männliche Gestalt stand gespenstisch vor der Scheibe. Wir erschraken kurz, öffneten dennoch das Glasfenster und fragten den Mann, was er denn wünschte. Er erkundigte sich aufgeregt nach irgendeinem Weg und stammelte irgendetwas von einer großen Gruppe Leute, die vor dem Eingang stünden und warteten. Ohne zu fragen, betrat der Mann durch das Fenster flugs die Küche und forderte uns auf, ihm nach draußen zu folgen. Wir sahen einander erstaunt an und schlenderten dem Eindringling schon aus Neugier unverzüglich hinterher.
Ich traute meinen Augen nicht, als wir durch die Haustür ins Freie traten: Eine Riesentraube von Menschen schlängelte sich entlang der Hauswand Richtung Zufahrt und Querstraße, als gäbe es irgendetwas Besonderes umsonst an diesem Ort. Leises Gemurmel und unidentifizierbare Gespräche verstummten abrupt, als die Menge uns bemerkte. Ich entfernte mich kurz von meinen Freunden und trat seitlich auf den Fahrradweg, der unmittelbar vor dem Haus verlief, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Ich sah einen Haufen unbestimmter Personen, die ich nicht erkannte geschweige denn in irgendeine vernünftige Schublade einzuordnen vermochte. Unter ihnen gesellten sich aber eine kleine Gruppe schwarz uniformierter Gestalten, die wie eine nostalgische Mischung aus englischen und amerikanischen Polizisten auffallend hervortraten. Sie standen stramm da und gafften, als warteten sie auf ihren Einsatz. Es fehlte nur, dass über unsere Köpfe hinweg jene typischen Hubschrauber flogen und mit ihren gleißenden Scheinwerfern diese merkwürdige Szenerie ausleuchteten.
Ein Riesenmann – er mutete wie drei Meter hoch an – spielte sich jählings wie ein Anführer auf und drängelte einige Personen unwirsch zur Seite, als sei er nicht nur der Platzanweiser zur später Stunde, sondern auch der Chef an Ort und Stelle. Er stellte sicher, dass hinter ihm eine Gruppe von Gestalten, die gutgelaunt und Bockspringend, einer nach dem anderen, elegant ihre Gangart auf dem Fahrradweg fortsetzten, um sich von uns und dem Haus zu entfernten. Ich war fasziniert und irritiert zugleich, trotzdem innerlich erleichtert, denn die unüberschaubare Menge an Leuten lichtete sich dadurch.
Urplötzlich griff dieser Hüne sich meinen Freund A. fest am Kragen – A. war ebenfalls hochgewachsen, aber bei weiten nicht so groß wie dieser unsympathische Riese – und schubste ihn mit voller Wucht auf den Hof. Der übergroße Mann zeigte sich im Anschluss der wartenden Menschenmasse marktschreierisch insofern, weil er wirkungsvoll und unverhohlen mit seinem langen Arm und dem wulstigen Zeigefinger auf A. deutete und ihn des Verrats und der Niedertracht bezichtigte. Er schien A. mit dieser groben Geste in Schach zu halten und ihm dadurch klarzumachen, wer in diesem Moment das Sagen hatte. Ich bemerkte, dass A. einen halben Backstein in der Hand krampfhaft hochhielt, und fürchtete, dass er den Riesen damit totschlagen wolle. Der Riesenmann wirkte entschlossen und aggressiv und ich sah zudem, dass A. keine Chance gegen diesen übermächtigen Mann zu haben schien und sich verbissen und kleinlaut demzufolge niederringen ließ, letztlich aus Angst, so vermutete ich. Ich überlegte kurz, ob ich eingreifen solle, gab diesen Gedanken aber schnell wieder auf, vermutlich ebenfalls aus Angst. Die brenzlige Situation endete – Gott sei Dank – damit, dass der vermeintliche Anführer den hilflosen A. körperlich bezwang, ohne ihn zu verletzen, bis dieser zu guter Letzt nachgab und den Stein fallenließ. Der Riese stieß den halben Brocken mit einem Fuß beiseite und ließ endlich von A. ab. Dann zeigte dieser unausstehliche Mann auf eine kleine Gruppe von Personen und sagte im Befehlston:
»Das sind meine Leute, die müssen hier vorbei, macht Platz!«
Ich schwebte auf dem Fahrradweg etwas zur Seite und beguckte mir diese Handvoll Leutchen, die an mir vorbeizogen. Sie waren ebenfalls hochgewachsen, aber bedeutend nicht so groß wie ihr Anführer. Ich stellte zu meiner Verwunderung fest, dass diese Gestalten im Grunde recht vernünftige und anonym gutaussehende Personen waren, vornehm gekleidet und mit scheinbar gepflegten Manieren, da sie leise und bedächtig weitergingen ohne Aufsehen zu erregen. Außer einer Frau, die erhobenen Hauptes als Letzte an mir vorbeischritt und mich beiläufig von oben herab abfällig musterte, als sei ich irgendein Diener des Wortes ihres Anführers, dem man gewiss gar nichts entgegenzusetzen wüsste oder sich vermutlich traute.
Der Riese schickte sich geradewegs an, seinen Leuten hinterher zu eilen, als ich mir ein Herz fasste und ich ihn ansprach:
»Sag mal, warum bist du eigentlich so bossy?«
Der Hüne drehte sich um, kam auf mich zu und beugte seinen Kopf einschüchternd zu mir hinab.
»Weil ich eben so bin!«, antwortete er selbstsicher und lächelte mich voller Spottlust an.
»Was soll das alles?!«, sagte ich und pikste ihn leicht mit meinem rechten Zeigefinger auf seinem langen Unterarm, um meinem aufgestauten Ärger mehr Gewicht zu verleihen. Bis zu seiner Schulter reichte meine Hand nicht, sonst hätte ich ihn am liebsten dort gepackt und sicher geschüttelt – rein gedanklich. Er schien mit dieser für ihn körperlich übergriffigen Geste nicht glücklich zu sein und schaute missmutig zu mir hinunter. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich weiter verhalten würde, gleichwohl gefiel ich mir in dieser Rolle und pikste ihn aus Verlegenheit noch ein paarmal auf seinen Arm. Der Hüne starrte mich mit seinen zusammengekniffenen Augenbrauen und unheimlich Augen derart böse an, als würde er mich gleich zermalmen und zog seinen Arm genervt von mir weg.
In diesem Moment kamen mir Freund A. und Begleiter R. zur Hilfe – Gefährtin A. war indes wieder ins Haus zurückgegangen – und zogen mich vom Riesen weg.
»Komm, lass sein, wir gehen lieber«, sagten sie im Gleichsprech.
Derweil wir gemeinsam Richtung Haustür marschierten, drehte ich mich wie siegessicher zum großen Mann um und rief missbilligend aus sicherer Entfernung:
»Mach’, dass du hier wegkommst … sonst …«
»Sonst was?«, krakeelte der Riese belustigt zurück und kam uns auf einmal mit bedrohlich stampfenden Schritten hinterher.
Wir liefen schnell ins Haus, schlossen hinter uns die Haustür fest zu, verschanzten uns unweit des Eingangs, verhielten uns mucksmäuschenstill und warteten, was passieren würde. Ich erkannte durch den matten und wabenartigen Glaseinsatz der Holztür, wie der Schatten des Riesen den Glasausschnitt verdunkelte, dort kurz stehenblieb, sich aber dann zum Glück wieder entfernte. Wir lösten uns von unserer Anspannung, aufgeregt wie kleine Kinder, die einem unsympathischen Erwachsenen ein Streich gespielt hatten, steckten verschwörerisch die Köpfe zusammen, und ich sagte:
»Habt ihr das gesehen, dem haben wir’s aber gezeigt, oder?!« Wir lachten vergnügt.
Ich stieg die Treppe hinauf in den ersten Stock. Im Flur, linksseitig vor der geschlossenen Tür des Zimmers, das ich früher und nach wie vor bewohnte, lag auf einer nicht definierbaren Unterlage der jüngere Bruder eines längst in Vergessenheit geratenen Bekannten. Er lächelte mich gutgelaunt an, als wäre mein dortiges Erscheinen kein ungewohnter Anblick für ihn. Neben ihm lag ebenfalls jemand, den ich aber nicht erkannte. Ich wunderte mich, was diese Leute hier zu suchen hatten, und betrat den Raum.
»Oh mein Gott, was ist denn hier los?«, sagte ich mehr entsetzt als überrascht, als ich im Zimmer stand. Der vordere der beiden Räume war mit Personen gefüllt, meist Frauen, die auf dem Boden gemütlich saßen und mich mit großen Augen anstarrten. Wie wenn ich ein unliebsamer Eindringling wäre, den sie zum ersten Mal sahen, der ihre liebgewonnene Privatsphäre maßgeblich und unnötig störte. Sie hockten auf einfallslosen Teppichen beisammen und das Zimmer roch ebenfalls muffig, wirkte ähnlich unordentlich überladen und unübersichtlich kleinteilig wie die Küche. So hatte ich dieses Zimmer, meinen Wohn- und Ausstellungsraum, nicht in Erinnerung. Ich hatte es durchweg anders hinterlassen beziehungsweise als ‚clean‘ verlassen und hoffte, es genauso aufgeräumt und sauber wiederzusehen! Ich war mehr als enttäuscht.
»Das Haus ist ja ganz schön voll«, fiel mir in meiner Aufregung über die Lippen, als würde ich spontan und entgeistert etwas Undenkbares zum Ausdruck bringen, was niemanden außer mir zu interessieren schien. »Das darf doch alles nicht wahr sein«, ergänzte ich leise und leicht entrüstet hinterher. Schlagartig wurde mir bewusst, warum manche Leute draußen im Flur übernachteten, so überfüllt waren die Räume, scheinbar das ganze Haus.
Ich bewegte mich in den hinteren Teil, mein einstiges Schlafzimmer, und sah, dass Freundin A. auf dem Hochbett, das ich meiner Erinnerung nach längst demontiert hatte, sich bequem hingelegt hatte, um sich ihrer wohlverdienten Nachtruhe hinzugeben. Neben ihr türmte sich ein immens hoher Berg an irgendwelchen und unansehnlichen Klamotten auf, der nicht nur nicht einladend anmutete, sondern schon dieser Tatbestand an sich darüber hinaus regelrecht eine kurzweilige Störung in mir auslöste: Woher kam diese Kleidung und wem gehörte dieser Plunder? Wer würde mich damit zu quälen unbedingte Freude empfinden, indem er solche Unordnung veranstaltete? Und: Wie würde ich mich dort ablegen, um zu nächtigen? Nein nein, das ginge nicht, das wäre unmöglich und das wünschte ich so auch nicht, dachte ich empört und schritt zurück in den Wohnraum und rief in die Runde der Anwesenden:
»Wir müssen diesen Berg an Klamotten hier sofort wegschaf… «
»Jetzt brauchst du dich auch nicht mehr dort hinzulegen«, unterbrach mich frech eine Frau, die ich nicht kannte. Ich wurde ratlos.
Ich bemerkte derweil, dass Freund A. und Begleiter R. sich scheinbar irgendwohin verzogen hatten. Aber das war in diesem Moment nicht so entscheidend wie der schwierigen Aufgabe beizukommen, wie man sich jenem Berg an nutzlosem Gerümpel entledigen würde … und überhaupt: Ich war mit dieser ganzen Wohnsituation maßlos überfordert, denn eine vernünftige Lösung zu finden, die allen Beteiligten – vor allem mir selbst – gerecht werden würde, erschien mir aussichtslos. Ich war völlig genervt und überlegte kurz.
»Komm, ich fahre uns nach Hause!«, sagte ich zu Freundin A. durchaus entschlossen, obwohl ich unterschwellig ahnte, dass ich nicht unbedingt fahrtüchtig sein würde, da ich schon zu viel getrunken hatte oder dies zumindest so in Erinnerung hatte.
A. beguckte mich skeptisch und bewegte ihren Körper unfreiwillig und angestrengt von ihrem warm eingerichteten Schlafplatz wieder herunter, und ich sah ihr an, dass sie meine innere Verzweiflung stillschweigend nachempfand. Wir begaben uns zurück in das vordere Zimmer.
»Ich melde mich hier sowieso ab, dann habt ihr alles für euch!«, sagte ich zu der frechen Frau.
»Mach’ das!«, erwiderte sie wie unbeteiligt und wandte sich ab, als hätten meine Worte gar keine Bedeutung für sie.
Gefährtin A. und ich verliessen den Raum. Auf dem Weg nach unten begegneten wir im Flur einer anderen Frau, die auf dem Weg nach oben war.
»Ich bin hier der älteste Mitbewohner, weißt du?!«, richtete ich unvermittelt und etwas rechthaberisch an ihre Person.
»Das wissen wir zu schätzen und vielen Dank für die gute Vorarbeit, die ihr seinerzeit geleistet habt«, sagte sie verständnisvoll und stieg die Treppen weiter hoch. Ich fühlte mich beinah wie geschmeichelt und hatte darauf nichts zu erwidern.
Ich betrat erneut die Küche, weil ich meine zwei anderen Begleiter suchte, und sah, dass auf dem Boden weitere junge Menschen ihr Lager aufgeschlagen hatten und schliefen. Ich war mittlerweile von diesem Anblick nicht mehr sonderlich überrascht. Freund A. und Begleiter R. kamen indes herbei. Während wir das Haus endgültig verliessen, rügte Freund A. Begleiter R., indem er auf ein Stativ in seiner Hand deutete und ihn beschuldigte, diesen an falscher Stelle eingesteckt zu haben. Ich wunderte mich, wie man ein Stativ überhaupt, gleichgültig wo, ‚einzustecken‘ gedachte. Das ergab alles keinen Sinn. Diese kleine Begebenheit gab mir gedanklich den Rest.
»Dieses verdammte Haus, ich hab’ die Schnauze voll!«, stammelte ich vor mich hin.
Wir saßen endlich im Auto und fuhren den langen Weg zurück in die Stadt. Während der Fahrt kamen mir weitere Momente der ‚Raumwandlerung‘ in den Sinn, in dem ich schon des Öfteren zu diesem Haus zurückgekehrt war, obwohl ich dort nicht mehr wohnte. Jedes Mal traf ich auf neuartige ‚Mitbewohner‘, die ich nie zuvor gesehen hatte. Diese Leute schauten mich ebenso verwundert an, denn sie waren mir scheinbar auch zuvor nie begegnet, aber sie ließen mich gewähren und duldeten meine Anwesenheit. Ich suchte meine Räume auf, die sich mir immer wieder anders und ungewohnt darboten, weil manchmal fremde Personen dort lebten. Ich fragte mich jedes Mal, ob ich dort überhaupt noch wohnte und erst recht, ob ich Miete zahlen würde oder müsse. Denn zweifach Miete zahlen rechnete sich nicht – das war vornehmlich meine große Sorge. Dieses Gedankenspiel endete meist mit einer massiven Verunsicherung und einem schlechten Gewissen, das sich in mir als ungutes Gefühl ausbreitete, weil es mich stets unnötig aufwühlte und mich mit jenen unliebsamen Erinnerungen zu traktieren schien. Ich kam zu keiner schlüssigen Lösung oder gar der Einsicht, dass ich endlich loslassen müsse, wovon auch immer? Oder hatte es eine vollkommen andere Bedeutung und ich kam bloß nicht dahinter?
»Es reicht! Ich bin fertig mit dir. Das war das letzte Mal!«, sagte ich leise aber eindringlich zu mir selbst, als legte ich still ein Gelübde ab und schaute aus dem Autofenster. Die Sonne erwachte langsam am Horizont und die Dunkelheit wich allmählich den sanften Strahlen, die mein Gesicht angenehm umschmeichelten. Es würde sicher ein schöner Tag werden, sinnierte ich und schloss die Augen, derweil jemand anderes das Fahrzeug und uns wohlbehalten nach Hause lenkte.
— Raum 050326 —
Sturm unter dem Bett
Ich begab mich in den großen Raum, um einen Text weiterzulesen. Es war spät abends, ich war allein und so tauchte ich voller Wissensdrang in die Seiten meiner Lektüre ein. In einem der Kapitel war die Rede von einem ‚Psychomanteum‘, einer Technik des ‚Spiegelsehens‘, die die alten Griechen bereits erdacht hatten, um mit ihren Toten in Kontakt zu treten. So beschrieb der Autor, wie er diesen praktischen wie nützlichen Ansatz ebenfalls für sich entdeckte, um seinen Klienten und Patienten eine Möglichkeit zu eröffnen, mit ihren verstorbenen Angehörigen Verbindung aufzunehmen, um eine gewisse Art der Trauerarbeit zu bewältigen. Diese Methodik und ihre weiteren Ausführungen waren faszinierend beschrieben und je mehr ich den Zeilen des Autors folgte, desto mehr überkam mich das seltsame Gefühl, dass ich nicht allein in diesem Raum verweilte.
Ich bildete mir ein, Geräusche zu hören, und schaute abwechselnd zur spiegelnden Terrassentür und in die Tiefe des großen Raums, ob ich etwas entdeckte oder ob sich durchaus irgendetwas darin zeigte, was mir vertraut erschien. Ein unverhofft intensiver Wunschgedanke nach überhöhter Wahrnehmung überkam mich im selben Moment, dem ich zwanghaft folgte und vor dem ich mich gleichwohl fürchtete. Denn wer sah schon gerne und unvermittelt eine geisterhafte Erscheinung an der eigenen Glastür stehen, die ihm zwar unter Umständen familiär erschien, vor der er aber im gleichen Augenblick ebenso nicht zurückschreckte? Ich brütete nicht weiter darüber nach, sondern starrte beharrlich auf die Glasfläche, und beruhigte mich selbst, da sie das Innere des Raums letzten Endes auf natürliche Weise friedlich reflektierte.
Ich dachte unentwegt an unseren geliebten Hund, der vor nicht allzu langer Zeit verstarb und den ich schrecklich vermisste. Was würde ich dafür geben, ihn noch einmal zu sehen, oder hätte gerne in Erfahrung gebracht, ob es ihm dort, wo er sich aufhielt, hoffentlich gut erging. Je länger ich mich diesen Gedanken hingab, desto mehr vernahm ich eine merkwürdige innere Kälte und äußerlich eine gehörige Portion Gänsehaut, da ich eine gewisse Energie oder Anwesenheit im Raum spürte, die ich mir nicht zu erklären vermochte. Oder zumindest der Einbildung erlag, dass sie – diese Energie – auf irgendeiner Weise vorhanden war, die ich aber weder sah noch anderweitig erfasste.
Schlagartig wurde mir bewusst, dass der kleine Raum, in dem ich mich für die Nacht hinlegte, um auszuruhen, genau den Gegebenheiten der Kammer eines ‚Psychomanteum‘ ähnelte, die in diesem Text beschrieben wurde. Was spräche also dagegen, so dachte ich unbekümmert, mich den Erwartungen des ‚Spiegelsehens‘ konkret dort mit Geduld und Neugier entspannt hinzugeben, um mit meinen geliebten Hund Kontakt aufzunehmen. Warum nicht? Es wäre zumindest einen Versuch wert! Das waren die ersten aufregenden Gedankenimpulse, die mich reflexartig ergriffen. Ich würde in dieser ‚Kammer‘ gar nichts verändern, sie bliebe, genauso wie ist, und ich würde es glattweg ausprobieren, blitzte in mir gedanklich Vorfreude auf. Ich legte das Buch zur Seite, schlenderte in den kleinen Schlafraum und betrachtete ihn meinen neuen Plänen entsprechend von diesem Standpunkt aus. Es würde, so weit ich das zu beurteilen vermochte, passen, und es könnte durchaus funktionieren, stellte ich entzückt fest. So bewegte ich mich zurück in den großen Raum, las das Kapitel zu Ende und merkte zur vorgerückter später Stunde, wie mich Müdigkeit überkam.
Ich legte mich schlafen und überlegte dabei, ob diese Sache mit diesem ‚Psychomanteum‘ grundsätzlich Sinn ergab, ob es funktionieren würde und ob es überhaupt eine gute Idee sei, diesem Wunsch der Begegnung mit einem verstorbenen Wesen im eigenen Schlafraum nachzugehen. Dann schlief ich ein.
Mitten in der Nacht rüttelten mich leise Geräusche halbwach, da ich beständig mit schreckhaftem und leichtem Schlaf zu kämpfen hatte, und wusste, dass meine Mitbewohnerin nach Hause gekommen war. Und ich hörte ebenfalls, dass sie versuchte, sich relativ geräuschlos und rücksichtsvoll in ihren eigenen Schlafraum zurückzuziehen. Ich wurde dadurch aufgeweckt, war aber dennoch zutiefst beruhigt, dass sie sicher und wohlauf spät in der Nacht den Weg von ihrer Feier nach Hause gefunden hatte. Ich schlief wieder ein.
Zu einem unbestimmten Zeitpunkt – womöglich in den frühen Morgenstunden – vernahm ich urplötzlich ein lautes Zischen und Flirren unter meinem Bett, als würde aggressiv und unberechenbar mit offenen Enden freigelegter elektrischer Leitungen herumgefuchtelt, was sich zweifellos bedrohlich anhörte. Zudem klang es annähernd so, als hätte unter mir ein Blitz eingeschlagen, dem zwar die Strahlkraft fehlte, der aber diese Geräuschkulisse des Krachens und des Donnerns mit voller Wucht um sich verbreitete, als gebe es keinen weiteren Morgen mehr. Dieses ‚Donnerwetter‘ war beängstigend und lärmend, ich bildete mir das nicht ein, sondern hörte diese scheußlichen Laute absolut klar und deutlich, wie sie sich real unter meinem Schlafplatz abspielten. Denn ich war längst aufgewacht und drehte meinen Kopf total verängstigt nach links und rechts und hatte überdies große Angst, unter dem Bett nachzuschauen.
Oh, mein Gott, schoss mir durch den Kopf, was passiert hier?
Doch das war erst der Anfang. Es folgten im Anschluss übermäßig heftiges Poltern und kräftiges Rumpeln, als würde sich unter meinem Bett ein Hund wild und ungestüm auf dem Holzboden hin und herwerfen, galoppieren und dabei seine Gelenkknochen und Pfoten immerzu auf den Boden krachen lassen. Das Zischen und Flirren mit dem Brummen von sich frei entfaltender Elektrizität vermischten sich mit Poltern und Krachen der Bewegungen eines Vierbeiners zu einer bedrohlichen ‚Kakophonie des Grauens‘, die sich so heftig steigerte, dass ich diese Momente kaum auszuhalten vermochte. Es war eine Zumutung für meine ohnehin von fremdartigen Tönen geplagten Ohren. Dieser grauenhafte Rhythmus, der sich im Takt weiter intensivierte, als trieb ein ungemein frecher Poltergeist seine übelsten Spielchen mit mir, nur um mich damit definitiv um den Verstand zu bringen, malträtierte mich wie schwer zu ertragende Folter. Diese Geräuschkulisse wurde unerträglich laut, ich hatte Todesangst und fühlte mich diesem Getöse jenseits der Schmerzgrenze machtlos ausgeliefert. Ich lag wie gelähmt im Bett und sah mich gleichzeitig auf den Rücken eines wilden Stiers gefesselt, der mich auf seinem Buckel tobend durch die Rodeo-Arena hemmungslos herumschleuderte. Es fehlte nur, dass mein Bett sich wie in einem Horrorfilm heftig auf und ab bewegte.
Dieser Grusel – Gott sei Dank! – blieb mir wenigstens erspart. Dennoch:
Ich rief mehrmals – verkrampft und unfähig mich zu bewegen – mit heiserer und gequälter Stimme den Namen meiner Mitbewohnerin, die sich im Nebenraum tief und fest ihrem erholsamen Schlaf hingegeben hatte. Ich krächzte fast stimmlos nach Hilfe, ich rief und beschwor ihre erlösende Anwesenheit, so fest wie ich nur vermochte. Aber es reichte nicht, meine Stimme war zu kraftlos. Ich fühlte mich steif wie ein Sarg und paralysiert wie ein kleines Häschen bei Flutlicht, erlebte meinen eigenen Tonfall als viel zu leise und undurchdringlich, als dass sie ernsthaft Gehör finden würde. Dieses bedauernswerte Krächzen richtete sich vielmehr nach innen als nach draußen, und ich vermochte diese Hilferufe in diesen Augenblicken nicht zielgerichtet einzusetzen. Und so erhielt ich dementsprechend keine Antwort und übergab mich meinem Schicksal.
Wann hört das endlich auf, hoffte ich in meiner großen Verzweiflung und bat: Lieber Spirit, bitte hilf mir! Und dann:
Wie aus dem Nichts verstummten das Zischen, Flirren und das heftige Poltern, als sei nie etwas geschehen. Von jetzt auf gleich wurde ich befreit von dem schlimmsten Aufruhr, den ich jemals in einem Raum erlebt hatte. Ich rief testweise erneut ihren Namen und vernahm, dass meine Stimme wieder kontrolliert und normal funktionierte. Ich richtete mich im Bett auf, setzte mich auf die Bettkante und atmete ein paarmal tief ein und aus. Ich fühlte mich beklommen und gepeinigt zugleich und hatte am ganzen Körper ordentlich Gänsehaut. Nach einer Weile der inneren Besinnung beruhigte ich mich ansatzweise, legte mich trotz der Kopfschmerzen wieder hin und versuchte erneut, einzuschlafen.
Am Morgen erwachte ich gerädert, denn die Ereignisse der Nacht hatten mir erheblich zugesetzt. Ich erinnerte nach wie vor an alle Einzelheiten und spürte, dass diese Vorkommnisse keine gewöhnlichen Fantasien waren, die man während des Schlafs erlebte, sondern, dass sie sich wahrhaftig in diesem Raum abgespielt hatten.
Ich stellte mir vor, dass unser gutmütiger und sensibler Hund mich diesen Strapazen unter keinen Umständen in dieser Form jemals ausgesetzt hätte, denn er war immer darauf aus, dass ich aus eigenen Stücken gerne mit ihm spielte. Zumindest empfand ich das so, weil wir uns gegenseitig Freiraum gaben, soweit das möglich und geboten war. Er forderte das Spielen zu Lebzeiten niemals so heftig ein, dessen war ich mir stets sicher.
Er würde mich als jene Erscheinung in dieser Nacht demnach nicht besucht haben, oder etwa doch?
Ich beschloss, dass mein Schlafraum keine geeignete Kammer für die Errichtung und Durchführung eines ‚Psychomanteum‘ sei und in Zukunft auch nicht werden müsse. Es würde sich sicher eine andere Möglichkeit ergeben.
— Raum 080226 —
Flugraum mit Griechen
Ich begab mich erneut in das Reich meiner geliebten Flugräume, die ich schon länger nicht mehr besucht hatte. Ich liebte diese Räume, in denen ich mich aus eigener Kraft in die Luft emporhob und flog. Einfach so, beinah wie ein Vogel, ohne allzu große Mühe.
Ich flog dieses Mal über Straßen und Menschen hinweg, die ich nicht erkannte, insgeheim aber vermutete, dass sich Gestalten unter mir bewegten und irgendwelchen Tätigkeiten nachgingen. Ich bemühte mich elegant und akrobatisch, mit langgestreckten Armen, wie man dies von einem bekannten Comic-Helden kennt, über ihre Köpfe zu sausen, ohne sie dabei zu erschrecken. Ich flog trotzdem deutlich dem Asphalt oder was immer es zu sein schien, nah genug, dass sie mich dabei beobachteten und mich dafür bewunderten. Sie zeigten erkennbar mit Fingern auf mich und gaben unkenntliche Laute des Staunens, der Verzückung ebenso Gebärden der Ungläubigkeit von sich, denn es passierte nicht alle Tage, dass jemand so unmittelbar über ihre Häupter durch die Luft düste. Zuweilen flog ich an die Personen und den Autos auf den Straßen so auffallend dicht heran, dass ich mich enorm angestrengt und zweifelsohne veranlasst sah, schnell wieder an Höhe zu gewinnen. Das war jedes Mal ein mutiger Balance-Akt: Flog ich zu flach am Boden entlang, verlor ich beachtlich an Schub, um leichten Körpers spielerisch emporzusteigen. Schwebte ich zu weit oben am Himmel, erkannte ich nicht, was sich unter mir abspielte und würde unter Umständen tief fallen. Trotz der Risiken, die das ‚Fliegen‘ mit sich brachte, entfaltete sich in mir jedes Mal ein erhebendes und wohltuendes Gefühl, durch die Lüfte zu segeln und mich dabei frei wie ein Vogel zu fühlen. Ich hatte keineswegs Angst, mich in große Höhen zu wagen, um mich dann waghalsig in tiefe Täler und Schluchten zu stürzen. Denn ich wusste genau, dass ich über alles unter mir hinwegfegen und mich dabei elegant wie ein Segelgleiter in der Luft halten würde – es war ein Privileg, das ich überschwänglich genoss.
Die Gewissheit, dass ich zu fliegen vermag, steht in diesen, meiner Ansicht nach ‚Räumen der Seelenwanderung‘ als Gegebenheit fest. Und ich freue mich jedes Mal, wenn es wieder so weit ist, dass ich durch den Himmelsraum gleite. Dennoch gestaltet sich die ‚Fliegerei‘ nicht grundsätzlich so unkompliziert, wie man annehmen würde. Denn ich mühe mich immer wieder aufs Neue mit meinen Armen wie brustschwimmend und übertrieben ab, nicht nur an Auftrieb nicht zu verlieren, sondern sichere mich auch in strampelnder Manier unentwegt ab, nicht auf den Boden zu fallen. Ich weiß zwar, dass ich kein Vogel oder Flugwesen bin, dennoch vermag ich zu fliegen, durchaus wie ein entschlossener, begabter und mutiger junger Anfänger, der allmählich lernt, seine Flugkünste mit jedem Versuch besser in den Griff zu bekommen. Manchmal gelingen mir sogar kleine akrobatische Flugeinlagen wie einem langsamen im hohen Bogen nach hinten langgestreckt ausgeführtem Salto.
Einmal sauste ich zu dicht in einen Raum an einer Menschenmenge vorbei – sie waren mir scheinbar nicht wohlgesonnen, das spürte ich gewiss –, umkreiste ihre länglichen pyramidenartigen spitzen Gegenstände, die sie dort aufgestellt hatten, und kippte sie dabei spielerisch um. Damit deutete ich vermutlich an, dass ich sie nicht allzu respektierte. Oder ich trieb nur meinen Spaß mit ihnen. Meine Absicht dahinter schien nicht eindeutig genug und ich erinnere mich nicht, warum ich das genauso vollführte. Die Anwesenden muteten wie ‚Griechen‘ an und sagten, ohne das ein Wort in den Raum fiel, »dass meine Bewegung nicht sehr elegant sei und dass man das mit Sicherheit besser umsetzen könne.« Dabei kannte ich Einzelpersonen dieser Nationalität als mir recht sympathische Menschen, da ich seit meiner frühesten Kindheit ‚guten Draht‘ zu ihnen pflegte. Nicht nur, weil ich seinerzeit eben einen Griechen als mein besten Freund bezeichnete, sondern weil ich später in der Schulzeit ebenso mit ihnen freundschaftlichen Umgang hatte, dennoch:
Für einen Moment überkam mich große Irritation, als mich einer von ihnen ruckartig an meiner hellblauen Gummihaut packte, heftig daran zog und mich somit am Weiterfliegen hinderte. Ich war nicht mehr im Stande mich zu bewegen und so versuchte ich verzweifelt diese Hülle abzustreifen beziehungsweise zu zerreißen, indem ich sie über alle Maßen hinaus überdehnte. Das erhoffte Losreißen gelang mir trotzdem nicht. Ich geriet in Panik und unternahm einige Anläufe des Ziehens und Zerrens, um mich zu lösen – diese Erfahrung war fraglos unangenehm und herzzerreißend. Ich entledigte mich letztlich dem üblen Griff dieser jener Persona und flog erleichtert schnell weiter. Aber das Vertrauen in meine eigene Flugfähigkeit wurde dadurch, traurigerweise, in großem Maße in Mitleidenschaft gezogen. Ich war diesen Geschöpfen unbedacht und leitsinnig zu nahegekommen, wie einst Ikarus der Sonne.
Bei einem nächsten Manöver gelangte ich wie bei einer Flucht an das Ende eines abschüssigen Gartens meiner erinnerten Kindheit, an ein Tor, das sich in eine unüberwindlich brutale und schwarze Bahnschranke verwandelte, welche nicht zu überqueren sei. So hieß es von irgendwoher mit bedrohlicher Stimme. Sodann sprang ich flugs in einen orangenfarbenen breiten und nach oben hin sich halbrund wölbenden Fensterrahmen auf, von dem sich unter meinen Füßen eine tiefe und atemberaubende Talebene eröffnete, und sagte selbstsicher zu meiner Umgebung:
»Ich springe von hier aus« und trat ohne Angst und Zögern einen Schritt nach vorne und fiel sanft und schwebend hinunter. Ich kontrollierte meinen Körper während des Falls und flog dann über eine Schlucht, wenn auch nicht gänzlich souverän, und schwebte heil und froh über diese Landschaft unter mir hinweg, irgendwohin. Ich war absolut glücklich.
Einige Zeit später: Im Dämmerzustand bedankte ich mich bei Spirit für diesen nicht eindeutigen, aber dennoch angenehmen und lehrreichen Flugraum.
Der zweite Teil dieser Raumkonstellation handelte, vermutlich, von einem alten Bekannten, mit dem ich seit langer Zeit keinen Kontakt mehr aufrechterhielt, seiner Frau und ihrer gemeinsamen Tochter. Es agierten ebenfalls andere Leute und Umstände darin, an die ich mich aber im Weiteren nicht zu erinnern gedachte, obwohl es nicht so unangenehm sein würde wie ich annahm – egal! Es gab trotzdem schöne Momente darin! Mein absolvierter Flugraum entlohnte mich für alles!
— Raum 301225 —
Garten mit Aussicht
Ich betrat an einem sonnigen Tag einen blühenden Garten, in dem T. gemütlich auf Etwas saß, umringt von seiner Frau C. und ihren gemeinsamen jungen Zwillingstöchtern. T. lächelte mich in froher Erwartung an und schien sichtlich stolz darauf, dort zu sitzen, weil seine beruhigende Körperhaltung und sein strahlender Gesichtsausdruck gleichsam etwas Vergnügliches hervorbrachten. Wie wenn er innerlich zu mir sprach, ohne es auszusprechen: »Hier schau mal, wo ich sitze, mit meiner Familie, vor unserem Haus, ist das nicht wunderbar!?« Ich näherte mich ihnen und bemerkte, dass C. mit den beiden Mädchen beschäftigt zu sein schien, da sie vermutlich irgendetwas miteinander spielten. Womit sie sich genau befassten, vermochte ich nicht zu erkennen.
Ich betrachtete das große Haus, das sie bewohnten. Es war stellenweise farbig und hatte eine ockerfarbene Fassade, die an manchen Stellen etwas nachgedunkelt war. Es mutete wie eine Mischung aus buntem Holzhaus und schlichter teilweise angegrauter Nachkriegsarchitektur an und schien zudem imposant groß zu sein. Im Hintergrund ihres Hauses erhob sich ein steiler Hügel, an dessen Gipfel ein prachtvoll weißes Schloss thronte. Auffallend helle und schlanke Türme mit schwarzen Kuppeln und unbekannten kleinen Fähnchen ragten majestätisch in den Himmel empor.
Das war ein guter Platz zum wohnen, dachte ich, als ich mir die Burg etwas genauer besah. Sie war einerseits unwirklich und malerisch entrückt wie ebenso zum Greifen nah. Wer hier am Fuße eines solchen Prachtbaus ein Haus sein Eigen nannte, hatte es scheinbar zu etwas gebracht, schoss mir durch den Kopf.
Augenblicke später schwebte ich langsam in das Haus von C. und T. hinein. Die Räume gestalteten sich verschachtelt überdimensional wie Würfel, die mehrfach übereinandergelegt worden waren und seltsam kubisch aufgereiht auf verschiedenen Ebenen lagen. Das Innere erinnerte mich an ein M.-C.-Escher-Haus mit gewundenen und perspektivisch paradoxen Treppengängen, dennoch ohne die Komplexität dessen, was wir von diesem Mann schon kannten.
Ich schaute mich im Haus um und bemerkte, dass die Räume sich teilweise in den Hang hinauf stapelten, was man von außen so nicht erkannte. Ich sah durch ein großes Fenster, das sich wie eine Doppeltür nach außen ins Freie öffnete, in eine Meeresbucht, die von einigen mittelgroßen und hellbraun glatten Felsen formschön eingesäumt wurde. Die Kulisse wirkte wie eine Strandlandschaft, in der schlagartig hohe und raue Wellen mit weißen Schaumkronen sich gewaltig auftürmten und vom Meer aus Richtung Strand peitschten, während auf ihren Spitzen Menschen lustvoll und tänzerisch wild umhergewirbelt wurden.
Ich schwebte langsam aus dem Haus in Richtung der sandigen Küste und erlebte wie sich dieser Moment in einen herrlich klaren und von der Sonne verwöhnten Tag verwandelte. Der Strand war mit vielen Gestalten, groß wie klein, dicht bevölkert und eine laute aber feierlich anmutende Stimme ertönte irgendwoher aus einem Megaphon und kündigte erfreuterweise irgendwelche anstehenden Veranstaltungen für den Tag an.
Es war ein zauberhaft belebter Badetag mit zahlreichen Menschen, jung und alt, an einem unerwartet schönen Strand, ein Anblick, wie man es sich nicht besser auszudenken vermochte.
— Raum xx1125 —
Alles nur Theater
Ich stand in einem Theater, das wie ein Kino anmutete. Mein Blick richtete sich von der Bühne aus in den Zuschauerraum, wo Leute auf ihren Plätzen saßen und in Vorfreude alles genau beobachteten, was auf der Bühne vor sich ging oder gleich passieren würde.
Ich verharrte, von meiner Position aus gesehen, auf der rechten Seite dieser weitläufigen Fläche auf einer roten Couch und fühlte mich wie ausgeliefert. Die Spielfläche war hell ausgeleuchtet und ich erlitt mich innerlich erzwungen, etwas zu performen, hatte aber keine Ahnung, was ich ‚bringen‘ würde. Ich war nervös und hatte Lampenfieber.
Auf der gegenüberliegenden Seite der großen Schaubühne lag ein äußerst dünner rot-samtiger feiner Stoffteppich herum, vielmehr war es ein Stück Stoff, das leichte Falten warf. Ich entschied mich, unvermittelt ein ‚Spiel‘ vorzutäuschen: Ich stand auf und lief im weiten Bogen von hinten nach vorne über die Bühne und rutschte dabei über diesen feinen ‚Teppich‘ ungeschickt aus und strauchelte unschön zu Boden. Ich fühlte mich wie nackt und war peinlich berührt. Es hatte nichts gebracht … was wohl die Zuschauer jetzt denken?, schoss mir sorgenvoll durch den Kopf.
M. saß ebenfalls auf der Couch und wir waren oder wurden genötigt, gemeinsam Etwas aufzuführen. Sie schien sich ihrer Sache sicherer zu sein als ich. Mir war weitestgehend mulmig zumute, denn ich wusste nicht, was dieses ‚Stück‘ bedeutete, wer Regie führte und geschweige denn, wie diese ‚Geschichte‘ überhaupt weitergehen würde. Es fehlte ein Drehbuch und ich fühlte mich als beteiligter ‚Schauspieler‘ unwohl damit. Ich hatte große Angst zu versagen.
Ich hätte am liebsten die Vorstellung abgesagt, denn ich erkannte, dass ich diese ‚Leistung‘, was und wie immer sie sein würde, nicht zu erbringen vermochte. Ich lenkte mich mit einem leeren Gedanken ab und erwartete stattdessen den Rest des Ensembles, ebenfalls auf der Bühne zu sehen. Sie hätten eigentlich schon längst das sein sollen, dachte ich enttäuscht.
Auf einmal erschien eine große Gruppe von Menschen auf dem weitläufig breiten Podest. Das müssen meine Leute sein, mutmaßte ich. Sie waren mir einerseits vertraut, aber dennoch sah ihre Gesichter nicht und ihre Persönlichkeiten waren mir weit entrückt, denn sie erkannten meine Persona ebenfalls nicht. Ich glaubte, in der vordersten Reihe A. zu sehen, die eine gewisse Autorität ausstrahlte. Dennoch war sie nicht die tonangebende Person. Die Situation war durchaus frohlockend und feierlich, aber es fehlte ein Plan.
Einer aus der Gruppe – vermutlich mein verstorbener Bekannter O. – kam zur Couch hinüber und beschwerte sich über irgendetwas. Ich durchschaute weder seine Absicht, noch hörte ich heraus, worüber er sich beklagte.
Einer aus der Gruppe – vermutlich mein verstorbener Bekannter O. – kam zur Couch hinüber und beschwerte sich über irgendetwas. Ich erkannte weder noch hörte ich heraus, worüber er sich beklagte.
Ich hatte schlagartig die Idee, dass wir alle gemeinsam auf dieser Bühne improvisierten, damit ich diese Sache nicht allein ausbadete, und so rief ich wie ein Regisseur alle herbei und versuche mir Gehör zu verschaffen, um ihnen meinen Plan vorzustellen. Ich strengte mich sonderlich an, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, indem ich die Leute herbeiwinkte, um bei einer Spielpause wie der Coach mit den Spielern im Kreis einvernehmlich die Köpfe zusammenzustecken. Das gelang mir nicht, denn keiner der Anwesenden reagierte auf meine Handzeichen. Es schien unmöglich einzelne Leute beziehungsweise die ganze Truppe zusammenzurufen, geschweige denn zusammenzuhalten. Vereinzelt kamen welche in meine Richtung, entfernen sich rasch wieder, als wäre ich unsichtbar oder als hörten und sahen sie mich nicht. Alle liefen wild durcheinander.
Ich sagte zu M.: »Wir liefern nicht!«, und wandte mich damit an das ganze Ensemble, dass sie diese Ansage jedem weitergaben, denn ich glaubte nach wie vor an meine Eingebung einer möglichen und gemeinsamen Improvisation. Ich vernahm, dass meine Idee nicht ernsthaft Gehör fand, denn es reagierte keiner der Beteiligten auf meine Bemühungen. Ich war enttäuscht, fühlte mich unverstanden und vernahm tief in mir eine gewisse Form von Minderwertigkeitsgefühlen, wie jemand, der weder gemocht noch respektiert wurde.
Und schlagartig verlegte sich diese Bühne wie nach draußen ins Freie und wir erkundeten allesamt die Umgebung. Löwinnen erschienen und sogar andere Tiere, wer ahnte das schon, die ich nicht erkannte, außer einer übergroßen Hornisse, die in einer Art tiefem Gefäß feststeckte, das arme ‚Ding‘. Ich versuchte sie zu befreien, mit einem länglichen Gegenstand, den ich nicht genau zu identifizieren vermochte. Es gelang mir hoffentlich, denn ich erinnere mich leider nicht mehr.
Ich schritt mit ‚meiner Truppe‘ zwischen Zuschauerreihen, die wie aus einer früheren TV-Shows anmuteten, eine steile Treppe hinunter. Ich empfand dabei Erlösung und Erleichterung und so etwas wie ein Gefühl von ‚gemeinsam baden gehen‘ oder handeln, je nachdem. Zumindest war das meine Vorstellung davon. Ich sah keine Bühne mehr und erwachte im Raum.
— Raum 1211259301130 —
Landschaft mir Lokomotive
Ich stand an einem erhöhten Punkt, einem Anstieg oder leichter Kuppel, in einem ansonsten flachen Tal, das sich wie eine Steppe endlos weit von mir weg nach hinten ausdehnte. Und die zum Horizont hin von Bergen begrenzt wurde, deren Massiv sich zu zweidritteln mit Schnee bedeckt hatten. Es war ein überwältigendes Panorama, das ich bewunderte und genoss, als es sich vor meinen Augen bezaubernd entfaltete, wie eine anmutsvolle Natur, die ich zweifelsohne das eine oder andere Mal in Filmen oder Reiseberichten gesehen hatte. Diese Landschaft hätte man durchaus einem fernöstlichen oder asiatischen Raum zugeordnet. Insgeheim hatte ich gleichwohl das Gefühl, dass mir dieser Landstrich seltsam vertraut war, als hätte ich mich schon einmal darin aufgehalten. Es würde aber auch ein Gebiet in Nordamerika sein, oder womöglich sonst wo in Südamerika, dachte ich.
Es war ein sonniger Tag und ich vermochte meinen Blick weit in die Ferne zu richten. Ich bemerke voller Freude, wie sich um die Spitzen der schneebedeckten Berge zarte Kumuluswölkchen bildeten. Eine romantische Atmosphäre lag zuerst über dieser Szenerie wie ein leicht verdichteter Nebel, der sich endgültig in glasklare und kalte Luft aufgelöst hatte.
Ich erblickte im flachen Tal einen Zug mit einer alten schwarzen Lokomotive, die dampfend und schnaufend über die Anhöhe immer näher auf mich zurollte. Das Gefährt mutete wie ein Orient-Express-Zug aus vergangenen Tagen an. Ich empfand es als ungewöhnlich, dass ein Zug in dieser freien und weiten Landschaft einen Anstieg zu bewältigen hatte. Fuhren Züge ernsthaft einen Hang oder sogar einen Berg hinauf?, fragte ich mich, merkte aber, dass diese Fragestellung zu nichts führte.
Genau in diesem Moment verließ ich den ‚Raum‘. Ich weiß demnach nicht, ob der Zug mich je erreicht hatte und ob er ohne mich weiterfuhr, oder ob ich ihm nur nachschaute, während er an mir vorbeifuhr. Oder hielt er womöglich für mich an, damit ich einstieg?
— Raum, vergangene Jahre —
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